Die Tricks der Miet-No­ma­den

Ge­schätz­te 3000 Miet-No­ma­den gibt es in NRW: Sie be­zie­hen ei­ne Woh­nung, zah­len ein, zwei­mal Mie­te – und kos­ten den Ver­mie­ter von da an nur noch Geld. Wis­sen­schaft­ler der Uni Bie­le­feld un­ter­su­chen jetzt, wie die Be­trü­ger vor­ge­hen. Ziel der For­scher: stärk

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - LAND & LEUTE - VON UL­RI­KE WIN­TER

KRE­FELD Als Rolf St­ei­ners am 31. Ju­li erst­mals nach sechs Mo­na­ten sei­ne Woh­nung be­trat, blick­te er aufs blan­ke Cha­os: In den drei Dach­ge­schoss-Zim­mern wa­ren Holz­de­cken her­aus­ge­ris­sen, Bad-Ar­ma­tu­ren und Steck­do­sen de­mo­liert, Re­gal­tei­le, Klei­der und Schu­he über die ge­sam­ten 70 Qua­drat­me­ter ver­teilt wor­den. Meh­re­re hun­dert Eu­ro hat es den Kre­fel­der ge­kos­tet, die Woh­nung ent­rüm­peln und rei­ni­gen zu las­sen. Trotz­dem war der 31. Ju­li ein Glücks­tag, sagt der 66-Jäh­ri­ge mit ei­nem bit­te­ren Lä­cheln: An dem Tag war sein Miet-No­ma­de aus­ge­zo­gen.

Der­ar­ti­ge Er­leb­nis­se set­zen deut­schen Ver­mie­tern in­zwi­schen der­art zu­setzt, dass die Bun­des­re­gie­rung sie wis­sen­schaft­lich un­ter­su­chen lässt. Miet-No­ma­den zie­hen ein, über­wei­sen nur ein oder zwei­mal Mie­te, woh­nen in der Im­mo­bi­lie aber über Mo­na­te, manch­mal Jah­re. Nicht, weil Schei­dung oder Job­ver­lust sie in Geld­not ge­bracht hat, son­dern vor­sätz­lich. 15 000 sol­cher Fäl­le gibt es laut der Ei­gen­tü­mer-Ge­mein­schaft „Haus & Grund“ in Deutsch­land, 3000 von ih­nen in NRW. Ver­mu­te­ter Scha­den pro Fall: 25000 bis 30000 Eu­ro. Wäh­rend der Deut­sche Mie­ter­bund, der von 1000 Fäl­len aus­geht, die recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Miet-No­ma­den und Ver­mie­tern mit mehr Rich­tern be­schleu­ni­gen will, for­dert „Haus & Grund“ neue Ge­set­ze. Ob die nö­tig sind, soll die Uni Bie­le­feld her­aus­fin­den.

Rechts­ex­per­ten sol­len er­mit­teln, wie vie­le Miet-Be­trü­ger es in Deutsch­land tat­säch­lich gibt, wie sie ih­re Op­fer aus­su­chen, wie sie sie schä­di­gen. Bis­her lie­ße sich ab­ge­se­hen von ge­schätz­ten Zah­len nur mut­ma­ßen, dass es Miet-No­ma­den vor al­lem auf klei­ne Pri­vat­ver­mie­ter ab­ge­se­hen ha­ben, die kei­ne pro­fes­sio­nel­le Rechts­ab­tei­lung hin­ter sich wis­sen, er­klärt der Bie­le­fel­der Rechts­ex­per­te Mar­kus Artz. Er un­ter­sucht der­zeit mehr als 700 Fäl­le von Be­trof­fe­nen aus ganz Deutsch­land. Zu­dem sei wahr­schein­lich, dass sie in struk­tur­schwa­chen Ge­gen­den zu­schla­gen – Ge­gen­den, in de­nen Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer froh sind, über­haupt Mie­ter zu fin­den.

