Ko­ali­ti­on: „Wul­ff bei Sar­ra­zin un­ge­schickt“

In der Ko­ali­ti­on macht sich Ver­wun­de­rung über das Vor­ge­hen des Bun­des­prä­si­den­ten bei der Ent­las­sung von Thi­lo Sar­ra­zin als Bun­des­bank-Vor­stand breit. Die Op­po­si­ti­on re­agiert em­pört dar­auf, dass das Prä­si­di­al­amt die Teil­nah­me an ei­ner Son­der­sit­zung des Ha

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON BIR­GIT MAR­SCHALL UND GREGOR MAYNTZ

BERLIN Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff hat in der Be­wäl­ti­gung der „Af­fä­re Sar­ra­zin“ bis­lang kei­ne glück­li­che Fi­gur ge­macht. Die­ser Ein­druck ver­fes­tigt sich nicht nur in der Op­po­si­ti­on, die ges­tern Abend bei ei­ner von der SPD be­an­trag­ten Son­der­sit­zung des Haus­halts­aus­schus­ses das Feh­len ei­nes Ver­tre­ters des Prä­si­di­al­am­tes be­män­gel­te. „Der Bun­des­prä­si­dent hat sich in der Sar­ra­zin-Sa­che sehr un­ge­schickt ver­hal­ten“, er­fuhr un­se­re Zei­tung aus Krei­sen der schwarz­gel­ben Ko­ali­ti­on. „Er hat of­fen­bar noch nicht nach­voll­zo­gen, dass er jetzt Bun­des­prä­si­dent und nicht mehr Mi­nis­ter­prä­si­dent ist“, hieß es in den Ko­ali­ti­ons­krei­sen. Dies sei „die all­ge­mei­ne Ein­schät­zung“ bei Uni­on und FDP.

Nach au­ßen hin un­ter­neh­men die Ko­ali­tio­nä­re aber al­les, um Wul­ff vor zu­sätz­li­chem Er­klä­rungs­druck zu schüt­zen. So gin­gen die Haus­halts­po­li­ti­ker von CDU, CSU und FDP bei der gest­ri­gen Son­der­sit­zung auf die Kol­le­gen von der Op­po­si­ti­on los. Die­se ha­be le­dig­lich ei­ne „Show­ver­an­stal­tung“ ha­ben wol­len.

Die SPD hat­te zu der Sit­zung die Teil­nah­me so­wohl des Bun­des­kanz­ler­am­tes als auch des Bun­des­prä­si­di­al­am­tes be­an­tragt, um aus be­ru­fe­nem Mund die Ab­läu­fe bei der Ab­be­ru­fung des um­strit­te­nen SPD-Po­li­ti­kers aus dem Vor­stand der Bun­des­bank nach­ver­fol­gen zu kön­nen. Em­pört nahm die Op­po­si­ti­on zur Kennt­nis, dass so­wohl das Kanz­ler­amt als auch das Prä­si­di­al­amt der Bit­te nicht folg­ten.

Wul­ffs Staats­se­kre­tär Lothar Ha­ge­b­öl­ling ha­be sich öf­fent­lich ge­äu­ßert, da kön­ne er auch dem Par­la­ment Re­de und Ant­wort ste­hen, kri­ti­sier­te die SPD. Für das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um er­klär­te Staats­se­kre­tär Stef­fen Kam­pe­ter (CDU) in der Sit­zung, dass die Bun­des­re­gie­rung an den Ge­sprä­chen über die Ab­lö­sung Sar­ra­zins nicht be­tei­ligt ge­we­sen sei. Die ge­setz­lich vor­ge­ge­be­ne Ein­schal­tung der Re­gie­rung be­zie­he sich nur auf An­stel­lungs­ver­trä­ge, nicht auf Auf­lö­sungs­ver­trä­ge.

Nach ei­ner Darstel­lung der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ hat das Bun­des­prä­si­di­al­amt die Be­din­gun­gen für die Ent­las­sung Sar­ra­zins der Bun­des­bank re­gel­recht dik­tiert. Am Mitt­woch ver­gan­ge­ner Wo­che ha­be sich Sar­ra­zin-An­walt Ste­fan Ei­den mit Wul­ffs Staats­se­kre­tär Ha­ge­b­öl­ling im Bun­des­prä­si­di­al­amt ge­trof­fen und von 17.30 bis 21 Uhr über die Be­din­gun­gen ei­nes frei­wil­li­gen Rück­zugs Sar­ra­zins ver­han­delt. An­we­send sei­en noch zwei wei­te­re Ju­ris­ten des Bun­des­prä­si­di­al­am­tes ge­we­sen, aber kein Ver­tre­ter der Bun­des­bank.

Am En­de sei­en sich bei­de Sei­ten über das Ver­fah­ren und die De­tails ei­nig ge­we­sen: Die Bun­des­bank wer­de den Vor­wurf, Sar­ra­zin ha­be Aus­län­der dis­kri­mi­niert, zu­rück­neh­men, auch den An­trag auf Ent­las­sung Sar­ra­zins nicht mehr auf­recht er­hal­ten und auch den An­spruch auf ei­ne un­ge­kürz­te Pen­si­on be­stä­ti­gen. Selbst der Pres­se­text, den die Bun­des­bank als Er­klä­rung ver­öf­fent­li­chen soll­te, sei in die­ser Sit­zung in we­sent­li­chen Tei­len dik­tiert wor­den.

Bei ei­nem zwei­ten Tref­fen am fol­gen­den Tag sei ein Ver­tre­ter der Bun­des­bank hin­zu­ge­sto­ßen. Da­bei sei der Pres­se­text in ei­nem Punkt ge­än­dert, die an­de­ren Punk­te der Ver­ein­ba­rung aber un­ver­än­dert ak- zep­tiert wor­den. Zu die­sen Me­dien­be­rich­ten woll­ten Prä­si­di­al­amt und Bun­des­bank nicht in­halt­lich Stel­lung neh­men. Ha­ge­b­öl­ling un­ter­strich, dass das Bun­des­prä­si­di­al­amt ei­ne „Rol­le als Me­dia­tor wahr­ge­nom­men“ ha­be. Die zwi­schen Bun­des­bank und Sar­ra­zin er­ziel­te Ei­ni­gung ha­be den Wil­len bei­der Ver­hand­lungs­part­ner wi­der­ge­spie­gelt. Die Bun­des­bank er­klär­te, sie dan­ke „dem Bun­des­prä­si­di­al­amt für sei­ne Ver­mitt­lung im Vor­feld der Re­ge­lung“.

Die Op­po­si­ti­on will nun ex­ter­ne Sach­ver­stän­di­ge hö­ren und sich durch An­fra­gen wei­ter auf­klä­ren.

FO­TO: DDP

Der Pro­vo­ka­teur Thi­lo Sar­ra­zin (Fo­to) hat mit sei­nem Buch „Deutsch­land schafft sich ab“ für viel Dis­kus­si­ons­stoff ge­sorgt – und Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff in Er­klä­rungs­not ge­bracht.

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