Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SERIE / ROMAN -

Wie­der und wie­der fah­re ich durchs Dorf und am Haus der Zats­huks vor­bei, um nach­zu­se­hen, ob das Schrott­au­to vi­el­leicht da­vor parkt. Tut es nicht. Ich fra­ge die Nach­barn, ob sie Va­len­ti­na oder Sta­nis­lav ge­se­hen ha­ben. Ha­ben sie nicht. Auch der Mann von der Post und die Frau vom La­den an der Ecke ha­ben sie nicht ge­se­hen. Und der Milch­mann ist ih­nen auf sei­nen Run­den auch nicht be­geg­net.

Ich bin rich­tig­ge­hend be­ses­sen von der Idee, Va­len­ti­na fin­den zu müs­sen. Je­des Mal, wenn ich durchs Dorf oder durch Pe­ter­bo­rough fah­re, kommt es mir vor, als sä­he ich das Schrott­au­to ir­gend­wo um ei­ne Ecke ver­schwin­den. Ich voll­füh­re Voll­brem­sun­gen oder wil­de Keh­ren und han­de­le mir Hup­kon­zer­te von an­de­ren Au­to­fah­rern ein. Da­bei sa­ge ich mir, dass ich un­be­dingt wis­sen muss, was Va­len­ti­na nun vor­hat – ob sie ge­gen die Schei­dung an­ge­hen will, wie viel Geld sie ver­langt, oder ob sie vi­el­leicht doch vor­her ab­ge­scho­ben wird. Und ich re­de mir ein, dass ich es her­aus­fin­den muss we­gen des Rolls-Roy­ce und we­gen der Post, die im­mer noch für sie ins Haus flat­tert, auch wenn es in der Haupt­sa­che Wer­bung ist für ir­gend­wel­che Mil­lio­nen-Ge­winn­spie­le oder du­bio­se Schön­heits­ku­ren. Tat­säch­lich aber hat mich bren­nen­de Neu­gier ge- packt. Ich möch­te wis­sen, wie sie lebt. Ich möch­te wis­sen, wer sie ist. Ich möch­te es ein­fach wis­sen.

Ge­trie­ben von mei­ner Neu­gier ma­che ich mich ei­nes Sams­tag­nach­mit­tags zu Eric Pi­ke auf. Die Adres­se ha­be ich im Te­le­fon­buch und im Stadt­plan her­aus­ge­sucht. Pi­kes Haus ist ein mo­der­nes ein­stö­cki­ges Ge­bäu­de in pseu­do-geor­gia­ni­scher Bau­wei­se. Es steht in ei­nem leicht ab­schüs­si­gen Gar­ten in ei­ner Sack­gas­se mit lau­ter ähn­li­chen Häu­sern, die al­le wei­ße Säu­len an der Ein­gangs­tür ha­ben, Lö­wen­köp­fe auf den Gar­ten­tor­pfos­ten, Bl­ei­glas­fens­ter, ei­ne vik­to­ria­ni­sche La­ter­ne in der Ein­fahrt, je­de Men­ge Hän­ge­kör­be vol­ler mau­vefar­be­ner Pe­tu­ni­en und ei­nen Teich mit Spring­brun­nen und Zier­fi­schen.

In der Ein­fahrt ste­hen zwei Au­tos. Der gro­ße blaue Vol­vo-Kom­bi und ein klei­ner wei­ßer Al­fa Ro­meo. Von Va­len­ti­nas Ro­ver kei­ne Spur. Ich stel­le mei­nen Wa­gen ein we­nig von der Ein­fahrt ent­fernt ab, dre­he das Ra­dio an und war­te.

Nichts pas­siert, ei­ne St­un­de lang, ein­ein­halb St­un­den lang. Dann tritt ei­ne Frau aus dem Haus. Ei­ne at­trak­ti­ve Mitt­vier­zi­ge­rin, ge­schminkt, auf ho­hen Ab­sät­zen und, wie mir auf­fällt, mit ei­nem Kett­chen un­ter der Strumpf­ho­se am Fuß­ge­lenk. Sie kommt zu mir her­über und be­deu­tet mir, das Fens­ter her­un­ter­zu­kur­beln.

„Sind Sie Pri­vat­de­tek­ti­vin?” „Oh, nein . . . ich . . . nein . . .” Ich stot­te­re. In plötz­li­cher Er­man­ge­lung je­g­li­cher Fan­ta­sie fällt mir nichts an­de­res ein, als zu sa­gen: „Ich war­te hier nur auf ei­ne Freun­din.”

„Weil falls ja, kön­nen Sie sich ver­pis­sen. Ich ha­be ihn seit drei Wo­chen nicht mehr ge­se­hen. Es ist aus und vor­bei.” Sie dreht sich um und stakst zum Haus zu­rück. Bei je­dem Schritt ver­sin­ken ih­re Ab­sät­ze knir­schend im Kies. Gleich dar­auf er­scheint ein Mann in der Tür, der in mei­ne Rich­tung starrt. Er ist groß und un­ter­setzt und hat ei­nen mäch­ti­gen schwar­zen Schnauz­bart. Als er sich in Be­we­gung setzt und die Ein­fahrt her­un­ter auf mich zu­kommt, las­se ich schnell den Mo­tor an und fah­re da­von.

Auf dem Rück­weg fällt mir noch et­was an­de­res ein. Ich ma­che ei­nen Um­weg über die Hall Street zum Haus von Bob Tur­ner, wo wir da­mals den di­cken brau­nen Um­schlag ab­ge­ben woll­ten. Doch das Haus hat ein „Zu ver­kau­fen”-Schild an der Gar­ten­tür und steht ein­deu­tig leer. Ich lu­ge durch ein Fens­ter. Die Sto­res sind nicht ab­ge­nom­men, aber drin­nen ste­hen kei­ne Mö­bel mehr. Ei­ne Nach­ba­rin, die mich be­ob­ach­tet hat, streckt ei­nen Kopf vol­ler Lo­cken­wick­ler zur Tür her­aus. (Fort­set­zung folgt)

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