Le­sen ist Ki­no im Kopf

Wenn die Ta­ge wie­der kür­zer und käl­ter wer­den, zie­hen sich vie­le Men­schen mit ei­nem Buch ge­müt­lich auf die Couch zu­rück. Auch OPINIO-Au­to­rin El­ke Damm ist dem Le­se­fie­ber ver­fal­len und ver­schlingt am liebs­ten Ro­ma­ne oder Kurz­ge­schich­ten.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEIL-NACHRICHTEN -

Nun sind es nur noch gut vier Wo­chen, bis die In­ter­na­tio­na­le Buch­mes­se in Frank­furt wie­der ih­re To­re öff­net. Und auch ich wer­de mich in die­sem Jahr wie­der ein­mal in das Ge­tüm­mel an den Stän­den der Ver­la­ge aus al­ler Welt wer­fen und ver­su­chen, die ei­ne oder an­de­re Le­seIn­spi­ra­ti­on mit­zu­neh­men.

Mei­ne Le­se­Welt ist ganz ein­deu­tig die der Bel­le­tris­tik, des Ro­mans oder von Kurz­ge­schich­ten, der „schö­nen“ Li­te­ra­tur, wie man das frü­her nann­te – ei­nem ziem­lich be­streit­ba­ren Be­griff, denn wer ist schon be­fugt zu ur­tei­len, was „schön“ oder gar „un­schön“ ist? Nicht da­bei zu ver­ges­sen, dass Li­te­ra­tur und Li­te­ra­tur­ge­schmack auch Zei­ten und Mo­den un­ter­liegt, und sich im Lau­fe der Jah­re sehr wohl ver­än­dern kann – und auch soll. Ja, es gibt den Le­se-Ka­non von Herrn Reich-Ra­ni­cki – aber der sagt auch nur et­was über den Le­se­ge­schmack Reich-Ra­ni­ckis aus. Auch Best­sel­ler-Lis­ten sind mei­nes Erach­tens nur ein kurz­fris­ti­ges Spie­gel­bild des­sen, was ge­ra­de mal wie­der von den Me­di­en durchs Dorf ge­trie­ben wird.

Als Mäd­chen ha­be ich mir ein­mal mei­nen ganz per­sön­li­chen Le­seKa­non ver­ord­net. Ich woll­te un­be­dingt mei­nen li­te­ra­ri­schen Ho­ri­zont über das, was in der Schu­le ge­le­sen wur­de, hin­aus er­wei­tern. Die­se Lis­te ha­be ich neu­lich wie­der­ge­fun­den, meh­re­re eng be­schrie­be­ne Sei­ten, ein Par­force-Ritt durch die Welt­li­te­ra­tur. Tat­säch­lich hat­te ich es ge­schafft, die­se Lis­te weit­ge­hendst ab­zu­ar­bei­ten, wenn ich auch nicht be­haup­ten kann, dass ich al­les ver­stan­den ha­be, was ich da­mals ge­le­sen ha­be.

Aber ich be­kam ein Ge­fühl da­für oder ei­ne Ah­nung da­von, was ich mö­gen könn­te und was nicht.Mit „Stolz und Vor­ur­teil“, das nicht auf mei­ner Lis­te stand, son­dern auf das ich zu­fäl­lig in ei­nem mehr­bän­di­gen Kom­pen­di­um der Welt­li­te­ra­tur stieß, be­gann mei­ne le­bens­lan­ge Lie­bes­ge­schich­te mit Ja­ne Aus­ten und der eng­li­schen Klas­sik. „Stolz und Vor­ur­teil“ ist noch heu­te ei­ner mei­ner ab­so­lu­ten Lieb­lings­ro­ma­ne, den ich pas­sa­gen­wei­se aus­wen­dig zi­tie­ren kann, weil ich ihn so oft ge­le­sen ha­be. Oder „Ef­fi Briest“, der ein­zi­ge Ro­man, der mir aus dem Schul-Ka­non in Er­in­ne­rung ge­blie­ben ist. „Ef­fi komm“ heißt es ganz zu An­fang in Fon­ta­nes Meis­ter­werk, und ich sprang be­geis­tert in die­sen Ro­man hin­ein, weil er zwar nüch­tern er­zählt, aber doch so mit Ge­füh­len voll­ge­packt ist, dass es ei­nen bis zum bit­te­ren Schluss nicht los lässt. Ein Ro­man zum Im­mer­Wie­der-Le­sen, oh­ne dass je ei­ne Zei­le lang­wei­lig wür­de.

Und so mag ich Ro­ma­ne: Ki­no im Kopf, das pral­le Le­ben. Men­schen aus Fleisch und Blut in ei­ner schlüs­sig und gut ge­bau­ten Hand­lung, Men­schen, mit de­nen ich la­chen und wei­nen kann, die ich lie­ben und has­sen darf, mit de­nen ich strei­ten und über­ein­stim­men kann, in vie­len ver­schie­de­nen Jahr­hun­der­ten und eben­so vie­len ver­schie­de­nen Kul­tu­ren.

Ich sit­ze un­ent­deckt am Näh­tisch­chen und hö­re Eliz­a­beth Ben­nett zu, wie sie den schreck­li­chen Hei­rats­an­trag von Mr Dar­cy ab­schmet­tert (Ja­ne Aus­ten: Stolz und Vor­ur­teil). Ich stap­fe mit dem un­er­wünsch­ten Land­ver­mes­ser K. durch den ewi­gen Schnee in das Schloss, auf der Su­che nach sei­ner oder vi­el­leicht auch mei­ner ur­ei­ge­nen Exis­tenz (Franz Kaf­ka: Das Schloss).

