Städ­te er­fin­den neue Steu­ern

So­la­ri­en-Be­sit­zer in Es­sen sind em­pört über die neue Steu­er, die die Stadt für Son­nen­bän­ke er­hebt. Vie­le Be­trei­ber wol­len nun ent­we­der Mit­ar­bei­ter ent­las­sen oder die Prei­se an­he­ben. Doch Es­sen ist nicht die ein­zi­ge Stadt, die mit aus­ge­fal­le­nen Steu­ern di

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - LAND & LEUTE - VON JÜR­GEN STOCK UND TI­NA STOCK­HAU­SEN

ES­SEN Andrea Oel­schle­gel hat sich heu­te schon drei­mal auf­ge­regt. Drei­mal sind an die­sem Vor­mit­tag Kun­den in das Son­nen­stu­dio Sun­ti­mes in dem dörf­li­chen Stadt­teil Hei­sin­gen am Ran­de des Es­se­ner Bal­de­ney­se­es ge­kom­men und ha­ben das Wort „Bräu­nungs­steu­er“ fal­len las­sen. „Al­le fan­gen so­fort da­von an und re­gen sich ge­nau­so dar­über auf wie ich“, sagt Oel­schle­gel. „Das ist un­fass­bar, was sich die Stadt da hat ein­fal­len las­sen.“

Der Stadt­rat hat be­schlos­sen, dass So­la­ri­en-Be­sit­zer ab 2011 ei­ne Steu­er von 20 Eu­ro pro Son­nen­bank

Recht­lich sind der Fan­ta­sie der Käm­me­rer kaum Gren­zen ge­setzt

und Mo­nat zah­len sol­len. Die mit 2,9 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­schul­de­te Ruhr­ge­biets­stadt er­war­tet Zu­satz­ein­nah­men in Hö­he von 150000 Eu­ro. Nun muss nur noch das NRWIn­nen­mi­nis­te­ri­um das Vor­ha­ben ge­neh­mi­gen. Doch die­ses äu­ßer­te sich ges­tern skep­tisch zu dem Vor­ha­ben der Es­se­ner. Er müs­se noch mit dem Fi­nan­zi­mi­nis­te­ri­um über die­se neue Steu­er spre­chen, sag­te In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD). Es sei gut, dass die Kom­mu­nen neue Ein­nah­me­quel­len su­chen, „man soll die Schrau­be aber auch nicht über­dre­hen“.

Fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­terBor­jans (SPD) al­ler­dings trieb in sei­ner Zeit als Köl­ner Käm­me­rer ei­ne im Volks­mund so ge­nann­te Sex­steu­er ein. Frei­schaf­fen­de Pro­sti­tu­ier­te müs­sen pro Tag sechs Eu­ro be­zah­len, Bor­dell­be­sit­zer wer­den nach Flä­che zur Kas­se ge­be­ten. In Köln setz­te sich Wal­ter Bor­jans auch für ei­ne fünf­pro­zen­ti­ge Bet­ten­steu­er für Ho­tel­über­nach­tun­gen ein. Ge­gen­über un­se­rer Zei­tung kün­dig­te der Mi­nis­ter be­reits an, dass er den Kom­mu­nen mehr Gestal­tungs­spiel­raum bei der Er­he­bung kom­mu­na­ler Steu­ern ein­räu­men wer­de.

Bär­bel Hil­de­brand vom Bund der Steu­er­zah­ler schwant Üb­les: „Bräu­nungs-oder Bet­ten­steu­ern die­nen doch nur da­zu, die lee­ren kom­mu­na­len Kas­sen zu fül­len“, sagt die Ex­per­tin. „Es ist eben ein­fa­cher, neue Steu­ern zu er­fin­den statt zu spa­ren.“ Sie fürch­tet die Krea­ti­vi­tät der Käm­me­rer.

Wohl zu Recht. In­zwi­schen ha­ben meh­re­re Ruhr­ge­biets­kom­mu­nen ei­ne Sex­steu­er nach dem Köl­ner Vor­bild be­schlos­sen. In Dort­mund hat die SPD die Ein­füh­rung ei­ner Pfer­de­steu­er ins Spiel ge­bracht.

Der Städ­te-und Ge­mein­de­bund be­stä­tig­te jüngst, dass vie­le NRWKom­mu­nen der­zeit dis­ku­tier­ten, wie die Auf­stel­lung von Mo­bil­funk­mas­ten be­steu­ert wer­den kön­ne.

