De­par­dieu gibt den Hea­vy Ri­der

In „Mam­muth“ spielt ein groß­ar­ti­ger Gé­r­ard De­par­dieu ei­nen pen­sio­nier­ten Schlacht­hof­mit­ar­bei­ter, den der Ru­he­stand in ei­ne Sinn­kri­se stürzt. Der Film er­zählt zu­gleich von ei­ner Ar­bei­ter­klas­se, die über­flüs­sig zu sein scheint – und ist trotz­dem nicht über

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KINO - VON THO­MAS KLINGENMAIER

Der Han­dy-An­ruf ist ei­gent­lich ganz prä­zi­se. „Ma­ma, da liegt ein stin­ken­der Mann“, mel­den die gut­bür­ger­li­chen Kin­der von ih­rer mor­gend­li­chen Schul­bus­hal­te­stel­le. „Sol­len wir die Po­li­zei ru­fen?“

Trotz­dem liegt ein Miss­ver­ständ­nis vor. Der mie­fi­ge Ko­loss, der sich hier zum Pen­nen ab­ge­legt hat, der trä­ge Fett­wanst mit den lan­gen, ge­lock­ten Haa­ren ei­nes Hip­pies und der freud­los ab­ge­sack­ten Wuch­tig­keit ei­nes ver­brauch­ten Ma­lo­chers, stellt kei­ne Ge­fahr für Kin­der dar. Er ist nicht ein­mal ein krü­mel­neh­me­ri­scher Klein­ga­no­ve, der an den Rän­dern der Mit­tel­schicht­vier­tel ent­lang streicht, in der Hoff­nung, durch ei­ne of­fen ste­hen­de Hin­ter­tür oder ein her­ab­ge­las­se­nes Au­to-

Die­ser Film will nicht schlau­er sein als

sei­ne Fi­gu­ren

fens­ter schnell et­was Ver­hö­ker­ba­res ein­ste­cken zu kön­nen. Ser­ge, ge­nannt Mam­muth, ist nur ein Mann, der sich ver­lo­ren hat, und nun sucht, was sich noch auf­trei­ben lässt von dem, was er ein­mal ge­we­sen zu sein meint.

Bis vor kur­zem war Ser­ge (der groß­ar­tig spie­len­de Gé­r­ard De­par­dieu) Schlacht­hofar­bei­ter. Er war ein­ge­bun­den in ei­ne fes­te Rou­ti­ne, aber von au­ßen hät­te wohl kei­ner ge­glaubt, dass die­ses Wa­ten im Blut, die­ses Sä­gen durch Schweine­und Rin­derka­da­ver mehr sein könn­te als die wi­der­wil­lig er­tra­ge­ne Not­wen­dig­keit, das Geld für Mie­te, Bier und Abend­es­sen zu­sam­men­zu­brin­gen. Aber wir wis­sen es bes­ser. „Mam­muth“ hat uns Ser­ges letz­ten Ar­beits­tag ge­zeigt, die Ver­ab­schie­dung des 60-Jäh­ri­gen in den Ru­he­stand und das un­ru­hi­ge Trap­sen des bä­ri­gen Man­nes durch ei­ne klei­ne Woh­nung. Was soll er tun mit sei­nen Hän­den, was soll er re­den mit sei­ner Frau (Yo­lan­de Mo­reau), wel­chen Un­ter­schied soll er abends bi­lan­zie­ren zwi­schen ei­ner Welt, in der es ihn noch gab, und ei­ner, in der er gar nicht mehr exis­tiert hät­te?

