Der ak­tu­el­le Scho­pen­hau­er

Heu­te vor 150 Jah­ren ist der gro­ße deut­sche Phi­lo­soph Ar­thur Scho­pen­hau­er 72-jäh­rig ge­stor­ben. Sein Werk hat Wir­kung bis zum heu­ti­gen Tag – et­wa in der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on über Mas­sen­tier­hal­tung und Ve­ge­ta­ris­mus. Mit sei­ner Mit­leids­ethik war Scho­pen­haue

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖDER

FRANK­FURT/M. Sei­ne schnel­len und lan­gen Spa­zier­gän­ge durch Frank­furt sind nicht mehr mög­lich. Ver­stärk­tes Herz­klop­fen und Atem­not pei­ni­gen Ar­thur Scho­pen­hau­er. Zu­letzt wird er von Er­sti­ckungs­an­fäl­len heim­ge­sucht. Doch als er am 21. Sep­tem­ber 1850 – al­so heu­te vor 150 Jah­ren – et­was spä­ter als ge­wohnt auf­steht, als die Haus­häl­te­rin kurz das Zim­mer be­tritt, um die Fens­ter weit zu öff­nen, deu­tet nichts dar­auf hin, dass dies der letz­te Tag im Le­ben des gro­ßen Phi­lo­so­phen sein wird. Doch kurz da­nach fin­det man den 72-Jäh­ri­gen tot auf dem So­fa – oh­ne je­de Spur ei­nes To­des­kamp­fes.

Das passt zu ei­nem Den­ker, dem das Jen­seits oh­ne­hin kei­nen gro­ßen Schre­cken ein­ja­gen konn­te. Es sei ihm „kein ar­ger Ge­dan­ke“, dass ihn „bald die Wür­mer zer­na­gen wür­den“, soll Scho­pen­hau­er kurz vor dem Ab­le­ben ge­tönt ha­ben. Al­ler- dings den­ke er mit Grau­en dar­an, „wie sein Geist un­ter den Hän­den der Phi­lo­so­phie­pro­fes­so­ren zu­ge­rich­tet wer­den wür­de“. Ty­pisch Scho­pen­hau­er, könn­te man mei­nen, für den die Nach­welt Schlag­wor­te wie Pes­si­mist, ge­nia­ler Welt­ver­äch­ter und – welt­li­cher ge­spro­chen – no­to­ri­scher Gries­gram ge­fun­den hat.

Was aber wür­de Scho­pen­hau­er erst über je­ne Wer­ke den­ken und schimp­fen, die jetzt zu sei­nem 150. To­des­tag der Welt an­ver­traut wer­den? Vom „Klei­nen Scho­pen­hau­erLe­xi­kon“ bis zur Apho­ris­menSamm­lung „Ich bin ein Mann, der Spaß ver­steht“ fin­det sich man­ches, das den Den­ker scheib­chen­wei­se wie­der­be­le­ben und für die Ge­gen­wart dienst­bar ma­chen soll.

Doch das Ge­heu­le über die­se Art der par­ti­el­len und selbst­ver­ständ­lich lü­cken­haf­ten An­eig­nung ist fehl am Platz. Als ob denn je­der, der Scho­pen­hau­er im Mun­de führt, im­mer so­gleich das Gan­ze im Sinn hat und be­denkt, dass die Men­schen nach Mei­nung des Phi­lo­so­phen stets ein „blin­der Wil­le“ treibt, der un­ser ge­sam­tes Sein um­fasst. Je­ner Wil­le, der sein ei­ge­ner Grund ist und in die­ser Ab­ge­schlos­sen­heit auch zer­stö­re­risch sein kann.

Es kann auch ein paar Num­mern klei­ner zu­ge­hen und bo­den­stän­di­ger. Statt al­so Kla­ge dar­über zu füh­ren, dass dies­jäh­rig kei­ne neue Ge­samt­aus­ga­be für ver­mu­te­te 395 Eu­ro er­schei­nen wird, soll­te man sich über die vie­len klei­nen Ver­su­che freu­en, dem al­ten Den­ker ak­tu­el­le Be­deu­tung zu un­ter­stel­len. Und die hat Scho­pen­hau­er zwei­fels­oh­ne. Den­ken wir nur an die au­gen­blick­li­che De­bat­te über die in­dus­tri­el­le Mas­sen­tier­hal­tung, die der US-Au­tor Jo­na­than Saf­ran Fo­er mit sei­nem Best­sel­ler „Tie­re es­sen“ an­ge­sto­ßen und mit der er ei­ne gan­ze Rei­he von Fra­gen auf­ge­wor­fen hat: Dür­fen wir Tie­re tö­ten? Und wenn ja, war­um? Las­sen sich Schlacht­häu­ser auch ethisch be­grün­den? Und sind Ve­ge­ta­ri­er die bes­se­ren Men­schen – oder doch bloß Spin­ner?

