„Wun­der­ba­re Ent­de­ckung“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WISSEN - VON UL­RI­KE WIN­TER UND ULLI TÜCK­MAN­TEL

KÖLN Vor 30 Jah­ren ström­ten in­ner­halb von vier Mo­na­ten rund 1,3 Mil­lio­nen Men­schen ins Köl­ner Stadt­mu­se­um, als dort Tu­tan­cha­muns To­ten­mas­ke nebst 55 Ori­gi­nalFund­stü­cken aus dem Gr­ab KV 62 im Tal der Kö­ni­ge ge­zeigt wur­de. Für die rund 1000 Ob­jek­te, die ab Frei­tag in Köln ge­zeigt wer­den, rech­nen die Ver­an­stal­ter mit rund

„Ech­ter“ als im Ägyp­ti­schen Mu­se­um

in Kai­ro

250 000 Be­su­chern. Ob­wohl – an­ders als 1980 – in der gro­ßen Tu­tShow kein ein­zi­ges Ori­gi­nal zu se­hen ist, wird das Er­leb­nis vi­el­leicht so­gar „ech­ter“ als im Ägyp­ti­schen Mu­se­um in Kai­ro sein.

Gut fünf Jah­re ar­bei­te­te der Ägyp­ter Mosta­fa El Eza­py mit ei­nem Team von 50 Kunst­hand­wer­kern und Stu­den­ten an der maß­stabs­ge­rech­ten Re­kon­struk­ti­on von drei Kam­mern aus dem Gr­ab Tu­tan­cha­muns samt ih­rer Schät­ze. In der Köl­ner Aus­stel­lung auf 3500 Qua­drat­me­tern prä­sen­tiert sich das Pha­rao­nen-Gr­ab weit­ge­hend so, wie der bri­ti­sche Archäo­lo­ge Ho­ward Car­ter es bei der Öff­nung am 17. Fe­bru­ar 1923 vor­fand. Ei­ne ver­gleich­bar er­leb­nis­rei­che Aus­stel­lung lie­ße sich mit den Ori­gi­na­len aus dem Gr­ab über­haupt nicht rea­li­sie­ren.

Die Be­su­cher in Köln wer­den mit „Au­dio­gui­des“ (Hör-Füh­rern) aus­ge­stat­tet, auf de­nen drei Er­zäh­ler – dar­un­ter die Fi­gur Car­ters – zu­nächst in die alt­ägyp­ti­sche Welt der 18. Dy­nas­tie ein­füh­ren, da­zu gibt es Fil­me über Tu­tan­cha­mun und Car­ter. Und dann soll es fast ein biss­chen so wer­den, als sei der Be­su­cher bei der Öff­nung des Gr­a­bes da­bei. Beim Auf­bau der Aus­stel­lung ori­en­tie­ren sich die Ar­chi­tek­ten an den ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten. In München sah sie an­ders aus als in Ham­burg, in Köln wird sie wie­der an­ders aus­se­hen.

Dass die gro­ße Tut-Show trotz­dem kein Dis­ney-Ägyp­ten aus den Con­tai­nern von 20 Sat­tel­schlep­pern ist, ver­dankt sie den ex­trem hoch­wer­ti­gen Re­pli­ken aus der Werk­statt von Mosta­fa El Eza­py. Was glänzt, ist tat­säch­lich 24-ka­rä­ti­ges Gold – zu­min­dest an der Ober­flä­che. Für Lai­en sind die Re­pli­ken von den Ori­gi­na­len prak­tisch nicht zu un­ter­schei­den. El Eza­pys Werk­statt hat sich be­müht, so „alt­ägyp­tisch“ wie mög­lich zu ar­bei­ten. Das hat­te sei­nen Preis: Rund fünf Mil­lio­nen Eu­ro hat die Aus­stel­lung ge­kos­tet, noch­mals 2,5 Mil­lio­nen Kos­ten kom­men pro Stadt da­zu. Das Kon­zept ist so er­folg­reich, dass in­zwi­schen ei­ne zwei­te Tut-Show in Eu­ro­pa auf Tour­nee ist, par­al­lel zu Köln wird im Ok­to­ber in Man­ches­ter er­öff­net.

Bei der Re­kon­struk­ti­on der Gr­ab­räu­me könn­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren auf rund 2800 Auf­nah­men zu­rück­grei­fen, mit de­nen der Fo­to­graf Har­ry Bur­ton zehn Jah­re lang das Gr­ab von der ers­ten Be­stands­auf­nah­me Car­ters bis zum Ab­trans­port der letz­ten Fund­stü­cke ins Mu­se­um prak­tisch lü­cken­los mit der An­ord­nung je­des ein­zel­nen Fund­stücks do­ku­men­tiert hat­te. Seit Car­ter das na­he­zu un­ver­sehr­te Gr­ab am 4. No­vem­ber 1922 ent­deck­te, ver­folgt die Welt fas­zi­niert je­des De­tails, dass die For­schung über den an sich we­nig be­deu­ten­den Pha­rao zu­ta­ge för­dert. Tu­tan­cha­mun re­gier­te von et­wa 1332 bis 1323 vor Chris­tus. Sein Va­ter war der ei­gent­lich viel be­rühm­te­re Pha­rao Ech­na­ton, der in sei­nem Reich ei­ne re­li­giö­se Re­vo­lu­ti­on an­ge­zet­telt hat­te, in­dem er dem Son­nen­gott Aton den Vor­zug ge­gen­über al­len an­de­ren ägyp­ti­schen Göt­tern gab (und da­mit gleich­zei­tig die Pries­ter­schaft po­li­tisch ent­mach­te­te).

