Leh­rer ge­gen NRW-Schul­ver­su­che

Har­te Vor­wür­fe ge­gen Mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann (Grü­ne) beim NRW-Schul­gip­fel: Leh­rer­ver­bän­de nen­nen ih­re Re­form­plä­ne „un­fair“ und „lä­cher­lich“. Die Kon­fe­renz en­de­te oh­ne greif­ba­re Er­geb­nis­se. Ar­beits­grup­pen sol­len strit­ti­ge Fra­gen klä­ren – et­wa die Ein­füh

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON DET­LEV HÜWEL UND FRANK VOLLMER

DÜSSELDORF Die we­hen­den Fah­nen vor dem NRW-Schul­mi­nis­te­ri­um kön­nen nicht dar­über hin­weg­täu­schen: Das gan­ze Ge­län­de ist ei­ne ein­zi­ge Bau­stel­le. Grund ist der Neu­bau des Lan­des­kri­mi­nal­amts ne­ben­an. Das be­deu­tet Dreck, Staub, Sand über­all – und ist ein schö­nes Sinn­bild für die po­li­ti­sche Rie­sen­bau­stel­le, die Schul­mi­nis­te­rin Syl­via Löhr­mann (Grü­ne) auf­ge­macht hat: die Re­form des nord­rhein-west­fä­li­schen Schul­sys­tems. Zur „Bil­dungs­kon­fe­renz“ hat­te Löhr­mann ges­tern in ihr Haus ge­la­den, um gleich­sam die Bau­gru­ben der Bil­dungs­po­li­tik in Au­gen­schein zu neh­men. Sie hei­ßen Tur­bo-Abitur, Ge­mein­schafts­schu­le, Kopf­no­ten, Schul­be­zir­ke, freie Schul­wahl.

Löhr­mann und rund 50 wei­te­re Gip­fel­teil­neh­mer – Ab­ge­ord­ne­te, Ge­werk­schaf­ter, Leh­rer, El­tern, Kir­chen­ver­tre­ter und Mi­gran­ten – ei­nig­ten sich in drei­stün­di­gen Be­ra­tun­gen dar­auf, die Ge­sprä­che fort­zu­set­zen. Ar­beits­grup­pen sol­len sich mit ein­zel­nen The­men wie der be­son­ders um­strit­te­nen Ge­mein­schafts­schu­le be­fas­sen und kon­kre­te Lö­sun­gen er­ar­bei­ten.

Hin­ter ge­schlos­se­nen Tü­ren gab es viel Kri­tik an Löhr­manns Plä­nen. Doch über­wog nach An­ga­ben von Teil­neh­mern ein Ge­dan­ke: NRW braucht ei­nen Schul­kon­sens, und zwar ei­nen, der län­ger trägt als ei­ne Le­gis­la­tur­pe­ri­ode, wie Udo Beck­mann vom Ver­band Bil­dung und Er­zie­hung be­ton­te.

Sie hof­fe, in ei­nem hal­ben Jahr ei­ne „Ver­stän­di­gung“ zu er­rei­chen, sag­te Löhr­mann nach der Kon­fe­renz. Ihr Ein­druck sei, dass es sich loh­ne wei­ter­zu­dis­ku­tie­ren. Über die drän­gen­den The­men herr­sche zu­dem Ei­nig­keit. Greif­ba­re­re Er­geb­nis­se gab es nicht.

Für den Kern von Löhr­manns ge­plan­ter Schul­re­form – die mög­lichst flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung der Ge­mein­schafts­schu­le, in der al­le Kin­der min­des­tens bis zur sechs­ten Klas­se zu­sam­men ler­nen – ist da­her nach wie vor der Weg durchs Par­la­ment ver­sperrt, denn Rot-Grün fehlt im Land­tag ei­ne Stim­me zur Mehr­heit.

Löhr­mann will da­her den Um­weg über Pa­ra­graf 25 des Schul­ge­set­zes neh­men. Der sieht „Schul­ver­su­che“ vor, um „das Schul­we­sen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln“. Die Mi­nis­te­rin will so auf An­trag neue Ge­mein­schafts­schu­len ge­neh­mi­gen – oh­ne dass der Land­tag zu­stim­men muss. „Man kann so ein wich­ti­ges The­ma nicht über Schul­ver­su­che lö­sen“, kri­ti­sier­te nach der Kon­fe­renz Pe­ter Sil­ber­na­gel, Chef des Phi­lo­lo­gen­ver­bands NRW: „Da­mit schafft man un­um­kehr­ba­re Fak­ten. Zu­gleich zieht sich das Land aus der schul­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung.“ Klar sei aber auch, dass es Ve­rän­de­run­gen in der Schul­struk­tur ge­ben müs­se – als Re­ak­ti­on auf sin­ken­de Schü­ler­zah­len.

