Zwangs­ar­bei­ter keh­ren zu­rück und er­zäh­len

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON KAT­HA­RI­NA SØNNICHSEN

Zwei Jah­re lang war Ma­ria Sko­w­rons­ka als jun­ge Frau in Düsseldorf – als Zwangs­ar­bei­te­rin in ei­ner Groß­kü­che. Jetzt kehr­te sie an den Ort zu­rück, an dem sie wäh­rend der NS-Zeit zwei Jah­re lang ge­fan­gen war. Sie folg­te da­mit der Ein­la­dung der Stadt Düsseldorf un­ter dem Mot­to „Ver­schie­de­ne Er­fah­run­gen – ver­schie­de­ne Wel­ten. Be­geg­nun­gen in Düsseldorf.“ Zu­sam­men mit Ma­ria Sko­w­rons­ka sind es ins­ge­samt neun ehe­ma­li­ge polnische Zwangs­ar­bei­ter, die zur­zeit zu Gast in Düsseldorf sind.

Zu­rück nach Düsseldorf

Zwi­schen 75 und 93 Jah­re alt sind sie. Sie fah­ren an die Or­te, an de­nen sie in ih­rer Ju­gend Schwe­res er­dul­den muss­ten – Hun­ger, Schwerst­ar­beit, en­ge, schmut­zi­ge Un­ter­künf­te, bar­sche Be­feh­le in ei­ner frem­den Spra­che. Und sie tref­fen Düs­sel­dor­fer, jun­ge und al­te, um ih­nen von ih­rem Schick­sal zu er­zäh­len.

Ma­ria Sko­w­rons­ka er­in­nert sich noch gut an die Groß­kü­che, in der sie zwei Jah­re die gro­ßen Kes­sel, in de­nen das Es­sen bro­del­te, be­auf­sich­tig­te, zu­sam­men mit an­de­ren Zwangs­ar­bei­tern, die so hung­rig wa­ren wie sie selbst, da­mals nicht ein­mal 20 Jah­re alt.

„Kein Ge­schichts­buch kann so au­then­tisch und be­we­gend über ei­ne Zeit be­rich­ten wie es ein Mensch kann, der die Zeit persönlich er­leb­te“, sag­te Kul­tur­de­zer­nent Hans-Georg Lo­he. „Nur wer die Ver­gan­gen­heit kennt, kann die Zu­kunft an­ders ge­stal­ten.“ Wo ge­nau die Kü­che war, weiß Ma­ria Sko­w­rons­ka nicht mehr. „Ir­gend­wo am Rhein“, sagt die heu­te 84-Jäh­ri­ge mit Hil­fe von Dol­met­sche­rin Ewa Go­lo­ta. Mehr als 65 Jah­re sei es schließ­lich her. „Frü­her war al­les zer­stört, al­les sah an­ders aus. Jetzt ist es so schön hier.“

Auch die Er­in­ne­run­gen der an­de­ren Be­su­cher ver­blas­sen. Vie­le wol­len sich auch gar nicht mehr er­in­nern. Weil Jahr für Jahr die Zahl der noch le­ben­den Zeit­zeu­gen sinkt, en­det mit dem der­zei­ti­gen Be­such das Pro­gramm. „Es fällt uns im­mer schwe­rer, Men­schen zu fin­den, die die Ein­la­dung an­neh­men“, sagt Pro­jekt­lei­te­rin Hei­di Sack.

Ma­ria Sko­w­rons­ka wür­de gern noch ein­mal kom­men. Sie lern­te in Düsseldorf ih­re gro­ße Lie­be ken­nen: den Rus­sen Jan. In Deutsch­land hei­ra­te­ten sie, kehr­ten 1945 ge­mein­sam nach War­schau zu­rück.

RP-FO­TO: PAUL ESSER

Rei­se in die Ver­gan­gen­heit: ehe­ma­li­ge polnische Zwangs­ar­bei­ter, die wäh­rend der NS-Zeit in Düsseldorf schuf­ten muss­ten, sind für ei­ne Wo­che zu­rück.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.