Hein­rich VIII. spal­te­te die Kir­che

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON MATTHIAS BEERMANN

DÜSSELDORF Es war kein theo­lo­gi­scher, son­dern ein rein po­li­ti­scher Akt, als der eng­li­sche Kö­nig Hein­rich VIII. 1533 mit dem Papst in Rom brach. Das Ober­haupt der Kir­che hat­te sich ge­wei­gert, die Ehe des Kö­nigs zu an­nul­lie­ren. Als Ober­haupt ei­ner neu­en Staats­kir­che setz­te sich Hein­rich VIII. 1534 dann selbst ein. Kir­che, das hieß in En­g­land fort­an „an­gli­ka­nisch“.

Ka­tho­li­ken durf­ten in Groß­bri­tan­ni­en bis 1829 nicht wäh­len, und bis heu­te schließt ein Ge­setz aus dem Jahr 1701, der so­ge­nann­te Act of Set­t­le­ment, je­den von der Thron­fol­ge aus, der „die päpst­li­che Re­li­gi­on be­kennt oder ei­nen Pa­pis­ten hei­ra­tet“. Mit­glie­der des Kö­nigs­hau­ses, die ei­nen Ka­tho­li­ken hei­ra­ten, müs­sen bis heu­te auf den Thron ver­zich­ten. Wer sich auf der In­sel zum Ka­tho­li­zis­mus be­kann­te, wähl­te die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner miss­trau­isch be­äug­ten Min­der­heit.

Res­te die­ses ur­al­ten Miss­trau­ens ko­chen auch jetzt im Zu­sam­men­hang mit der Papst­rei­se wie­der hoch. Da­bei gal­ten die Be­zie­hun­gen des Va­ti­kan zur An­gli­ka­ni­schen Kir­che lan­ge Zeit als be­son­ders ein­fach. In Rom sah man die theo­lo­gisch wei­ter eng ver­wand­te eng­li­sche Staats­kir­che als Brü­cke zu den Pro­tes­tan­ten. Doch dann kam es seit den 70er Jah­ren zu Rück­schlä­gen bei der An­nä­he­rung, ins­be­son­de­re we­gen der Wei­he von Frau­en zu Pries­tern in zahl­rei­chen an­gli­ka­ni­schen Kir­chen­pro­vin­zen.

Ka­tho­li­ken durf­ten in Groß­bri­tan­ni­en bis 1829 nicht wäh­len

Zu­letzt hat­te es vor ei­nem knap­pen Jahr zwi­schen bei­den Kir­chen er­heb­li­chen Är­ger ge­ge­ben. Der Va­ti­kan bot da­mals kon­ser­va­ti­ven An­gli­ka­nern, de­nen die zu­neh­mend li­be­ra­le Hal­tung ih­rer Kir­che zur Pries­ter­wei­he von Frau­en und zur Ho­mo­se­xua­li­tät ge­gen den Strich ging, den Über­tritt zur ka­tho­li­schen Kir­che an. Das nähr­te das Ge­fühl des Ver­rats, nach­dem schon zu­vor ei­ni­ge pro­mi­nen­te An­gli­ka­ner zum Ka­tho­li­zis­mus kon­ver­tiert wa­ren. Be­son­de­res Auf­se­hen er­reg- te der Fall von To­ny Blair, der nach sei­nem Aus­schei­den aus dem Amt des Pre­mier­mi­nis­ters En­de 2007 die Kir­che wech­sel­te.

Bis heu­te ge­hört of­fi­zi­ell die Hälf­te der 60 Mil­lio­nen Bri­ten der An­gli­ka­ni­schen Kir­che an, wo­ge­gen die Ka­tho­li­ken mit sechs Mil­lio­nen ei­ne klei­ne Min­der­heit sind. Ei­ne star­ke Stel­lung hat eben­falls die re­for­mier­te schot­ti­sche Na­tio­nal­kir­che, zu der sich mehr als 40 Pro­zent der Schot­ten be­ken­nen. Da­ne­ben gibt es Me­tho­dis­ten und Bap­tis­ten und evan­ge­li­sche Frei­kir­chen.

Ins­ge­samt be­fin­den sich die Chris­ten in Groß­bri­tan­ni­en frei­lich auf dem Rück­zug. Zu­wachs ver­zeich­nen vor al­lem die Mus­li­me, de­ren Zahl auf 1,6 bis 1,8 Mil­lio­nen ge­schätzt wird. Als Fol­ge der Ko­lo­ni­al­zeit und nach­fol­gen­den Ein­wan­de­rung le­ben in Groß­bri­tan­ni­en auch gro­ße Ge­mein­schaf­ten von Bud­dhis­ten (152 000), Hin­du­is­ten (560000) und Sikhs (336000). Die jü­di­sche Ge­mein­schaft zählt rund 300000 Mit­glie­der. Auf dem Vor­marsch sind frei­lich vor al­lem die At­he­is­ten: Zehn Mil­lio­nen Bri­ten, das sind mehr als 15 Pro­zent, sind oh­ne Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.