Zu sol­chen Be­fra­gun­gen hat sich die Mensch­heit des 21. Jahr­hun­derts nicht selbst be­fä­higt. Ihr ka­men die Ge­dan­ken nicht aus hei­te­rem Him­mel in den Sinn. Sie be­durf­ten viel­mehr ei­ner Vor­ga­be, der Sen­si­bi­li­sie­rung, vor al­lem der Ent­wick­lung ei­ner ethi­schen Vor­stel­lung. Und die hat maß­geb­lich Scho­pen­hau­er ge­leis­tet, der 1841 zu den Mit­be­grün­dern des Tier­schutz­ver­eins zu Frank­furt zähl­te und der in

Das Mit­leid wird zu ei­ner Leis­tung des Den­kens

und der Phan­ta­sie

sei­ner Phi­lo­so­phie auch das Ver­hält­nis zwi­schen Mensch und Tier sehr ge­nau be­dach­te.

Im Kern steht da­bei Scho­pen­hau­ers Mit­leids­ethik, die weit mehr als nur ein Mit­emp­fin­den meint. Denn wer wahr­haft mit­lei­det, er­kennt im Lei­den­den sich selbst. Das Mit­leid wird da­mit auch zu ei­ner Leis­tung des Den­kens und der Phan­ta­sie – und es ist das ge­naue Ge­gen­teil des Ego­is­mus.

Zwar ist das Mit­lei­den bei Scho­pen­hau­er auch ei­ne Form des Wil­lens. Bloß dient der jetzt nicht mehr der rei­nen Selbst­be­haup­tung; er wei­tet sich aus auf den an­de­ren und das schein­bar Frem­de. Die­se Moral ist nicht nor­ma­tiv, sie er­weist sich aus­schließ­lich im kon­kre­ten Han­deln. Da­bei wird das „Wohl und We­he des an­de­ren“ un­mit­tel­bar zum ei­ge­nen Mo­tiv. Und plötz­lich wird der An­de­re „der letz­te Zweck mei­nes Wil­lens“.

Ist für Scho­pen­hau­er der Ego­is­mus die Haupt­trieb­fe­der des Men­schen (der frei­lich auch das Lei­den ver­mehrt), so wird das Mit­leid zur ei­gent­li­chen mo­ra­li­schen Trieb­fe­der; es ist ein Zu­stand, in dem die In­di­vi­dua­li­tät über­wun­den wird. Das lei­den­de Ge­gen­über wan­delt sich auf die­se Wei­se zum Ich. Und das ist dann kei­ne phi­lo­so­phi­sche Den­kauf­ga­be mehr, son­dern das „gro­ße Mys­te­ri­um der Ethik“.

Weil die­ses Mit­lei­den um­fas­send ist, schließt es auch das Le­ben von Tie­ren mit ein. Der Den­ker spricht gar von der „wi­der­na­tür­li­chen Flei­sch­nah­rung“, die den Men-

„Die Tie­re sind kein Fa­b­ri­kat zu un­se­rem Ge­brauch“

schen zum Mons­ter ma­che. Tie­re aber sind nicht recht­los, und der Mensch ist kei­nes­wegs die al­lei­ni­ge Kro­ne der Schöp­fung. „Die Welt ist kein Mach­werk und die Tie­re kein Fa­b­ri­kat zu un­serm Ge­brauch“, wet­tert er. Man kann sich ihn gut vor­stel­len, wie er sich das bei sei­nen Spa­zier­gän­gen im Aus­geh­rock und mit Hand­stock so dach­te – mit sei­nem Pu­del an der Lei­ne. Zwei We­sen un­ter­wegs, die Wil­helm Busch um 1870 in sei­ner hüb­schen Zeich­nung zu ei­nem Paar zeich­ne­te: Wäh­rend dem ei­nen, näm­lich Scho­pen­hau­er, die Haa­re keck nach oben ste­hen, ist es bei dem Pu­del der Schwanz. Der Hund hieß üb­ri­gens At­ma, ein San­s­krit-Na­me für „Welt­see­le“. Ei­ne gro­ße Eh­re. Wenn er aber sei­nen Pu­del är­gern woll­te, soll er ihn ein­fach „Du Mensch!“ ge­ru­fen ha­ben.

RE­PRO: ULLSTEIN

Scho­pen­hau­er mit Pu­del At­ma – ge­zeich­net von Wil­helm Busch

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