Das bran­den­bur­gi­sche Luckau er­hofft sich von ei­ner Wind­rad­steu­er Mehr­ein­nah­men in sechs­stel­li­ger Hö­he.

Ham­burg will künf­tig Ver­kehrs­teil­neh­mer, die bei ei­nem Un­fall oh­ne Per­so­nen­scha­den die Po­li­zei zu Hil­fe ru­fen, mit 40 Eu­ro „Blau­licht­steu­er“ zur Kas­se bit­ten.

Et­li­che Uni­ver­si­täts­städ­te und Kom­mu­nen in Fe­ri­en­ge­bie­ten fül­len sich mit ei­ner Zweit­woh­nungs­steu­er die Ta­sche.

Laut rot-grü­nem Ko­ali­ti­ons­ver­trag soll in NRW so­gar die ge­ra­de erst be­schlos­se­ne Ab­schaf­fung der Jagd­steu­er wie­der rück­gän­gig ge­macht wer­den. In der Ver­gan­gen­heit brach­te die­se Steu­er dem Hoch­sau­er­land­kreis rund 800000 Eu­ro pro Jahr ein.

Recht­lich sind der Fan­ta­sie der Käm­me­rer in NRW kaum Gren­zen ge­setzt: „Kom­mu­nen ha­ben ein Steu­er­fin­dungs­recht. Das heißt, sie dür­fen sich neue Steu­ern aus­den­ken und müs­sen sie nur vom Land ge­neh­mi­gen las­sen“, sagt Steu­er­ex­per­tin Hil­de­brand.

„Und als nächs­tes kommt die Lu­xus­steu­er auf Eis, oder was?“ Im Son­nen­stu­dio in Es­sen-Hei­sin­gen regt sich Andrea Oel­schle­gel schon wie­der auf. Stamm­kun­de Frank Braun ist ins Stu­dio ge­kom­men und hat von dem The­ma Bräu­nungs­steu­er an­ge­fan­gen. Der 44-Jäh­ri­ge fin­det das Vor­ha­ben ab­surd. „Die soll­ten lie­ber ei­ne Rei­ter­steu­er er­he­ben oder ei­ne Golf­platz­steu­er, an­statt im­mer dem klei­nen Mann in die Ta­sche zu grei­fen.“ Der­zeit be­zahlt er 5,90 Eu­ro für 15 Mi­nu­ten auf der Son­nen­bank. Andrea Oel­schle­gel rech­net da­mit, dass sie die Prei­se er­hö­hen muss, soll­te die neue Steu­er kom­men. Bei fünf Son­nen­bän­ken müss­te sie 100 Eu­ro pro Mo­nat zu­sätz­lich be­zah­len.

Die Stadt­ver­wal­tung be­grün­det die neue Steu­er mit dem Ge­sund­heits­schutz. „Ein Pseu­do­vor­wand“, sagt Nor­bert Schmid-Kei­ner vom Fach­ver­band So­la­ri­en und Be­son­nung. „Soll­te die Lan­des­re­gie­rung die­ses Vor­ha­ben ge­neh­mi­gen, wer­den wir recht­lich da­ge­gen vor­ge­hen.“ Ver­fas­sungs­recht­lich sei es frag­lich, ob die Stadt mit der Steu­er nicht die Ge­wer­be­frei­heit ein­schrän­ke. Und steu­er­recht­lich sei zu be­an­stan­den, dass die Steu­er nach Stück­zahl statt nach Um­satz er­ho­ben wer­de. „Für vie­le Be­trei­ber wä­re ei­ne sol­che Steu­er ein her­ber Schlag“, sagt Schmid-Kei­ner. „Die Kos­ten sind be­reits so hoch, dass es ge­ra­de für die klei­nen Stu­di­os kaum noch Sinn ma­chen wird, den Be­trieb auf­recht­zu­er­hal­ten.“

FO­TO: H.-J.BAU­ER

Ma­nue­la Schul­te (l.), In­ha­be­rin des Es­se­ner Stu­di­os „Sun­ti­mes“, und ih­re Ma­na­ge­rin Andrea Oel­schle­gel 100 Eu­ro pro Mo­nat „Bräu­nungs­steu­er“ an die Stadt zah­len. Sie be­fürch­ten, die Prei­se er­hö­hen zu müs­sen.

müs­sen künf­tig

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