Schwe­dens So­zi­al­de­mo­kra­tie in der Kri­se

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON ANDRÉ AN­WAR

STOCK­HOLM Für Mo­na Sah­lin und ih­re so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Mit­strei­ter in Schwe­den könn­te der kom­men­de Sonn­tag zu ei­ner ra­ben­schwar­zen St­un­de der Wahr­heit wer­den. An die­sem Tag näm­lich wählt Schwe­den ein neu­es Par­la­ment. Glaubt man ak­tu­el­len Um­fra­gen, muss das rot-grü­ne Links­bünd­nis ein Erd­rut­sch­er­geb­nis er­war­ten – nach un­ten. 27,6 Pro­zent der Stim­men wer­den den So­zi­al­de­mo­kra­ten vor­her­ge­sagt. Es wä­re der schlech­tes­te Wert seit 100 Jah­ren. Die Op­po­si­ti­on kommt ins­ge­samt auf nur 41,8 Pro­zent.

Ganz an­ders die Re­gie­rungs­par­tei­en. Nach der­sel­ben Um­fra­ge er­hält die bür­ger­li­che Vier­par­tei­en­ko­ali­ti­on un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Fre­drik Rein­feldt 51,1 Pro­zent und wür­de noch­mals ei­ne Stei­ge­rung zum knap­pen Wahl­sieg vor vier Jah­ren ver­bu­chen kön­nen. An ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung der So­zi­al­de­mo­kra­ten, die seit dem Zwei­ten Welt­krieg na­he­zu un­ge­bro­chen und re­gel­mä­ßig mit ab­so­lu­ten Mehr­hei­ten re­gier­te, glau­ben des­halb die we­nigs­ten.

Die Grün­de sind viel­schich­tig. Vor al­lem kommt die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Spit­zen­kan­di­da­tin Sah­lin bei den Wäh­lern nicht gut an. Sie zei­ge zu we­nig Füh­rungs­kraft und sei ein Re­likt aus dem al­ten Staats­ap­pa­rat der So­zi­al­de­mo­kra­ten. Vor al­lem mensch­lich gilt sie vie­len als zu gars­tig, zu bit­ter, ei­ne Red­ne­rin, die ihr Po­li­ti­ker­hand­werk zwar ge­lernt ha­be, aber un­ter­halb der Rhe­to­rik kei­ne Fach­kom­pe­tenz be­sit­ze. So ähn­lich, nur et­was zu­rück­hal­ten­der, hat­te sie ihr Vor­gän­ger, ExMi­nis­ter­prä­si­dent und Par­tei­chef Gör­an Pers­son, nach ih­rem Amts­an­tritt 2007 be­schrie­ben.

Sah­lins Be­für­wor­ter spre­chen von ei­ner Hass­kam­pa­gne der mehr­heit­lich bür­ger­li­chen Me­di­en im Lan­de. In der Tat ma­chen die­se re­gel­mä­ßig un­ver­hoh­len Wer­bung für Rein­feldt. Ei­ne Zei­tung ru­bri­zier­te gar The­men­sei­ten mit „Der Mo­na-Hass“. Fre­drik Rein­feldt wird als ru­hi­ger, zu­hö­ren­der Mi­nis­ter­prä­si­dent mit Rück­grat be­schrie­ben, sei­ne hüb­sche Frau und Par­tei­kol­le­gin Fil­lipa sorgt so­gar für ein we­nig Glanz. Wirt­schaft­lich er­holt sich Schwe­den schnel­ler als die meis­ten an­de­ren EU-Län­der von der Wirt­schafts­kri­se, auch die Ar­beits­lo­sig­keit sinkt. Vor al­lem konn­te Rein­feldt auf dem so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Feld des Kran­ken­we­sens punk­ten. So schaff­te es die bür­ger­li­che Ko­ali­ti­on, die in Schwe­den ex­trem lan­gen War­te­zei­ten für ärzt­li­che Be­hand­lun­gen zu kür­zen.

Rein­feldt ver­fiel zu­dem nicht dem Drang, ins Horn der Rechts­po­pu­lis­ten zu bla­sen. Laut Um­fra­ge ge­hö­ren die an­dern­orts zen­tra­len Wahl­kampf­the­men Kri­mi­na­li­tät und Ein­wan­de­rung nicht ein­mal zu den zehn wich­tigs­ten in Schwe­den. Die we­ni­gen im Lan­de frei le­ben­den Wöl­fe sol­len mehr Wäh­ler be­un­ru­hi­gen als die tra­di­tio­nell groß­zü­gi­ge Ein­wan­de­rungs­po­li­tik.

Es gibt noch ei­nen tie­fer lie­gen­den Trend, der Sah­lin zu schaf­fen macht – ein Trend, an dem Vor­gän­ger Gör­an Pers­son schuld sein soll. Er führ­te sei­ne Par­tei von links im­mer wei­ter in die Mit­te, so stark, dass die un­zu­frie­de­nen Wäh­ler jetzt nach links – oder nach rechts – ab­wan­dern. So­gar bis ganz rechts: Ei­ni­ge un­zu­frie­de­ne An­hän­ger der So­zi­al­de­mo­kra­ten wäh­len jetzt po­pu­lis­tisch – die aus­län­der­feind­li­chen Schwe­den­de­mo­kra­ten.

FO­TO: AP

„Ei­ne neue Re­gie­rung für ganz Schwe­den“ ist der auf Wahl­pla­ka­ten von So­zi­al­de­mo­kra­tin Mo­na Sah­lin (2. v.l.) ge­äu­ßer­te Wunsch.

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