Kleid aus Pa­pier – in den Sech­zi­gern to­tal „in“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STADTTEIL-NACHRICHTEN -

1966 wa­ren sie der al­ler­letz­te Schrei. Mei­ne bes­te Freun­din kauf­te sich so ein Ex­em­plar: Ein ge­blüm­tes Mi­ni­kleid aus Pa­pier. Auf den ers­ten Blick war die­ses au­ßer­ge­wöhn­li­che Ma­te­ri­al kaum zu er­ken­nen, fan­den wir. Die­se Er­kennt­nis fand ich in­ter­es­sant und ich woll­te wis­sen, wie es sich an­fühlt, ein Pa­pier­kleid zu tra­gen. Al­so er­stand ich auch eins, und mu­tig, wie wir da­mals wa­ren, woll­ten wir die Re­ak­ti­on un­se­rer Mit­men­schen in der Dis­co tes­ten. Nie­man­dem fiel auf, dass wir Ein­mal-(oder Zwei­mal)Klei­der tru­gen. An­geb­lich über­stand so ein Teil so­gar ei­ne Ma­schi­nen­wä­sche.

Das woll­te ich ge­nau­er wis­sen. Un­be­scha­det über­stand mein Ge­wand den Dis­co­abend nicht. Weil es ei­nen Riss hat­te, spiel­te es al­so kei­ne Rol­le mehr, in wel­chem Zu­stand es die Pro­be­wä­sche über­ste­hen wür­de. Das gu­te Stück sah nach der Wä­sche – oh­ne Schleu­der­gang na­tür­lich – et­was selt­sam aus: Es war ge­schrumpft und hät­te mit et­was Glück noch ei­nem drei­jäh­ri­gen Kind ge­passt. Das ehe­mals doch ziem­lich schi­cke Kleid lan­de­te als zer­knüll­tes Et­was im Pa­pier­korb.

Klei­der aus Pa­pier wa­ren zwi­schen 1966 und 1968 ein weit ver­brei­te­tes Phä­no­men, wenn auch nur ein kurz­le­bi­ges. Wie ich mich er­in­ne­re, er­dach­te an­fangs ei­ne Pa­pier­fir­ma für Ser­vi­et­ten und Pa­pier­hand­tü­cher Pa­pier­klei­der als Wer­be­gag. Dann über­nah­men De­si­gner die selt­sa­me Idee und schnell setz­ten sich die Weg­werf­klei­der durch.

Mo­de­schöp­fer Ra­ban­ne glaub­te an ei­ne Zu­kunft der so­ge­nann­ten „Weg­werf­mo­de“. Sie war leicht an Ge­wicht und als Klei­dung kurz­le­big. Das Ma­te­ri­al schien ihm für Rei­se­klei­dung bes­tens ge­eig­net. Nach Ge­brauch warf man sie ein­fach weg. Pa­pier­klei­dung soll­te für al­le er­schwing­lich wer­den.

Wahr­schein­lich war das zu die­ser Zeit ein fort­schritt­li­cher Ge­dan­ke. Über die Ver­schwen­dung von Roh­stof­fen mach­te man sich kei­ne Ge­dan­ken. Heu­te wä­re so et­was un­vor­stell­bar.

CHRIS­TA CROO­NEN­BRO­ECK (61), Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te, Tö­nis­vorst. OPINIONick: chris­ta1949.

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