Tür­kei – reif für Eu­ro­pa?

Die Tür­ken ha­ben ei­ner Re­form ih­rer Ver­fas­sung zu­ge­stimmt, die das Land dem er­hoff­ten EU-Bei­tritt ei­nen wei­te­ren Schritt nä­her brin­gen soll. Doch die Bi­lanz der Mo­der­ni­sie­rung bleibt durch­wach­sen.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON MATTHIAS BEERMANN

DÜSSELDORF Die EU ringt um ei­ne ge­schlos­se­ne Hal­tung ge­gen­über stra­te­gi­schen Part­nern in der Welt, dar­un­ter wirt­schaft­lich rasch wach­sen­den Staa­ten wie Chi­na, In­di­en, Bra­si­li­en oder Süd­afri­ka. Der größ­te Streit aber herrscht nach wie vor über den Um­gang mit ei-

Die Ori­en­tie­rung nach Eu­ro­pa hat das Land zwei­fel­los vor­an­ge­bracht

nem Land di­rekt vor der eu­ro­päi­schen Haus­tür: der Tür­kei. Of­fi­zi­ell strebt An­ka­ra wei­ter in die EU. Aber wie reif ist die Tür­kei für Eu­ro­pa? Wir be­ant­wor­ten die wich­tigs­ten Fra­gen. Wo ste­hen die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen zwi­schen der EU und der Tür­kei? Die Ge­sprä­che, die im Ok­to­ber 2005 of­fi­zi­ell auf­ge­nom­men wur­den, tre­ten prak­tisch auf der Stel­le. Die Un­ter­händ­ler kön­nen nur noch drei von 35 Ver­hand­lungs­ka­pi­teln öff­nen. Acht Ka­pi­tel lie­gen auf Eis, weil die Tür­kei das An­ka­ra-Pro­to­koll nicht um­setzt und der grie­chi­schen Re­pu­blik Zy­pern wei­ter kei­nen Zu­gang zu ih­ren Hä­fen und Flug­hä­fen ge­währt. Zehn wei­te­re Ka­pi­tel sind we­gen po­li­ti­scher Vor­be­hal­te Zy­perns und Frank­reichs blo­ckiert. Wenn sich nichts be­wegt, gibt es wohl ab En­de 2011 nichts mehr zu ver­han­deln. Wel­che Fort­schrit­te hat die Tür­kei bei den Men­schen­rech­ten ge­macht? Die of­fi­zi­el­le Ori­en­tie­rung der Tür­kei nach Eu­ro­pa hat de­ren Mo­der­ni­sie­rung zwei­fel­los be­schleu­nigt. Aus­ge­rech­net un­ter dem is­la­misch-kon­ser­va­ti­ven Re­cep Tay­yip Er­do­gan, der seit Herbst 2002 tür­ki­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent ist, hat das Land mehr Schrit­te in Rich­tung Eu­ro­pa ge­tan als je zu­vor. So wur­den die be­rüch­tig­ten Staats­si­cher­heits­ge­fäng­nis­se ge­schlos­sen. Fort­schrit­te gab es auch bei der Mei­nungs­frei­heit. So sind mitt­ler­wei­le of­fi­zi­ell Fern­seh­sen­der und Ra­dio­sta­tio­nen er­laubt, die in den Spra­chen der Min­der­hei­ten sen­den. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen be­to­nen aber, dass im­mer noch vie­les im Ar­gen lie­ge. Herrscht in der Tür­kei Re­li­gi­ons­frei­heit? Die Tür­kei ist ne­ben Frank­reich das ein­zi­ge Land mit ei­ner lai­zis­ti­schen Ver­fas­sung, al­so ei­ner strik­ten Tren­nung von Re­li- gi­on und Staat. Doch die steht nur auf dem Pa­pier. Ei­ne Be­hör­de, die Diya­net, wirkt als obers­te is­la­mi­sche Rechts­in­stanz. Der Staat er­nennt und be­zahlt die Vor­be­ter, de­ren Aus­bil­dung wie auch den Bau und Un­ter­halt von Mo­sche­en. Die Be­völ­ke­rung ist zu über 99 Pro­zent mus­li­misch, an­de­re Glau­bens­ge­mein­schaf­ten kla­gen im­mer wie­der über Dis­kri­mi­nie­rung. Ihr Exo­dus geht un­ver­min­dert wei­ter: Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts