Mer­kel und Sar­ko­zy spre­chen sich aus

Die Kanz­le­rin hat den Streit mit Paris um die fran­zö­si­sche Ro­ma-Po­li­tik bei­ge­legt. Nun wid­met sie sich bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen ih­ren Haupt­zie­len: dem Ein­tre­ten ge­gen Ar­mut und Hun­ger – und für mehr Ein­fluss Deutsch­lands im Si­cher­heits­rat. Heu­te spricht

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON MICHAEL BRÖCKER

NEW YORK Es ist ein gu­tes Pflas­ter für die Bun­des­kanz­le­rin. Bei ih­rem vo­ri­gen Be­such in New York wur­de An­ge­la Mer­kel vor drei Jah­ren zur „Welt-Staats­frau“ ge­kürt. Auch die­ses Mal wird Mer­kel ge­ehrt. Heu­te Nach­mit­tag er­hält die Kanz­le­rin die Leo-Ba­eck-Me­dail­le für ih­re Be­mü­hun­gen um die deutsch-jü­di­sche Aus­söh­nung. Es ist wie so oft in der Ver­gan­gen­heit: Wäh­rend die schwarz-gel­be Re­gie­rung auch ein Jahr nach der Bun­des­tags­wahl noch ei­nen kon­flikt­frei­en Re­gie­rungs­kurs sucht und un­ter hef­ti­gem Be­schuss der Op­po­si­ti­on steht, er­fährt Mer­kel im Aus­land Auf-

Wie­der ein­mal er­fährt Mer­kel im Aus­land viel Wert­schät­zung

merk­sam­keit und Wert­schät­zung. Mehr als zwei Dut­zend Re­gie­rungs­chefs ha­ben sich für ein Ge­spräch mit Mer­kel an­ge­sagt, der Emp­fang des Deut­schen Hau­ses ges­tern Abend ge­riet zum Stell­dich­ein in­ter­na­tio­na­ler Po­li­tik-Grö­ßen.

Ges­tern Vor­mit­tag, kurz nach Er­öff­nung des UN-Gip­fels zur Ar­muts­be­kämp­fung, hat­te ei­ne gut ge­laun­te Kanz­le­rin zu­nächst den schwe­len­den Streit mit Frank­reichs Prä­si­dent Nicolas Sar­ko­zy bei­ge­legt. In der „In­do­ne­si­en-Lounge“, ei­nem se­pa­ra­ten Kon­fe­renz­raum im Ge­bäu­de der Ver­ein­ten Na­tio­nen, traf Mer­kel über­ra­schend mit Frank­reichs Prä­si­dent zu­sam­men, des­sen Äu­ße­run­gen über an­geb­li­che Ro­ma-La­ger in Deutsch­land auf dem jüngs­ten EU-Gip­fel Ir­ri­ta­tio­nen aus­ge­löst hat­ten. Nun woll­te Sar­ko­zy of­fen­bar die Wo­gen glät­ten. Das 30-mi­nü­ti­ge Ge­spräch sei „sehr gut“ ge­we­sen, hieß es spä­ter an der Spit­ze der deut­schen UNDe­le­ga­ti­on. An­geb­lich hat­te Sar­ko­zy um den Ter­min ge­be­ten.

Heu­te wid­met sich die Kanz­le­rin, die im Ge­gen­satz zu US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma schon zu Be­ginn des Gip­fels an­reis­te, den bei­den Haupt­an­lie­gen ih­res Be­suchs: dem Kampf ge­gen Ar­mut und Hun­ger so­wie Deutsch­lands Be­wer­bung um ei­nen der bei­den für die west­li­chen Län­der re­ser­vier­ten be­fris­te­ten Sit­ze im UN-Si­cher­heits­rat.

Mer­kel, die mit Ent­wick­lungs­hil­fe­mi­nis­ter Dirk Nie­bel (FDP) an­ge­reist ist, will die Hil­fen für die Drit­te Welt ge­ziel­ter ein­set­zen. „In der Ent­wick­lungs­po­li­tik geht es um Geld, aber nicht nur um Geld“, sag­te Mer­kel vor Be­ginn der Kon­fe­renz. Nach Nie­bels An­ga­ben ist die in­ter­na­tio­na­le Staa­ten­ge­mein­schaft bei den Ent­wick­lungs­zie­len „ein gu­tes Stück vor­an­ge­kom­men – vor al­lem in dem Ma­ße, wie wir Ent­wick­lungs­po­li­tik ma­chen“. In der Zwi­schen­bi­lanz ge­be es „Licht und Schat­ten“, be­ton­te Mer­kel. Es ge­be Re­gio­nen, wo „sehr, sehr gu­te Fort­schrit­te“ ge­macht wor­den sei­en, et­wa in Asi­en. Sor­gen be­rei­te aber Afri­ka süd­lich der Sa­ha­ra. Mer­kel hob zu­gleich her­vor, die Zahl der Hun­gern­den sei welt­weit un­ter die Mil­li­ar­den­gren­ze ge­fal­len.

