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Der frü­he­re Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter (SPD) über die dra­ma­ti­schen Wo­chen nach der Leh­man-Plei­te, die Chan­cen der Min­der­heits­re­gie­rung von Han­ne­lo­re Kraft und die Zu­kunft der Lan­des­ban­ken.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT -

Von der Fi­nanz­kri­se wer­den zwei Bil­der blei­ben: Leh­man-Ban­ker, die Kar­tons her­aus­tra­gen, und Mer­kel und St­ein­brück, die al­le Spar­ein­la­gen ga­ran­tie­ren. Wie groß war an je­nem Wo­che­n­en­de die Ge­fahr ei­nes Ban­ken­sturms wirk­lich?

St­ein­brück Von der Bun­des­bank und ein­zel­nen Ban­ken hat es ernst zu neh­men­de Hin­wei­se ge­ge­ben, dass Spa­rer be­reits im gro­ßen Stil Geld ab­he­ben. Und eins war klar: Schlan­gen vor ei­ner Bank, wie wir sie Mo­na­te zu­vor bei der in­sol­ven­ten bri­ti­schen Bank Nort­hern Rock ge­se­hen hat­ten, durf­te es in Deutsch­land nicht ge­ben. Nicht bei den trau­ma­ti­schen Er­fah­run­gen der Ver­mö­gens­ver­nich­tung in der deut­schen Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts.

Was hät­ten Sie denn ge­macht, wenn tat­säch­lich Ban­ken ge­fal­len wä­ren?

St­ein­brück Na­tür­lich ge­zahlt. Al­les an­de­re hät­te das Ver­trau­en in die Po­li­tik voll­stän­dig zer­stört. In ei­ner sol­chen Not­stands­si­tua­tio­nen wä­re es se­kun­där, wie stark die Staats­ver­schul­dung steigt.

Spä­ter hat der Staat die Bank Hy­po Re­al Esta­te (HRE) mit Mil­li­ar­den ge­ret­tet. War das wirk­lich nö­tig?

St­ein­brück Un­be­dingt. Wä­re die Bank ge­fal­len, mit ei­ner Bi­lanz­sum­me von rund 400 Mil­li­ar­den, hät­te es Ver­wer­fun­gen in ganz Eu­ro­pa ge­ge­ben. Schon die viel klei­ne­re IKB muss­ten wir ret­ten, da­mit der Fi­nanz­markt nicht zu­sam­men­bricht. Der In­ter­ban­ken­markt, al­so der Han­del zwi­schen den Ban­ken, war be­reits aus­ge­trock­net. Am En­de ging es um die Si­cher­heit der Spar­gut­ha­ben al­ler Bür­ger.

Was sa­gen Sie da­zu, dass die Bank nun schon wie­der Mil­li­ar­den braucht?

St­ein­brück Man muss zwi­schen Ga­ran­ti­en und Ka­pi­tal­zu­schüs­sen un­ter­schei­den. Wenn über die jet­zi­ge Hil­fe ei­ne Ab­spal­tung der pro­ble­ma­ti­schen Ak­ti­va ge­lingt, hal­te ich sie für ver­nünf­tig.

Wer hat denn ei­gent­lich die Haupt­schuld an der Kri­se – sys­te­mi­sche Feh­ler oder per­sön­li­ches Ver­sa­gen?

St­ein­brück Bei­des spielt ei­ne Rol­le. Der frü­he­re US-No­ten­bank-Chef Alan Gre­en­span hat mit sei­ner Po­li- tik des bil­li­gen Gel­des si­cher­lich ei­nen Keim für die Kri­se ge­legt. Das Ver­sa­gen ein­zel­ner Ma­na­ger, po­li­ti­sche Er­ge­ben­heit, welt­wei­te Un­gleich­ge­wich­te ka­men hin­zu.

Wer war der Schlimms­te?

St­ein­brück Vom da­ma­li­gen HRE-Chef Georg Fun­ke ha­be ich mich schon ge­wal­tig hin­ter die Fich­te ge­führt ge­fühlt, vom frü­he­ren IKB-Chef Ste­fan Ort­sei­fen des­in­for­miert. Er hät­te wis­sen müs­sen, wie stark sei­ne Bank in ris­kan­ten struk­tu­rier­ten Wert­pa­pie­ren en­ga­giert ist.

Fühl­ten Sie sich von Bun­des­bank-Prä­si­dent Weber und Deut­sche-Bank­Chef Acker­mann gut be­ra­ten?

St­ein­brück Von Weber im­mer, von Acker­mann meis­tens. Die ver­nünf­ti­ge Idee vom Ban­ken­ret­tungs­pa­ket stammt von bei­den. Um­so be­fremd­li­cher fan­den es die Kanz­le­rin und ich, dass Acker­mann spä­ter er­klär­te, er wür­de sich schä­men, wenn sei­ne Bank die Hil­fe in An­spruch neh­men müss­te.

Die Skan­dal­bank Wes­tLB hat schon meh­re­re NRW-Re­gie­run­gen, auch Ih­re, in Ver­le­gen­heit ge­bracht. Wel­che Zu­kunft hat sie noch nach der Kri­se?

