The­ra­peut auf vier Pfo­ten

Hun­de kön­nen das Le­ben von blin­den oder ge­hör­lo­sen Men­schen er­leich­tern. Es gibt auch Vier­bei­ner, die Dia­be­ti­ker vor Un­ter­zu­cke­rung und Epi­lep­ti­ker vor ei­nem An­fall war­nen – die Gol­den-Re­trie­ver-Hün­din An­gel zum Bei­spiel. Sie er­kennt ei­ne Atta­cke ei­ne St

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SERIE - VON LESLIE BROOK

ROET­GEN Ei­nen Mo­nat vor sei­nem drit­ten Le­bens­jahr hat­te Chris­ti­an den ers­ten An­fall. Er fiel ein­fach im Wohn­zim­mer auf den Bo­den, die Au­gen wa­ren starr und er be­weg­te sich nicht mehr. Die­sen Mo­ment wird sei­ne Mut­ter Ire­ne Hei­ner nicht ver­ges­sen. Vier Jah­re lang wur­de Chris­ti­ans sel­te­ne und schwe­re Form der Epi­lep­sie im Kran­ken­haus un­ter­sucht.

Jah­re spä­ter sitzt Chris­ti­an Hei­ner in der Hun­de­schu­le und strei­chelt über das sam­tig schim­mern­de Fell von An­gel. Die Gol­den-Re­trie­ver-Hün­din liegt dicht ne­ben den Fü­ßen des 18-Jäh­ri­gen. Ih­ren Kopf hat sie auf die Pfo­ten ge­legt. Sie ist ru­hig, denn im Mo­ment geht es Chris­ti­an gut. Er lacht und trinkt Cap­puc­ci­no. An­gel und Chris­ti­an ver­brin­gen je­de Mi­nu­te mit­ein­an­der, am Tag und in der Nacht. Die Hün­din ist Chris­ti­ans An­fall­warn­hund.

Die An­fäl­le kom­men vor al­lem nachts. „In fast je­der Nacht“, sagt Chris­ti­ans Mut­ter. Bis An­gel zur Fa­mi­lie stieß, hat sie je­de Nacht im Zim­mer ih­res Soh­nes ge­wacht, um bei ei­nem epi­lep­ti­schen An­fall ein­grei­fen zu kön­nen. Chris­ti­an ver­krampft sehr stark, und es kann sein, dass er sich über­gibt. Dann be­steht die Ge­fahr des Er­sti­ckens. „Des­halb muss im­mer je­mand in der Nä­he sein.“ Die­se kräf­te­zeh­ren­de Po­si­ti­on hat nun An­gel über­nom­men. „Ich kann end­lich wie­der durch­schla­fen“, sagt Ire­ne Hei­ner – und Chris­ti­an sei viel ent­spann­ter ge­wor­den, er re­de nun et­was mehr und neh­me we­sent­lich mehr von sei­ner Um­welt wahr. Zu­dem ha­be sich die Zahl der Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te ver­rin­gert.

An Ve­rän­de­run­gen des Kör­per­ge­ruchs kann An­gel er­ken­nen, ob ein An­fall be­vor­steht. Bis zu an­dert­halb St­un­den im Vor­aus warnt sie ihr Herr­chen und sei­ne Fa­mi­lie mit schar­fem Bel­len, und kurz be­vor es akut wird, bringt sie ei­nen klei­nen Stoffsack, auf dem das Wort „Hil­fe“ steht, zu ei­ner Per­son im Um­feld. „Sie lässt dann auch nicht lo­cker, egal wie fest je­mand schläft“, sagt Ire­ne Hei­ner und lä­chelt. An­gel legt die Pfo­ten auf die Bett­de­cke und macht sich mit Bel­len be­merk­bar, bis je­mand nach Chris­ti­an sieht.

Ob sich ein Hund als An­fall­warn­hund eig­net, ent­schei­det sich be­reits kurz nach sei­ner Ge­burt. Im Al­ter von et­wa zehn Ta­gen wird der Wel­pe in die Mit­te ei­nes Tu­ches ge­setzt und be­ob­ach­tet. „Der Wel­pe, der ein­fach lie­gen bleibt, sich kei­nen Zen­ti­me­ter be­wegt und nach sei­ner Mut­ter jam­mert, ist der Rich­ti­ge“, sagt Erik Kerst­ing, Lei­ter des Hun­de­zen­trums Ca­nis fa­mi­li­a­ris. Die­ser Hund sei ab­hän­gig und ver­ant­wor­tungs­be­wusst und kön­ne ei­ne en­ge Be­zie­hung zu ei­ner Per­son auf­bau­en. So wie An­gel. Vom Züch­ter kam sie ganz klein zu Fa­mi­lie Hei­ner in die Ei­fel, um dort mög­lichst früh ei­ne Bin­dung zu Chris­ti­an auf­zu­bau­en und in der Hun­de- schu­le vor­be­rei­tet zu wer­den. Erik Kerst­ing bil­det seit et­wa 20 Jah­ren Ser­vice-oder The­ra­pie­hun­de aus: Hun­de für Blin­de und Ge­hör­lo­se. Seit Mit­te der 90er Jah­re trai­niert er auch Hun­de für Dia­be­ti­ker und Epi­lep­ti­ker. „Un­ser gan­zes Le­ben hat sich ver­än­dert, seit­dem An­gel bei uns ist“, sagt Ire­ne Hei­ner.

Um Chris­ti­an aus ei­nem An­fall zu ho­len, müs­sen nun nicht mehr Me­di­ka­men­te und Me­di­zi­ner tä­tig wer­den. An­gel schafft es, den Jun­gen mit eif­ri­gem Schle­cken durchs Ge­sicht wie­der ins Be­wusst­sein zu be­för­dern. Bei fast je­dem Epi­lep­ti­ker wird ei­ne an­de­re Tech­nik an­ge­wandt, sagt Erik Kerst­ing: „Wir schau­en, was dem Epi­lep­ti­ker an­ge­nehm ist und ver­su­chen das mit dem Hund um­zu­set­zen.“ Bei ei­nem an­de­ren Kind le­cke der Hund über das Ohr und bei ei­nem drit­ten kitz­le er es an den Fü­ßen. „Die­ser Jun­ge kommt im­mer la­chend aus sei­nen An­fäl­len“, sagt der Hun­de­trai­ner. Und je nach­dem, ob ein Epi­lep­ti­ker eher hin­fällt oder ver­krampft, wer­den die Hun­de auch trai­niert, ge­fähr­li­che Ge­gen­stän­de weg­zu­räu­men oder ein Kis­sen zu ho­len.

Zu Selbst­stän­dig­keit und Selbst­be­stimmt­heit ver­hilft Chris­ti­an sein Hun­de­ge­fähr­te. An­gels nächs­tes Ziel wird es sein, al­lei­ne mit Chris­ti­an nach drau­ßen zu ge­hen und auch dort so bei An­fäl­len ein­zu­grei­fen, dass dem Jun­gen nichts pas­siert. Kerst­ing: „Wenn wir das ge­schafft ha­ben, kann die gan­ze Fa­mi­lie wie­der fast nor­mal le­ben und Chris­ti­an sei­ne Ju­gend ge­nie­ßen.“

FO­TO: BRETZ

Un­zer­trenn­lich: Chris­ti­an Hei­ner (18) mit Gol­den Re­trie­ver An­gel. Am Kör­per­ge­ruch er­kennt die Hün­din, wenn ih­rem Herr­chen ein epi­lep­ti­scher An­fall droht.

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