Sa­ti­ri­sche Kir­chen­kri­tik im Thea­ter an der Ruhr

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON DO­RO­THEE KRINGS

MÜL­HEIM/RUHR Die Haus­häl­te­rin ist schwan­ger. Al­so soll sie das Pfarr­haus erst ein­mal ver­las­sen. Die Nach­fol­ge­rin ist schon da, ein kes­ses Ding im ro­ten Dirndl. Sie ahnt noch nicht, dass sich auch ih­re Schür­ze bald wöl­ben wird.

Un­halt­ba­re Zu­stän­de, fin­det der grei­se Mann im Him­mel, dem die Schöp­fer­kraft lang­sam er­lahmt. Al­so wird der Teu­fel be­stellt, für die Un­züch­ti­gen auf der Er­de ei­ne Gei­ßel zu er­fin­den – und schon ist die Sy­phi­lis in der Welt.

Zum Spiel­zeit­auf­takt hat das Thea­ter an der Ruhr in Mül­heim zwei an­ti­ka­tho­li­sche Stü­cke aus der Zeit um 1900 her­vor­ge­holt und ge­schickt zu ei­nem neu­en Dra­ma ver­bun­den: Os­kar Pa­niz­zas „Das Lie­bes­kon­zil“ (1894) und Hein­rich Lau­ten­sacks „Die Pfarr­haus­ko­mö­die“ (1911). Bei­de Stü­cke wa­ren Skan­da­le in ih­rer Zeit, Pa­niz­za wur- de für sei­ne sa­ti­ri­sche Him­melstra­gö­die so­gar zu ei­nem Jahr Zucht­haus ver­ur­teilt. In Mül­heim sind sie nun ei­ner der ers­ten Kom­men­ta­re ei­nes Thea­ters zu den jüngs­ten De­bat­ten über Miss­brauch und Moral­an­spruch in der Kir­che.

Ro­ber­to Ci­ul­li hat den Er­öff­nungs­abend der Spiel­zeit an sei­nen jun­gen As­sis­ten­ten Thom­as­pe­ter Go­er­gen über­ge­ben, und der in­sze­niert das Stück oh­ne grel­le Dras­tik, oh­ne rei­ße­ri­schen Fu­ror, da­für mit ei­ner ge­wis­sen Trau­rig­keit, die man in den Tex­ten durch­aus fin­den kann – wie in je­der Sa­ti­re. Wenn da et­wa der jun­ge Geist­li­che und die neue Kö­chin bei­ein­an­der­sit­zen und dar­über re­den, ob sie jetzt noch be­ten kön­nen, dann ist das kei­ne pla­ka­ti­ve Aus­spra­che. Angst, Nai­vi­tät, Heu­che­lei und Selbst­hass wer­den er­kenn­bar in Fi­gu­ren. Und wenn Ru­pert Seidl als Pfar­rer ein­fach da­sitzt und „Dr­un­ten in der grü­nen Au“ an­stimmt, dann kün­det die­ses harm­lo­se Volks­lied zu­gleich von so viel be­droh­li­cher En­ge, dass es kei­ner wei­te­ren Wor­te be­darf.

Al­ler­dings hat die­ser Abend da­mit zu kämp­fen, dass ihn die Ak­tua­li­tät über­holt zu ha­ben scheint. Was An­fang des 20. Jahr­hun­derts Ta­bu­bruch war, ist heu­te Ge­gen­stand un­end­lich vie­ler Talk­run­den und De­bat­ten. So wirkt die Darstel­lung ei­nes tat­t­ri­gen Zy­ni­kers im Him­mel samt sei­nes de­ka­den­ten Wol­ken­per­so­nals mehr bie­der als bis­sig. So sehr man die Au­to­ren der Jahr­hun­dert­wen­de für ih­ren Mut be­wun­dern kann, heu­te wür­den sie wahr­schein­lich an­de­re Stü­cke schrei­ben.

FO­TO: TAR

Si­mo­ne Tho­ma im Mül­hei­mer „Lie­bes­kon­zil“

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