St­ein­brück: Ei­nen Käu­fer wird sie vor­aus­sicht­lich nicht fin­den. Mein Nach­fol­ger als NRW-Mi­nis­ter­prä­si­dent, Jür­gen Rütt­gers, hat ver­schie­de­ne Lö­sun­gen für die Wes­tLB vor­ge­schla­gen – ei­ne ver­ti­ka­le mit den Spar­kas­sen, ei­ne ho­ri­zon­ta­le mit an­de­ren Lan­des­ban­ken, ei­ne in­ter­na­tio­na­le mit gro­ßen In­ves­to­ren. Kei­ne hat ge­klappt.

Sie hat­ten als Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter ei­ne Fu­si­on al­ler Lan­des­ban­ken vor­ge­schla­gen. Ist das noch rea­lis­tisch?

St­ein­brück: Ei­ne Kon­so­li­die­rung auf die­ser Ebe­ne zum jet­zi­gen Zeit­punkt wird schwer. Denn je­de Lan­des­bank fragt sich, ob die an­de­re ei­ne Mit­gift in die Fu­si­on ein­bringt, die am En­de al­le um­bringt. So­lan­ge die Ri­si­ken in den Bi­lan­zen nicht klar sind und aus­ge­la­gert wur­den, glau­be ich nicht an ei­ne Kon­so­li­die­rung des Lan­des­ban­ken­sek­tors.

Hat es Sie mit Ge­nug­tu­ung er­füllt, als Han­ne­lo­re Kraft ei­ne schwarz-gel­be Mehr­heit in NRW ver­hin­der­te?

St­ein­brück: Ja. Der schnel­le Re­gie­rungs­wech­sel nach mei­ner Wahl­nie­der­la­ge freut mich.

Hat Sie Krafts Er­folg über­rascht?

St­ein­brück: Ich ha­be sie als Mi­nis­ter­prä­si­dent 2002 im Ver­trau­en auf ih­re Fä­hig­kei­ten zum or­dent­li­chen Ka­bi­nett­mit­glied be­ru­fen. Sie hat ei­nen glän­zen­den Wahl­kampf ge­führt, hat da­nach her­vor­ra­gend ver­han­delt und den rich­ti­gen Um­gang mit der Link­s­par­tei ge­fun­den. Sie hat sich da­mit nicht von der Lin­ken ab­hän­gig ge­macht. Da­für ge­bührt ihr ein gro­ßes Kom­pli­ment.

Kann die Min­der­heits­re­gie­rung am En­de am Geld schei­tern?

St­ein­brück Die schwie­ri­ge Haus­halts­la­ge in NRW ist die Achil­les­fer­se der Ko­ali­ti­on. Die Fi­nan­zen der Län­der sind stär­ker ge­fähr­det, als sich die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und Fi­nanz­mi­nis­ter die­ser Län­der ein­ge­ste­hen. Sie ha­ben letzt­lich kaum noch ei­nen Gestal­tungs­spiel­raum mehr für Zu­kunfts­in­ves­ti­tio­nen.

Wer ist der ge­fähr­li­che­re CDU-Ge­gen­kan­di­dat – La­schet oder Rött­gen?

St­ein­brück Vor we­ni­gen Wo­chen hät­te ich ge­sagt, es ist Rött­gen. Aber bei der Feil­sche­rei um län­ge­re Atom­lauf­zei­ten wur­de der Um­welt­mi­nis­ter so sehr be­schä­digt, dass er sei­nen Vor­sprung ver­lo­ren hat.

In­dus­trie­po­li­tisch muss die neue NRW-Re­gie­rung mit Groß­pro­jek­ten wie der CO-Pi­pe­line von Bayer um­ge­hen. Muss sie sich da stär­ker zum In­dus­trie­land NRW be­ken­nen?

St­ein­brück Bei der CO-Pi­pe­line ent­schei­den am En­de die Ge­rich­te. Ich kann die Bür­ger ver­ste­hen, an de­ren Grund­stü­cke die CO-Pi­pe­line vor­bei­geht. Die sind na­he­zu un­ver­käuf­lich. Ich ha­be mit den Ver­ant­wort­li­chen der Feu­er­weh­ren ge­spro­chen. Die zeig­ten sich über­for­dert, soll­te wirk­lich ein Un­glück an der Pi­pe­line pas­sie­ren. Im üb­ri­gen hö­re ich von Ab­wei­chun­gen, was die Auf­la­gen aus dem Pl­an­fest­stel­lungs­be­schluss be­trifft. Ich bin zer­ris­sen zwi­schen den be­rech­tig­ten Si­cher­heits­be­dürf­nis­sen der Be­völ­ke­rung und dem Ar­gu­ment, dass ein In­dus­trie­land wie Nord­rheinWest­fa­len auch ei­ne ent­spre­chen­de In­fra­struk­tur braucht.

Sie wer­den als neu­er Chef der RAGStif­tung ge­han­delt. In­ter­es­se?

St­ein­brück Das ist ei­ne Er­fin­dung der Jour­na­lis­ten. Was ich an­geb­lich al­les wer­den soll, das könn­te ei­nem ja zu Kopf stei­gen. Jetzt brin­ge ich erst ein­mal mein Buch auf den Markt.

Antje Höning und Mar­tin Kess­ler

FO­TO: LAIF

Wäh­rend der schwe­ren Fi­nanz­kri­se war Peer St­ein­brück (63) Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter. Nach dem Re­gie­rungs­wech­sel schrieb er sein Buch „Un­term Strich“, das ge­ra­de auf den Markt ge­kom­men ist.

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