Frank­reich streikt ge­gen Ren­te mit 62

In Deutsch­land ist die Ren­te mit 67 schon durch – in Frank­reich sorgt so­gar die Ren­te mit 62 noch für Kra­wall: Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen le­gen den Ver­kehr lahm, vie­le Schu­len blei­ben ge­schlos­sen. Aus Sicht der EU-Kom­mis­si­on ist das Un­sinn. Sie for­dert die Ren

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON THO­MAS REISENER

DÜSSELDORF/PARIS Aus deut­scher Sicht ein kaum nach­voll­zieh­ba­res Lu­xus­pro­blem – aber in Frank­reich steht we­gen der ge­plan­ten An­he­bung des Ren­ten­al­ters von 60 auf 62 Jah­re das hal­be Land Kopf. 232 Kund­ge­bun­gen leg­ten auch ges­tern wie­der gro­ße Tei­le des Ver­kehrs lahm: Je­der zwei­te Zug blieb im Bahn­hof, zahl­rei­che Flü­ge fie­len aus, vor den U-Bahn-Sta­tio­nen der Pa­ri­ser Me­tro stau­ten sich Men­schen­mas­sen. Auch vie­le Schu­len blie­ben ge­schlos­sen, weil die Leh­rer streik­ten. Die De­mons­tran­ten hiel­ten Schil­der mit Auf­schrif­ten wie „Ge­fan­ge­ne der Ar­beit“ hoch und be­schimpf­ten ih­ren Staats­chef Nicolas Sar­ko­zy als „Ras­sis­ten“.

Die fran­zö­si­schen Rent­ner sind EU-weit

die jüngs­ten

Wie in Deutsch­land, wo die Ren­te mit 67 schon vor fünf Jah­ren be­schlos­sen wur­de (gül­tig ab dem Jahr 2029), be­grün­det Sar­ko­zy die An­he­bung des Rent­ein­ein­tritts­al­ters auf 62 mit dem Loch, das die ge­stie­ge­ne Le­bens­er­war­tung in die So­zi­al­kas­sen reißt. „Das ist der ver­nünf­tigs­te Weg, den auch al­le an­de­ren Län­der ge­wählt ha­ben“, sag­te Sar­ko­zy. In Frank­reich sei die Le­bens­er­war­tung mitt­ler­wei­le um 15 Jah­re hö­her als noch 1950.

Mit 60 Jah­ren leis­tet Frank­reich sich EU-weit das nied­rigs­te Ren­ten­ein­tritts­al­ter. In Deutsch­land ge­hen die Ar­beit­neh­mer plan­mä­ßig der­zeit noch mit 65 Jah­ren in Ren­te, dä­ni­sche Frau­en so­gar erst mit 67 Jah­ren.

Die­se Plan­zah­len ge­ben al­ler­dings nir­gends die Wirk­lich­keit wie­der, denn Pro­gram­me zur Früh­ver­ren­tung sind in der in­ter­na­tio­na­len Wirt­schaft noch im­mer gän­gi­ge Pra­xis. Vie­le äl­te­re Ar­beit­neh­mer müs­sen aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den nicht mehr ar­bei­ten. Und im­mer mehr äl­te­re Men­schen ha­ben es auch gar nicht mehr nö­tig, weil in Län­dern wie Deutsch­land der Al­ters­ar­mut längst auch ein im­mer stär­ker wach­sen­der Al­ters­wohl­stand ge­gen­über steht.

Fak­tisch geht der durch­schnitt­li­che Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land schon mit 61 in Ren­te, die deut­sche Ar­beit­neh­me­rin mit 62. Die fran­zö­si­schen Rent­ner sind in der Pra­xis EU-weit die jüngs­ten: Frau­en ge­hen dort im Schnitt mit 58,7 Jah­ren in Ren­te, Män­ner mit 59,5.