Ech­na­tons Haupt­frau war No­fre­te­te, de­ren be­rühm­te Büs­te im Ägyp­ti­schen Mu­se­um in Berlin auf­be­wahrt wird. Wis­sen­schaft­ler sind sich ei­ni­ger­ma­ßen si­cher, dass No­fre­te­te nicht Tu­tan­cha­muns Mut­ter ge­we­sen sein kann. Es wird ver­mu­tet, dass ei­ne von Tu­tan­cha­muns Schwes­tern auch sei­ne Mut­ter war. Der Kind­kö­nig soll im Al­ter von acht oder zehn Jah­ren den Thron Ägyp­tens be­stie­gen und zu­nächst ganz un­ter dem Ein­fluss der Hof­be­am­ten und der Pries­ter ge­stan­den ha­ben, die als ers­tes die Göt­ter-Re­vo­lu­ti­on sei­nes Va­ters rück­gän­gig mach­ten und den Aton-Kult wie­der ab­schaff­ten. Der jun­ge Pha­rao, der ur­sprüng­lich Tu­tan­cha­ton hieß, än­der­te ent­spre­chend sei­nen Na­men. In den nur zehn Jah­ren sei­ner Re­gent­schaft wur­de die al­te re­li­giö­se Ord­nung weit­ge­hend wie­der­her­ge­stellt.

Auch 3300 Jah­re nach sei­nem Tod rät­selt die Wis­sen­schaft noch im­mer, woran Tu­tan­cha­mun im Al­ter von nur 18 oder 19 Jah­ren ge­stor­ben

Info

www.gol­den­tut.com (RP) „Ha­be end­lich wun­der­ba­re Ent­de­ckung im Tal ge­macht. Präch­ti­ges Gr­ab mit in­tak­ten Sie­geln.“ Als Ho­ward Car­ter am 5. No­vem­ber 1922 sei­nem Fi­nan­zier Lord Car­nar­von te­le­gra­phiert, was er ei­nen Tag zu­vor im Tal der Kö­ni­ge ent­deckt hat­te, war das sein größ­ter Tri­umph – und doch erst der An­fang sei­nes Le­bens­werks.

30 Jah­re hat­te der 48-jäh­ri­ge Bri­te in Ägyp­ten ver­bracht, erst Wand­ge­mäl­de ab­ge­zeich­net, dann die Al­ter­tums­ver­wal­tung des Lan­des be­auf­sich­tigt, schließ­lich mit Hil­fe Car­nar­vons und des­sen Kon­zes­si­on für das Tal der Kö­ni­ge nach dem ge­sucht, was noch kei­ner ge­fun­den hat­te: ein un­ver­sehr­tes Kö­nigs­grab. Als Car­ters zehn­köp­fi­ges Team ihm das 62. ent­deck­te Gr­ab prä­sen­tier­te, er­kennt der En­g­län­der so­fort, dass al­le Ar­beit noch vor ihm liegt: Für die Ber­gung und Ka­ta­lo­gi­sie­rung der ge­fun­de­nen Ob­jek­te („selt­sa­me Tie­re, Sta­tu­en und Gold“, schreibt Car­ter spä­ter) müs­sen Strom, Ma­te­ria­li­en und vor al­lem Per­so­nal be­sorgt wer­den. Um je­des Stück zu iden­ti­fi­zie­ren und maß­stab­ge­treu ab­zu­zeich­nen, lässt Car­ter Ex­per­ten aus der gan­zen Welt an­rei­sen. Wäh­rend die sich an der Sen­sa­ti­on be­rau­schen, pla­gen Car­ter an­de­re Sor­gen.

Ägyp­ten ist seit 1922 kein Pro­tek­to­rat Groß­bri­tan­ni­ens mehr – es be­an­sprucht sämt­li­che Fun­de nun für sich. Der Streit um das Gr­ab Tu­tan­cha­muns es­ka­liert. An­dert­halb Jah­re dau­ert es, bis Car­ter die ägyp­ti­sche Re­gie­rung über­zeu­gen kann, ihm wie­der Zu­tritt zu ge­neh­mi­gen. 1925 setzt er sei­ne Un­ter­su­chung des Gr­a­bes und der Mu­mie fort. Erst 1932, zehn Jah­re nach der Öff­nung, ist al­le Ar­beit er­le­digt.

Sei­nen Fund be­schreibt Car­ter in ei­nem drei­bän­di­gen Werk, ei­ne „Vor­ab­ver­öf­fent­li­chung“, wie er be­ton­te. Die wis­sen­schaft­li­che Pu­bli­ka­ti­on ist von ihm al­lein nicht zu leis­ten. Sie steht aus, als Car­ter 1939 in London stirbt. Die In­schrift auf sei­nem Gr­ab auf dem Fried­hof von Put­ney Va­le: „Archäo­lo­ge und Ägyp­to­lo­ge“.

The­men, Ter­mi­ne und Ti­cket­hot­lines

FO­TO: SEM­MEL CON­CERTS GM­BH

In dem Ka­no­pen­schrein wur­den die bal­sa­mier­ten Or­ga­ne des be­stat­te­ten Pha­ra­os auf­be­wahrt.

FO­TO: RO­BER­TO PFEIL/DAPD

Aus­stel­lungs­auf­bau: Ar­bei­ter tru­gen ges­tern auf dem Köl­ner EX­PO-Ge­län­de ein Re­pli­kat der To­ten­mas­ke Tu­tan­cha­muns zu ih­rem Platz.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.