Der ro­te Bul­li leuch­tet über­all

Im NRW-Fo­rum für Kul­tur und Wirt­schaft im Eh­ren­hof zeigt die Schau „Der ro­te Bul­li – Ste­phen Sho­re und die Neue Düs­sel­dor­fer Fo­to­gra­fie“. Er­zählt wird in über 400 Ex­po­na­ten die Ge­schich­te der Fo­to­kunst seit den 70er Jah­ren.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON DO­RO­THEE ACHEN­BACH

Ste­phen Sho­re ist ei­ne Schlüs­sel­fi­gur der ame­ri­ka­ni­schen New Co­lor Fo­to­gra­fie, sei­ne Auf­nah­men gel­ten als bahn­bre­chend. Kein Wun­der, dass Bernd Be­cher sei­nen Stu­den­ten einst emp­fahl: „Wenn ihr wis­sen wollt, wie Far­be funk­tio­niert, dann schaut bei Ste­phen Sho­re nach.“ So er­zählt es sei­ne Frau Hil­la – „Bernd konn­te ja nur schwarz­weiß“ –, die ge­mein­sam mit Ste­phen Sho­re die Aus­stel­lung er­öff­ne­te.

Es ist ei­ne Re­fe­renz an den al­ten Freund, aber auch an die 22 ehe­ma­li­gen Stu­den­ten, de­ren Ar­bei­ten nun ne­ben de­nen von Sho­re und den Be­chers zu be­trach­ten sind. Span­nend ist es zu se­hen, wie de­ren Ein­flüs­se auf die Stu­den­ten mä­an­der­te und wie die an­ge­hen­den Fo­to­künst­ler dar­aus ih­re ei­ge­ne Hand­schrift ent­wi­ckel­ten. Wo­bei Sho­re selbst ganz be­schei­den bleibt auf die Fra­ge, wie er sich an­ge­sichts ei­ner Schau all die­ser von ihm be­ein­fluss­ten, heu­te teils welt­be­rühm­ten Künst­ler fühlt: „Je­der Künst­ler steht in ei­ner Rei­he von Vor­bil­dern, ich auch.“ Schlüs­sel­bild der Aus­stel­lung ist na­tür­lich Sho­res „Ro­ter Bul­li“ (1974) – sein per­sön­li­ches Initi­al­bild für die Ar­beit mit groß­for­ma­ti­ger Plat­ten­ka­me­ra.

Ste­phen Sho­re lan­de­te mit 17 Jah­ren in An­dy War­hols Fac­to­ry und er­hielt mit knapp 24 Jah­ren ei­ne ers­te Ein­zel­aus­stel­lung im New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Mu­se­um. Sei­ne Ar­bei­ten ha­ben seit­dem nichts von ih­rer Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren: Wenn er dem US-ame­ri­ka­ni­schen All­tag an Tank­stel­len, ein­sa­men Au­to­ki­nos und son­nen­be­schie­ne­nen Strän­den nach­spürt, kann man die At­mo­sphä­re na­he­zu grei­fen. Die Far­ben als au­to­no­mes Gestal­tungs­mo­ment sind ein­zig­ar­tig in ih­rer Strahl­kraft, die Kom­po­si­ti­on per­fekt aus­ge­wo­gen. Selbst zwei Tisch­ten­nis­schlä­ger, ein la­pi- da­rer Re­stau­rant-Park­platz, Stra­ßen­kreu­zun­gen oder ein ver­las­se­nes Ho­tel­zim­mer wer­den at­mo­sphä­risch dich­te Meis­ter­wer­ke. Und der Ti­tel „Un­ge­wöhn­li­che Or­te“ weist auf das Be­son­de­re, das Schö­ne auch im Ba­na­len hin.

Ste­phen Sho­res se­ri­el­le Ar­bei­ten kor­re­spon­die­ren mit den sach­li­chen Ana­ly­sen der Be­cher­schen Fach­werk­häu­ser und In­dus­trie­an­la­gen. Schon 1970 nah­men die deut­schen Do­ku­men­ta­ris­ten an ei­ner Schau im New Yor­ker MoMa teil. Das Kon­zept der mo­ti­visch prä- zi­sen Se­rie fin­det Ein­gang in das Werk der Schü­ler, je­der für sich ein gna­den­lo­ser, ob­jek­ti­ver Be­ob­ach­ter: Die blank ge­putz­te Spie­ßig­keit men­schen­lee­rer deut­scher Dör­fer fing El­ger Esser 1992 in der Se­rie „Zül­pi­cher Bör­de“ ein; auch Lau­renz Ber­ges kon­den­siert die be­drü­cken­de Kle­in­stadt-Öd­nis ver­las­se­ner Stras­sen und leer­ste­hen­der Ge­schäf­te. Tho­mas Ruff er­zählt mit In­te­ri­eur-Auf­nah­men von Spül­be­cken oder ak­ku­rat ge­mach­ten Bet­ten gan­ze Bän­de von ei­nem lan­gen Le­ben in Klein­bür­ger­lich­keit.

Mar­tin Ross­wog schafft in sei­nen „Länd­li­chen In­nen­räu­me“ (1989) ein Me­men­to Mo­ri ei­nes Da­seins zwi­schen Li­n­ole­um­bo­den, Spit­zen­gar­di­ne und guß­ei­ser­nem Ofen. Can­di­da Hö­fer spürt 1979 „Tür­ken in Deutsch­land“ in ih­ren Wohn­zim­mern nach, die sich in nichts von deut­scher Klein­bür­ger­lich­keit un­ter­schei­den.

Ei­nen Na­tur­zau­ber mit wun­der­schö­nen Farb­nu­an­cen fin­det Mar­tin Koch in­mit­ten der Ruhr­pot­tT­ris­tesse. An­di Bren­ner lässt Sport­ler mit ih­ren je­wei­li­gen Uten­si­li­en in die Ka­me­ra bli­cken – das Selbst­be­wusst­sein der Ath­le­ten kon­ter­ka­riert von scheuß­li­chen Ta­pe­ten­mus­tern im Hin­ter­grund. Dem Rück­griff auf Sho­res Stra­ßen­sze­ne­ri­en Sho­res stel­len sich Bo­ris Be­cker, Wen­de­lin Bott­län­der, Kris Scholz, Tho­mas St­ruth und Vol­ker Döh­ne, Clau­dia Fah­ren­käm­per setzt sie in fast gra­phi­sche Kom­po­si­tio­nen um.

Die Schau ist ei­ne se­hens­wer­te Lehr­stun­de der Fo­to­kunst­ge­schich­te auch über die be­kann­ten Na­men Gurs­ky & Co hin­aus.

FO­TO: STE­PHEN SHO­RE/NRW-FO­RUM

Ste­phen Sho­res be­rühm­tes Fo­to „Der ro­te Bul­li“, auf­ge­nom­men 1974 in Eas­ton, Penn­syl­va­nia.

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