Ich wei­ne um die ver­lo­re­ne Exis­tenz von Hu­go Baum­gart­ner in Mum­bai (Ani­ta De­sai: Baum­gart­ners Bom­bay), se­he mit Ban­gen zu, wie Ami­na sich in Mi­ri­am ver­liebt in der Welt der Apart­heid des Süd­afri­kas der fünf­zi­ger Jah­re (Sha­mim Sa­rif: Die ver­bor­ge­ne Welt) und fol­ge der Ta­schen­die­bin Su­san durch die dunk­len Stra­ßen Lon­dons um 1870 her­um in ein über­aus wen­dungs­rei­ches Aben­teu­er (Sa­rah Wa­ters: So­lan­ge Du lügst),oder muss ent­setzt mit­er­le­ben, wie ein ei­fer­süch­ti­ger und ge­walt­tä­ti­ger Va­ter das Le­ben sei­ner Töch­ter ver­nich­tet (Ann-Ma­rie McDo­nald: Ver­nimm mein Fle­hen).

Man­che Bü­cher soll­ten so­gar am bes­ten erst ge­le­sen wer­den, wenn man sich selbst an dem Ort be­fin­det, an dem sie spie­len. So ist es mir mit Vi­cky Baums „Lie­be und Tod auf Ba­li“ er­gan­gen, das ich in drei ba­li­ne­si­schen Näch­ten zü­gig durch­ge­le­sen ha­be und mit der be­son­de­ren Land­schaft Ba­lis vor Au­gen um­so bes­ser ver­ste­hen konn­te.

Lei­der fin­de ich im­mer we­ni­ger Bü­cher auf dem Jahr­markt der Li­te­ra­tur, de­nen es ge­lingt, mich mit­zu- rei­ßen. Meis­tens sind das dann Ro­ma­ne von Au­to­ren/Au­to­rin­nen, auf die ich sto­ße, weil ich mich ent­we­der mit ei­ner ganz be­stimm­ten Kul­tur be­schäf­ti­ge, wie zum Bei­spiel In­di­en seit ei­ni­gen Jah­ren, oder ein­fach mal durch ein In­ter­view hier oder ei­ne Ver­fil­mung dort.

Mit den Jah­ren kommt so­gar der Mut, ein Buch tat­säch­lich ein­mal nicht zu En­de zu le­sen. Hät­te ich frü­her nie ge­macht, da wur­de sich durch­ge­quält bis zum Schluss. Doch ein­mal und dann hat­te ich jah­re­lang ein schlech­tes Ge­wis­sen, weil es sich doch um ei­nen Ro­man von Vir­gi­nia Woolf han­del­te (Ja­cobs Raum) und es qua­si für ei­ne frau­en­be­weg­te Frau ver­pflich­tend war, Mrs Woolf in Gän­ze ge­le­sen zu ha­ben.

Das tue ich mir heu­te nicht mehr an. Ich bin auch heu­te viel eher be­reit, Bü­cher ab­zu­ge­ben, die sich am En­de doch als Fehl­in­ves­ti­ti­on er­wie­sen ha­ben. Der Trö­del­markt von Tier­hei­men ist z.B. da­für im­mer ei­ne gu­te An­lauf­stel­le, um­ge­kehrt fin­det man dort auch ge­le­gent­lich ei­ne Per­le.

Zu den neu­en Me­di­en ha­be ich ein eher ge­spal­te­nes Ver­hält­nis. Hör­bü­cher ja, am bes­ten aber als Hör­spiel, weil es dann ein­fach le­ben­di­ger ist. Aber e-book, nein , da bin ich be­ken­nend kon­ser­va­tiv. Ers­tens muss ich ech­tes Pa­pier – so­zu­sa­gen „et­was rich­ti­ges“ – in der Hand hal­ten, mit ei­nem schö­nen Ein­band oder we­nigs­tens Co­ver, und zwei­tens: Ich bin schon lan­ge in dem Al­ter, in der man ei­ne Gleit­sicht­bril­le trägt, und mei­ne Au­gen sind von der stän­di­gen Ar­beit vor dem Bild­schirm schon mal­trä­tiert ge­nug.

So bli­cke ich am En­de des Ta­ges auf den ne­ben mir lie­gen­den Sta­pel der noch un­ge­le­se­nen Bü­cher und gleich­zei­tig in mei­nen Schrank, in dem wie­der­um Bü­cher auf mich war­ten, die min­des­tens noch ein­mal ge­le­sen wer­den wol­len. Ich ha­be da so ei­ne ganz per­sön­li­che „Hit­lis­te“, die ich wahr­schein­lich aber erst „ab-le­sen“ kann, wenn ich ir­gend­wann in Ren­te ge­he.

Ar­gen­ti­ni­en ist dies­jäh­ri­ger Eh­ren­gast auf der Buch­mes­se, ein Land, des­sen Schrift­stel­ler und Schrift­stel­le­rin­nen nach wie vor im Auf­bruch sind. Vi­el­leicht ist es wie­der an der Zeit, Entdeckungen zu ma­chen.

FO­TO: UL­RICH BAUM­GAR­TEN / VARIO-PRESS

Die Frank­fur­ter Buch­mes­se 2010 fin­det vom 6. bis 10. Ok­to­ber statt.

Von EL­KE DAMM (55), Qua­li­täts­be­auf­trag­te aus Düsseldorf. Bei OPINIO ist sie als fri­da be­kannt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.