„Stutt­gart 21 hat sich über­lebt“

Wal­ter Sitt­ler, Schau­spie­ler und Geg­ner des Bahn­hofs-Pro­jekts

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Sitt­ler „Stutt­gart 21“ ist ein Pro­jekt, das mit den tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten von 1995 ge­plant ist. Da­mals war es ge­wiss ei­ne tol­le Sa­che. Nur ha­ben sich die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren ent­schei­dend ver­än­dert. „Stutt­gart 21“ hat sich über­lebt.

Was be­män­geln Sie kon­kret?

Sitt­ler Die gan­zen Zah­len und an­geb­li­chen Fak­ten, die von den Po­li­ti­kern prä­sen­tiert wer­den, sind falsch. Die Kos­ten wur­den schön­ge­rech­net und wer­den hin­ter­her, wie bei je­dem Groß­pro­jekt in den ver­gan­ge­nen 60 Jah­ren, ex­plo­die­ren. Die Tie­fer­le­gung ei­nes Kopf­bahn­hofs zu ei­nem neu­en Durch­gangs­bahn­hof, der schon mit dem ers­ten Spa­ten­stich am Ran­de sei­ner Ka­pa­zi­tät ist, ist rein ob­jek­tiv be­trach­tet ein­fach un­sin­nig. Sitt­ler Ich ver­ste­he, wenn man Vi­sio­nen mag. Aber in die­sem Fall hat sich die Po­li­tik wis­sent­lich in ei­ne sol­che Vi­si­on ver­rannt. Ich er­war­te kei­ne Hei­li­gen in der Po­li­tik. Das bin ich auch nicht. Aber ich will Ehr­lich­keit. Die Be­für­wor­ter ha­ben ge­lo­gen, um ihr Pro­jekt durch­zu­set­zen; wi­der bes­se­res Wis­sen wur­de „Stutt­gart 21“ als Zu­kunfts­mo­dell ver­kauft. Selbst die Bahn ist drei­mal aus dem Pro­jekt aus­ge­stie­gen – und von Bund, Land und Stadt im­mer wie­der mit neu­em Geld zu­rück ins Boot ge­holt wor­den.

Herr Sitt­ler, was stört Sie ei­gent­lich am Bahn­hofs­pro­jekt „Stutt­gart 21“? Das se­hen die Be­für­wor­ter des Pro­jek­tes aber an­ders. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat in der ver­gan­ge­nen Wo­che noch ein­mal öf­fent­lich be­kräf­tigt, dass „Stutt­gart 21“ de­fi­ni­tiv ge­baut wird.

Sitt­ler Das Ver­hal­ten der Kanz­le­rin ist an Zy­nis­mus kaum zu über­bie­ten. Geht es nach ihr, wird die Land­tags­wahl 2011 zu ei­ner Volks­ab­stim­mung über das Pro­jekt. Wo ist da der de­mo­kra­ti­sche An­satz? Ei­ne Wahl ist kei­ne Volks­ab­stim­mung – und um­ge­kehrt. Der Po­li­tik geht je­g­li­cher Ethik-Ge­dan­ke ab.

2007 wur­den 60000 Un­ter­schrif­ten für ein Volks­be­geh­ren ge­sam­melt. War­um erst so spät?

Sitt­ler Weil uns jah­re­lang vor­ge­spie­gelt wor­den ist, dass „Stutt­gart 21“ ei­ne gu­te Sa­che ist. Zu­nächst glaubt man ja auch, was ei­nem die Po­li­ti­ker er­zäh­len. Erst nach und nach kam dann raus, was für ein Po­tem­kin­sches Dorf „Stutt­gart 21“ wirk- lich ist. Da war es aber zu spät – be­vor das Bür­ger­be­geh­ren ei­ne Chan­ce hat­te, hat Ober­bür­ger­meis­ter Schus­ter schnell al­le Ver­trä­ge un­ter­schrie­ben. Die Mei­nung des Vol­kes wur­de aus­ge­he­belt. Das hat mit ei­ner De­mo­kra­tie nichts mehr zu tun, das ist schlicht au­to­ri­tär.

Seit dem ge­schei­ter­ten Volks­ent­scheid ha­ben sich die Fron­ten zwi­schen Be­für­wor­tern und Geg­nern noch wei­ter ver­här­tet.

Sitt­ler Das Pro­blem ist: „Stutt­gart 21“ bie­tet kei­ne Mög­lich­keit zu ei­nem Kom­pro­miss. Es gibt nur ei­nen Kopf-oder ei­nen Tief­bahn­hof. Bei­des geht nicht. Hin­zu kommt na­tür­lich, dass sich die Bür­ger von der Po­li­tik völ­lig über­gan­gen füh­len, was den Un­mut noch ver­stärkt.

Und Sie? Ih­re An­hän­ger wür­den Sie ger­ne in ei­nem po­li­ti­schen Amt se­hen.

Sitt­ler Bei „Stutt­gart 21“ weh­re ich mich als Bür­ger ge­gen ei­ne fal­sche Ent­schei­dung. Ich ha­be kei­ne Am­bi­tio­nen auf ein po­li­ti­sches Amt. Die Welt hat bis­her schlech­te Er­fah­run­gen mit Schau­spie­lern ge­macht, die Po­li­ti­ker wur­den.

Wie geht es jetzt an der Bau­stel­le wei­ter?

Sitt­ler Der Ton wird im­mer rau­er. Ich fürch­te, spä­tes­tens wenn im Schloss­park die ers­ten Bäu­me ge­fällt wer­den, es­ka­liert es.

FO­TO: DPA

Wal­ter Sitt­ler (57) bei ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen „Stutt­gart 21“.

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