Das Ziel, das Ent­wick­lungs­bud­get bis 2015 auf 0,7 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts zu he­ben, sei al­ler­dings „sehr am­bi­tio­niert“, sag­te die Bun­des­kanz­le­rin. Der­zeit gibt Deutsch­land et­wa 0,4 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung für Hil­fen für die ar­men Län­der aus, das ent­spricht sechs Mil­li­ar­den Eu­ro.

Als dritt­größ­te Bei­trags­zah­ler der Ver­ein­ten Na­tio­nen drin­gen die Deut­schen auf mehr Ent­schei­dungs­macht in der Welt­be­hör­de, die meist von den stän­di­gen Mit­glie­dern des Si­cher­heits­rats – den USA, Russ­land, Chi­na, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich – do­mi­niert wird. Im Macht­kampf um den Sitz im Si­cher­heits­rat der Ver­ein­ten Na­tio­nen hei­ßen die deut­schen Mit­be­wer­ber Ka­na­da und Por­tu­gal. Min­des­tens 128 Staa­ten – je­des Mit­glied hat ei­ne Stim­me – müs­sen bei der ge­hei­men Ab­stim­mung am 14. Ok­to­ber für Deutsch­land stim­men. Da­mit das klappt, trifft die Bun­des­kanz­le­rin in ei­nem wah­ren Ge­sprächs­ma­ra­thon rund zwei Dut­zend Re­gie­rungs­chefs afri­ka­ni­scher und asia­ti­scher Län­der. Dar­un­ter be­fin­den sich auch je­ne, de­ren di­plo­ma­ti­sche Be­deu­tung im Aus­wär­ti­gen Amt für ge­wöhn­lich eher als nach­ran­gig ein­ge­stuft wird. Viet­nam, der Hi­ma­la­ya-Staat Bhu­tan und 35 klei­ne In­sel­staa­ten wie Mi­kro­ne­si­en im Pa­zi­fik und die Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik in der Ka­ri­bik ge­hö­ren da­zu.

Für den Wahl­kampf leg­ten die Deut­schen so­gar ih­re ge­wohn­te Zu­rück­hal­tung ab. Ges­tern Abend lud die Kanz­le­rin zum gla­mou­rö­sen Emp­fang ins Deut­sche Haus am Ufer des East Ri­ver. Auf der Ein­la­dungs­lis­te: un­ter an­de­rem der ehe­ma­li­ge UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ko­fi Ann­an, EU-Kom­mis­si­ons­chef Jo­sé Ma­nu­el Bar­ro­so, Spa­ni­ens Re­gie­rungs­chef Jo­sé Za­pa­te­ro, der frü­he­re US-Au­ßen­mi­nis­ter Hen­ry Kis­sin­ger und Pa­läs­ti­nen­ser-Prä­si­dent Mahmud Ab­bas, da­zu ein hal­bes Dut­zend wei­te­rer Staats­chefs aus Afri­ka und Asi­en.

Heu­te spricht Mer­kel vor der Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Und wenn sie am Abend wie­der in die Hei­mat reist, wird sie von Au­ßen­mi­nis­ter Gui­do Wes­ter­wel­le (FDP) ab­ge­löst. Sei­ne Wahl­kampf­tour an der US-Ost­küs­te dau­ert bis Sams­tag.

FO­TO: DPA

Tref­fen am Ran­de des UN-Ar­muts­gip­fels (v.l.): Frank­reichs First La­dy Car­la Br­uni-Sar­ko­zy, Prä­si­dent Nicolas Sar­ko­zy, Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Lou­is Sar­ko­zy, der Sohn des Prä­si­den­ten aus zwei­ter Ehe, ges­tern in der „In­do­ne­si­en-Lounge“ des Haupt­quar­tiers der Ver­ein­ten Na­tio­nen in New York.

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