Ser­ge ist kein Mann der gro­ßen Wor­te und der ver­stie­ge­nen Ge­dan­ken, aber wir ver­ste­hen, dass auch er in ei­ner tie­fen Sinn­kri­se steckt. Zum Glück stimmt et­was mit sei­nen Ren­ten­un­ter­la­gen nicht. Es feh­len ein paar Ar­beits­nach­wei­se zu den vie­len Jobs, die Ser­ge frü­her hat­te. Und so kann der Mann sich un­ter dem Vor­wand, die Buchhal- tung in Ord­nung zu brin­gen, auf sein be­tag­tes Mo­tor­rad set­zen und noch ein­mal durchs Land fah­ren, all die al­ten Wir­kungs­stät­ten auf­su­chen, als sei­en nicht Jahr­zehn­te, son­dern bloß Ta­ge ver­gan­gen, als stün­den die Kn­ei­pen und Fir­men noch, als sei­en die Wir­te und Chefs kei­nen Tag äl­ter ge­wor­den, als wer­de Ser­ge dort in sei­ne Ju­gend schlüp­fen wie in ei­ne al­te Ja­cke, die noch im­mer passt und kei­ne lo­se Naht hat.

Das Re­gie­duo Be­noit Delé­pi­ne und Gus­ta­ve de Ker­vern war zu­letzt mit „Loui­se Hires a Contract Kil­ler“ im deut­schen Ki­no ver­tre­ten, ei­ner bit­te­ren Ra­tio­na­li­sie­rungs­ko­mö­die, in der Yo­lan­de Mo­reau als ent­las­se­ne Ar­bei­te­rin ei­ner über Nacht ins Aus­land ver­la­ger­ten Fa­b­rik die Wut der Be­leg­schaft in Ra­che an den Chefs um­mün­zen will. Auch „Mam­muth“ schil­dert nicht nur ei­ne in­di­vi­du­el­le Sinn­kri­se. Man kann ihn auch als Er­zäh­lung über ei­ne eu­ro­päi­sche Ar­bei­ter­schaft deu­ten, der man zu ver­ste­hen gibt, sie wer­de nicht mehr ge­braucht, und die un­si­cher zu­rück­blickt auf ei­ne Zeit, in der sie Mo­tor der gro­ßen Auf­schwung­ma­schi­ne war.

Aber nichts an „Mam­muth“ ist über­frach­tet, im Ge­gen­teil: Der Film ist mit ei­ner di­gi­ta­len Vi­deo­ka­me­ra ge­dreht und pas­send rup­pig ge­schnit­ten, um dem Gan­zen et­was Vor-und Bei­läu­fi­ges zu ge­ben. Ser­ges Mo­tor­rad, die Münch Mam­mut, ist wie er ein un­ge­schlach­tes Re­likt an­de­rer Zei­ten in ei­ner Epo­che strom­li­ni­en­för­mi­ger High­techRen­ner. Ser­ges Be­geg­nun­gen fü­gen sich nicht zu ei­nem Gan­zen. Wir be­kom­men nur Spu­ren ei­nes Le­bens zu se­hen. Man be­han­delt ihn rup­pig, ge­lang­weilt, pro­vo­kant, aber der Film wi­der­steht der Ver­su­chung, ein ge­fäl­li­ges „Al­ter-lehrt­den-Jun­gen-Mo­res“-Mär­chen zu er­zäh­len. Ser­ge steckt weg, schluckt run­ter, schleicht da­von. Er er­in­nert sich an Frau­en von frü­her (Isabelle Ad­ja­ni) und trifft wel­che von heu­te (Miss Ming), aber er wird nicht zum gro­ßen Ver­füh­rer mit Wild­schwein­charme ge­stylt. „Mam­muth“ führt den al­tern­den Mann, den Hea­vy Ri­der, den es schon mal vom Mo­tor­rad schlägt, be­hut­sam an an­de­re be­schä­dig­te und über­run­de­te Exis­ten­zen her­an und er­zählt statt von der gro­ßen Wen­de vom Her­auf­däm­mern ei­ner klei­nen Zuf­rie­den­heit. „Mam­muth“ ist ei­ner je­ner schö­nen Fil­me, die nicht schlau­er sein wol­len als ih­re Fi­gu­ren, son­dern lern­be­reit de­ren Un­ter­neh­mun­gen zu­se­hen.

FO­TO: EPD

Groß in Form: Gé­r­ard De­par­dieu als Ma­lo­cher auf Mo­tor­rad­tour in dem Film „Mam­muth“.

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