„Das kann sich heu­te kei­ne mo­der­ne Volks­wirt­schaft mehr leis­ten“, meint Jo­chen Pim­pertz vom In­sti­tut der Deut­schen Wirt­schaft in Köln. Denn in ganz Eu­ro­pa pla- gen die So­zi­al­kas­sen die­sel­ben Pro­ble­me: Die Men­schen wer­den im­mer äl­ter (pro Jahr­gang sechs bis acht Wo­chen), wes­halb sie im­mer län­ger Ren­te be­zie­hen. Au­ßer­dem wach­sen im­mer we­ni­ger Kin­der nach, wes­halb im­mer we­ni­ger Bei­trags­zah­ler im­mer mehr Rent­ner fi­nan­zie­ren müs­sen.

„Schon je­der ein­zel­ne die­ser bei­den Fak­to­ren macht die Ver­län­ge­rung der Le­bens­ar­beits­zeit not­wen­dig“, er­klärt Pim­pertz. Im Ver- gleich zu Deutsch­land ha­be Frank­reich al­ler­dings ei­nen Vor­teil: Die Fran­zo­sen be­kom­men mehr Kin­der, näm­lich im Schnitt zwei pro Fa­mi­lie. In Deutsch­land sind es nur 1,4. Pim­pertz: „Das al­lein ga­ran­tiert aber auch in Frank­reich kei­ne hei­le Ren­ten­welt.“

So­wohl ei­ne Er­hö­hung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters als auch die Not­wen­dig­keit zu­sätz­li­cher Ren­ten­bau­stei­ne – wie in Deutsch­land et­wa die „Ries­ter-Ren­te“ – sind in- zwi­schen in ganz Eu­ro­pa die Re­gel. Der Kom­mis­si­on reicht das aber noch nicht. Erst vor we­ni­gen Wo­chen sorg­te Brüssel mit ei­nem „Grün­buch“ zur Al­ters­vor­sor­ge für Auf­re­gung auf dem Kon­ti­nent. Wich­tigs­te For­de­rung der Ex­per­ten: Ren­te mit 70 ab dem Jahr 2060. Und zwar eu­ro­pa­weit. Sonst bre­chen die So­zi­al­sys­te­me un­ter der Last der Rent­ner zu­sam­men. Die Men­schen sol­len dem­nach künf­tig höchs­tens ein Drit­tel ih­res Er­wach­se­nen­le­bens im Ru­he­stand ver­brin­gen.

Da­mit nicht ge­nug. Die EU-Kom­mis­si­on hält auch die pri­va­te Al­ters­vor­sor­ge in ih­rer der­zei­ti­gen Struk­tur für kein „an­ge­mes­se­nes und nach­hal­ti­ges Ru­he­stands­ein­kom­men“. Das wur­de den Be­am­ten wäh­rend der jüngs­ten Fi­nanz­kri­se be­wusst. So ha­ben auch die bis da­hin als si­cher gel­ten­den Pen­si­ons­fonds 2008 mehr als 20 Pro­zent ih­res Wer­tes ver­lo­ren.

Auch ei­ni­ge be­trieb­li­che Pen­si­ons­fonds wa­ren im Zu­ge der Kri­se nicht mehr in der La­ge, ih­ren Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men. Des­halb will die Kom­mis­si­on auch die pri­va­ten Al­ters­ver­sor­gungs­sys­te­me EU-weit re­gu­lie­ren, was al­ler­dings an recht­li­chen Wi­der­stän­den schei­tern dürf­te.

Was auf die Eu­ro­pä­er zu­kom­men könn­te, wenn die Brüs­se­ler Kom­mis­si­on ih­re Vor­schlä­ge durch­setzt, lässt sich heu­te schon in Ja­pan be­ob­ach­ten. Dort ar­bei­ten Män­ner im Schnitt be­reits bis zum Al­ter von 69,5 – fünf Jah­re län­ger als vor­ge­schrie­ben.

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