Po­li­tik will Fair­ness im Netz

500 Jour­na­lis­ten und Zei­tungs­ver­le­ger dis­ku­tie­ren der­zeit in Es­sen die Ant­wort der Zei­tun­gen auf das In­ter­net. Die „kos­ten­lo­sen In­ter­net-Zei­tun­gen“ von ARD und ZDF gel­ten un­ter Ver­le­gern als un­fai­rer Wett­be­werb.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON THO­MAS REISENER

ES­SEN Der Wett­be­werb der jour­na­lis­ti­schen An­ge­bo­te im In­ter­net ist ver­zerrt. Auf der ei­nen Sei­te müs­sen die Zei­tungs-und Zeit­schrif­ten­ver­la­ge viel Geld in­ves­tie­ren, um mit hoch­wer­ti­gen On­line-An­ge­bo­ten ih­re Zu­kunft zu si­chern. Auf der an­de­ren Sei­te ste­hen die In­ter­net­An­ge­bo­te von öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­de­an­stal­ten wie ARD und ZDF, die deut­lich we­ni­ger ris­kie­ren, weil der Ge­büh­ren­zah­ler die­se eben­falls nach­richt­lich auf­ge­bau­ten Web­sei­ten über die Rund­funk­ge­büh­ren zwangs­läu­fig mit­fi­nan­zie­ren muss. „Die Öf­fent­lich­Recht­li­chen spie­len im In­ter­net mit Mil­li­ar­den, oh­ne dem Markt un­ter­wor­fen zu sein“, brach­te FAZ-Her­aus­ge­ber Frank Schirr­ma­cher das Un­gleich­ge­wicht ges­tern in Es­sen auf den Punkt, wo 500 Zei­tungs­ver­le­ger und Jour­na­lis­ten zwei Ta­ge lang über die Ant­wort der Zei­tun­gen auf die wach­sen­de Macht des In­ter­nets be­ra­ten.

Ein Streit, der nicht nur Zei­tungs­le­ser und On­line-User be­trifft, son­dern die ge­sam­te Ge­sell­schaft: „Kei­ne De­mo­kra­tie kann sich ein Markt­ver­sa­gen auf dem Ge­biet der Zei­tun­gen leis­ten“, sag­te Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert in ei­ner frei­en Im­puls­re­de. We­gen ih­rer Be­ob­ach­ter­rol­le sei­en un­ab­hän­gi­ge Zei­tungs­ver­la­ge nicht we­ni­ger sys­tem­re­le­vant als Ban­ken.

Lam­mert be­ton­te die prin­zi­pi­el­len Un­ter­schie­de zwi­schen Zei­tun­gen und dem In­ter­net: Der Le­ser ei­ner Zei­tung öff­ne sich ei­nem in­halt­li­chen Kom­plett-An­ge­bot, das er im Ver­trau­en auf die Re­dak­ti­on für ins­ge­samt re­le­vant hält. Der Nut­zer des In­ter­nets su­che hin­ge­gen meist nur nach In­for­ma­tio­nen zu vor­her oh­ne­hin be­reits aus­ge­präg­ten In­ter­es­sen. Au­ßer­dem sei das Netz „eher le­xi­ka­lisch“, wäh­rend Zei­tun­gen „eher ana­ly­tisch“ aus­ge­rich­tet sei­en. Und schließ­lich ver­fü­ge die Zei­tung über ei­ne we­sent­lich hö­he­re Glaub­wür­dig­keit als das In­ter­net.

Ma­thi­as Döpf­ner, Vor­stands­chef der Axel Sprin­ger AG, nennt die On­line-An­ge­bo­te von ARD und ZDF „ge­büh­ren­fi­nan­zier­te Gra­tis-Zei­tun­gen im In­ter­net“. Es kön­ne nicht sein, dass „ein sys­te­misch be­vor­teil­ter An­bie­ter die Ge­schäf­te der Pri­vat­an­bie­ter im Keim er­stickt“. Was ARD-Chef Pe­ter Boud­goust na­tur­ge­mäß an­ders sieht. Die Kon­kur­renz der Öf­fent­lich-Recht­li­chen im Netz sei „nur be­haup­tet“. In Wahr­heit sei der Markt­an­teil der öf­fent­lich-recht­li­chen In­for­ma­ti­ons­an­ge­bo­te im In­ter­net ver­schwin­dend klein. Au­ßer­dem müss­ten auch öf­fent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten „das Recht ha­ben, sich in ei­nem Um­feld zu ver­brei­ten, das spe­zi­ell jun­ge Men­schen an­spricht“.

Der Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tär im Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, Max Stad­ler (FDP), sieht im In­ter­net ei­ner­seits Chan­cen für mehr Zu­gang zu Bil­dung und Wis­sen, an­de­rer­seits aber auch „ei­ne Ge­fahr für das Ur­he­ber­recht“. Ein frei­es In­ter­net set­ze nicht un­be­dingt ein kos­ten­lo­ses In­ter­net vor­aus. „Wir brau­chen mehr Fair­ness im Netz“, sag­te Stad­ler. Oh­ne „Goog­le“ na­ment­lich zu er­wäh­nen, kri­ti­sier­te der Po­li­ti­ker On­line-An­ge­bo­te, „die die In­hal­te der Pres­se­ver­la­ge kom­mer­zi­ell aus­nut­zen“. Ne­ben dem Ur­he­ber­recht der Au­to­ren müs­se des­halb künf­tig auch die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Leis­tung der Ver­la­ge bes­ser ge­schützt wer­den. „Da gibt es ei­ne Lü­cke“, sag­te Stad­ler und ver­wies auf sein Mi­nis­te­ri­um, wo der­zeit ein ent­spre­chen­des Leis­tungs­schutz­recht vor­be­rei­tet wer­de. Au­ßer­dem wer­de ein ak­tu­el­ler Ge­setz­ent­wurf den Qu­el­len-und In­for­man­ten­schutz der Jour­na­lis­ten ver­bes­sern.

FO­TO: AUS­S­ER­HO­FER/BDZV

Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert (CDU) be­ton­te auf dem Kon­gress des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Zei­tungs­ver­le­ger: „Zei­tungs­ver­la­ge sind so sys­tem­re­le­vant wie Ban­ken.“

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