Rot-Grün wer­de kei­ne Schul­form ab­schaf­fen, sag­te Löhr­mann er­neut. Ei­ne Be­stands­ga­ran­tie für die Gym­na­si­en in NRW gab sie aber auch ges­tern nicht – für Sil­ber­na­gel Grund ge­nug, die wei­te­re Teil­nah­me des Phi­lo­lo­gen­ver­bands in Fra­ge zu stel­len: „Löhr­mann hat im ver­gan­ge­nen Jahr ge­sagt, ihr Ziel sei die ei­ne Schu­le für al­le. Da­von muss sie abrü­cken.“ Man ha­be auf ei­ne „Zu­sa­ge“ zu­guns­ten der Gym­na­si­en ge­hofft, sag­te Ralf Wit­zel, Par­la­men­ta­ri­scher Ge­schäfts­füh­rer der FDP-Frak­ti­on: „Die­se Zu­sa­ge ist

„Das Land zieht sich aus der schul­po­li­ti­schen

Ver­ant­wor­tung“

lei­der nicht ge­macht wor­den.“ Löhr­mann hat­te statt­des­sen in ei­nem In­ter­view vor der Kon­fe­renz ge­sagt, ein Ve­to­recht ein­zel­ner Schu­len ge­gen die Ein­füh­rung von Ge­mein­schafts­schu­len kön­ne es nicht ge­ben. Löhr­mann re­for­mie­re die Schul­struk­tur „am Ge­setz vor­bei“, kri­ti­sier­te Bri­git­te Bal­bach, Che­fin des Ver­bands Leh­rer NRW. Das sei „un­fair“. Sor­gen ma­chen sich auch die Krei­se: „Es darf nicht da­zu kom­men, dass bei der Bil­dung von Ge­mein­schafts­schu­len be­nach­bar­te Schu­len aus­blu­ten“, for­der­te Mar­tin Klein, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Land­kreis­tags. Zu­dem sol­le das Land auch fi­nan­zi­ell Ver­ant­wor­tung über­neh­men: „Wer be­stellt, muss auch zah­len.“

Eben­falls als Schul­ver­such ge­mäß Schul­ge­setz soll die teil­wei­se Rück­nah­me der gym­na­sia­len Schul­zeit­ver­kür­zung („Tur­bo-Abitur“) lau­fen. Löhr­mann hat be­reits an­ge­kün­digt, bis zu zehn Pro­zent der Gym­na­si­en in NRW dürf­ten im Zu­ge ei­nes Schul­ver­suchs für 2011 die Rück­kehr zum neun­jäh­ri­gen Gym­na­si­um (G9) be­an­tra­gen. Die Rück­kehr zum be­währ­ten G9 als Schul­ver­such zu de­kla­rie­ren, sei „lä­cher­lich“, kri­ti­sier­te Sil­ber­na­gel. Auch Udo Beck­mann, Chef des Ro­tG­rün nä­her­ste­hen­den Ver­bands Bil­dung und Er­zie­hung, sag­te, man kön­ne nicht „al­le Ve­rän­de­rung mit Schul­ver­su­chen be­grün­den“.

So bleibt zur un­mit­tel­ba­ren Um­set­zung der bun­te Strauß des „So­fort­pro­gramms“ aus dem rot-grü­nen Ko­ali­ti­ons­ver­trag: Ab­schaf­fung der Kopf­no­ten, Stär­kung der Rech­te von Schü­lern und El­tern in den Schul­kon­fe­ren­zen („Drit­tel­pa­ri­tät“), Er­laub­nis zur Wie­der­ein­füh­rung der Grund­schul­be­zir­ke, Ab­schaf­fung der ver­bind­li­chen Leh­rer­gut­ach­ten am En­de der Grund­schu­le. All das hat Rot-Grün be­reits in ei­nem Ge­setz­ent­wurf zu­sam­men­ge­fasst; die Lin­ke hat ein­zel­ne Ge­setz­ent­wür­fe zu den­sel­ben The­men ein­ge­bracht. Rot-Grün und die Lin­ke ver­su­chen der­zeit im Schul­aus­schuss, ih­re Ent­wür­fe so auf­ein­an­der ab­zu­stim­men, dass ei­ne Zu­stim­mung der Lin­ken zu den rot­grü­nen Schul­plä­nen oder zu­min­dest ei­ne Ent­hal­tung mög­lich wird.

Zwar ist die Lin­ke im Schul­aus­schuss mit zwei Hard­li­nern ver­tre­ten: Frak­ti­ons­che­fin Bär­bel Beu­er­mann und DDR-Nost­al­gi­ke­rin Gun­hild Böth. Den­noch ste­hen die Chan­cen auf ei­ne Ver­stän­di­gung nicht schlecht, denn groß sind die Un­ter­schie­de in den Ge­setz­ent­wür­fen nicht. „Hun­dert­pro­zen­tig“ wer­de es ei­ne Ei­ni­gung ge­ben, pro­phe­zeit Sil­ber­na­gel. Es wä­re die ers­te rot-rot-grü­ne Ko­ope­ra­ti­on der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode.

Vor ei­ner Ent­schei­dung soll es al­ler­dings noch ei­ne Ex­per­ten-An­hö­rung ge­ben. „Wer weiß“, sagt SPDFrak­ti­ons­vi­ze Re­na­te Hend­ricks, die eben­falls im Aus­schuss sitzt: „Vi­el­leicht macht die CDU dann doch noch mit.“ Das gilt al­ler­dings als un­wahr­schein­lich – schließ­lich hat­te die schwarz-gel­be Re­gie­rung Rütt­gers selbst die Grund­schul­be­zir­ke ab­ge­schafft, die Ver­bind­lich­keit der Leh­rer­gut­ach­ten er­höht und Kopf­no­ten ein­ge­führt.

„Die gro­ße Fra­ge, die Struk­tur­fra­ge, bleibt un­ge­löst“, bi­lan­zier­te ges­tern Klaus Kai­ser (CDU). Auch wenn die schul­po­li­ti­sche Bau­gru­be „So­fort­pro­gramm“ in rot-rot-grü­nem Ein­ver­neh­men ge­schlos­sen wird – die Bau­stel­le „Schul­struk­tur“ wird der Schul­mi­nis­te­rin auf un­ab­seh­ba­re Zeit er­hal­ten blei­ben.

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