Auch Rolf St­ei­ners war er­leich­tert, als er An­fang des Jah­res je­man­den fand, der in die Dach­ge­schoss­woh­nung an ei­ner Haupt­ver­kehrs­stra­ße ein­zog. „Und zu­nächst ma­chen vie­le Mie­ter auch ei­nen klas­se Ein­druck. Sie prä­sen­tie­ren so­gar Re­fe­ren­zen vom Vor­ver­mie­ter, dass sie stets ge­zahlt ha­ben. Die hät­te ich mei­nem Miet-No­ma­den al­ler­dings auch un­ter­schrie­ben, wenn er da­für aus­ge­zo­gen wä­re“, sagt St­ei­ners.

Sind sie ein­ge­zo­gen, ge­ben sich Be­trü­ger aber schnell zu er­ken­nen: „Für den März wur­de die Mie­te schon nur noch teil­wei­se ge­zahlt“, er­in­nert sich St­ei­ners. „Da­nach kam gar nichts mehr.“ Der Mie­ter sagt heu­te, das Geld we­gen ei­nes nicht re­pa­rier­ten Bad­lichts und ei­ner ewig de­fek­ten Tür­klin­gel ein­be­hal­ten zu ha­ben. Trotz die­ser an­geb­lich an­ste­hen­den Re­pa­ra­tu­ren war er für St­ei­ners bald nicht mehr zu er­rei­chen. „Hab ich an­ge­ru­fen, hat er mich weg­ge­drückt. Hab ich an der Tür ge­klopft, hat er nicht auf­ge­macht“, er­in­nert sich St­ei­ners. „Am En­de war ich drei­mal die Wo­che dort. Kopf­mä­ßig be­schäf­tigt ei­nen das ja je­den Tag.“

St­ei­ners hat Er­fah­rung mit Miet­No­ma­den. Bis Mit­te 2009 hat­te ei­ne Frau mit zwei Kin­dern in der Dach­woh­nung ge­haust. Ne­ben Miet­schul­den hin­ter­ließ sie „je­de Men­ge ab­ge­nutz­te Mö­bel“, „mit Ed­ding be­schmier­te In­nen­tü­ren, Brat­pfan­nen und Koch­töp­fe in der Ba­de­wan­ne“. Die­se „Ka­ta­stro­phe“, wie St­ei­ners sagt, ha­be ihn 7000 Eu­ro ge­kos­tet, al­ler­dings auch ei­ne Er­kennt­nis ge­bracht: Tun kann man ge­gen Miet-No­ma­den we­nig.

„Wenn man klagt, das wis­sen Miet­no­ma­den ge­nau, kann es bis zu ei­nem hal­ben Jahr dau­ern, bis et­was pas­siert“, sagt er. Laut „Haus & Grund“ braucht es bis zu 21 Mo­na­te bis zur Räu­mung. Das soll künf­tig nach spä­tes­tens neun Mo­na­ten mög­lich sein, for­dern die Ei­gen­tum-Schüt­zer. Zu­dem sol­len Mie­ter Streit­sum­men schon nach ei­nem Mo­nat bei Ge­richt hin­ter­le­gen müs­sen. Ob das Bie­le­fel­der For­schungs­pro­jekt tat­säch­lich neue Ge­set­ze an­schiebt – Auf­trag­ge­ber ist das Bun­des­bau­mi­nis­te­ri­um, zu­stän­dig das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um – bleibt ab­zu­war­ten.

St­ei­ners ist je­den­falls froh, dass sei­ne Im­mo­bi­lie ab­ge­zahlt ist. „Ich ken­ne Ver­mie­ter, die sa­gen ih­ren Miet-No­ma­den: „Ich er­las­se dir die aus­ste­hen­den Mie­ten und geb’ dir 500 Eu­ro da­zu, wenn du aus­ziehst. Ver­rückt. Aber wenn wer als Ei­gen­tü­mer auf die Miet­ein­nah­men an­ge­wie­sen ist, den ma­chen Miet-No­ma­den schnell zum So­zi­al­fall.“

FO­TOS (4): PRI­VAT

Gleich zwei­mal wur­de Rolf St­ei­ners aus Kre­feld Op­fer von Miet-No­ma­den. Die Be­woh­ner hin­ter­lie­ßen sei­ne Woh­nun­gen völ­lig ver­wüs­tet und ver­schmutzt.

FO­TO: LAM

„Mie­te wur­de gar nicht mehr über­wie­sen“, sagt Rolf St­ei­ners.

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