leb­ten in der Tür­kei noch fast 20 Pro­zent Chris­ten; heu­te wird ih­re Zahl auf nur noch 0,5 Pro­zent ge­schätzt. Wel­che Rol­le spielt die Ar­mee? Die zi­vi­le Po­li­tik hat un­ter Er­do­gan die Macht der Mi­li­tärs im­mer wei­ter be­schnit­ten, zu­letzt durch sei­nen Er­folg beim Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum, das un­ter an­de­rem die Im­mu­ni­tät der Putsch-Ge­ne­rä­le von 1980 auf­hob. Vor al­lem hat die Ar­mee ih­re frü­he­re Do­mi­nanz im Na­tio­na­len Si­cher­heits­rat ein­ge­büßt, der bis vor we­ni­gen Jah­ren noch als die ge­hei­me Macht­zen­tra­le des Lan­des galt. Noch blei­ben die tür­ki­schen Streit­kräf­te auf­grund ih­rer schie­ren Grö­ße ein­fluss­reich. Mit über 600000 Mann stel­len sie nach den USA die zweit­größ­te Ar­mee in­ner­halb der Na­to dar. Wie steht das Land wirt­schaft­lich da? Erst in die­ser Wo­che wur­de die Tür­kei von der Or­ga­ni­sa­ti­on für Wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) in den höchs­ten Tö­nen ge­lobt. Mit elf Pro­zent Wachs­tum im ers­ten Halb­jahr 2010 boom­te die tür­ki­sche Wirt­schaft, für das Ge­samt­jahr rech­net die OECD mit gut sechs Pro­zent. Die Tür­kei lockt im­mer mehr aus­län­di­sche Kon­zer­ne an, und ei­ne neue Mit­tel­schicht kur­belt mit ih­rer star­ken Nach­fra­ge nach Kon­sum­gü­tern die Bin­nen­kon­junk­tur des Lan­des an. Al­ler­dings spielt die Schat­ten­wirt­schaft wei­ter ei­ne sehr gro­ße Rol­le. Au­ßer­dem er­reicht die Tür­kei trotz ih­rer öko­no­mi­schen Auf­hol­jagd mit rund 30 Pro­zent des durch­schnitt­li­chen Brut­to­in­lands­pro­dukts noch bei wei­tem nicht das durch­schnitt­li­che wirt­schaft­li­che Ni­veau in der EU. Was wür­de ei­ne Voll­mit­glied­schaft für die EU fi­nan­zi­ell be­deu­ten? Das ist um­strit­ten. Je nach Re­chen­mo­dell kommt die EUKom­mis­si­on auf Hilfs­zah­lun­gen von bis zu 27 Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich. Da­von hät­te Deutsch­land nach dem gül­ti­gen Schlüs­sel dann pro Jahr drei bis fünf Mil­li­ar­den Eu­ro zu tra­gen. Wie groß ist ei­gent­lich der Wunsch der Tür­ken nach ei­nem EU-Bei­tritt? Die Po­pu­la­ri­tät ei­nes EU-Bei­tritts ist in der Tür­kei über die Jah­re we­sent­lich ge­rin­ger ge­wor­den. Wa­ren 2004 noch 75 Pro­zent der tür­ki­schen Be­völ­ke­rung da­für, sind es letz­ten Um­fra­gen zu­fol­ge nur noch 38 Pro­zent. Hat An­ka­ra Al­ter­na­ti­ven? Seit ei­ni­ger Zeit ver­sucht sich die Tür­kei un­ter dem Schlag­wort der „stra­te­gi­schen Tie­fe“ als Re­gio­nal­macht zu po­si­tio­nie­ren. Das Land ist geo­gra­fisch ei­ne Brü­cke in den Na­hen und Mitt­le­ren Os­ten und wird im­mer mehr zu ei­ner Dreh­schei­be für die Öl-und GasVer­sor­gungs­net­ze nach We­st­eu­ro­pa. Seit Er­do­gan in An­ka­ra re­giert, for­ciert die Tür­kei da­her ih­re Öff­nung in Rich­tung der is­la­mi­schen Welt.

FO­TO: DDP

Der tür­ki­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan von der is­la­misch-kon­ser­va­ti­ven AKP und sei­ne Frau Er­mi­ne bei ei­nem ge­mein­sa­men öf­fent­li­chen Auf­tritt.

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