Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SERIE / ROMAN -

Leicht vor­stell­bar, dass Va­ter in Pa­nik ge­rät, als ihm durch die Post ei­ne Vor­la­dung zum Ge­richt zu­ge­stellt wird. Es geht um nicht be­zahl­te Kraft­fahr­zeug­steu­er. Das Schrott­au­to ist in ei­ner Ne­ben­stra­ße ab­ge­stellt und dort oh­ne ak­tu­el­le Steu­er­mar­ke auf­ge­fun­den wor­den. Und Va­ter ist als Hal­ter des Fahr­zeugs re­gis­triert.

„Dank Va­len­ti­na bin ich jetzt zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben kri­mi­nell ge­wor­den.”

„Das ist nicht so schlimm, Pa­pa. Ich bin si­cher, es han­delt sich bloß um ein Miss­ver­ständ­nis.”

„Von we­gen – nicht so schlimm. Du hast ja kei­ne Ah­nung, wie vie­le Men­schen schon durch blo­ße Miss- ver­ständ­nis­se ums Le­ben ge­kom­men sind.” „Aber nicht in Pe­ter­bo­rough.” Ich ru­fe bei der Ver­kehrs­be­hör­de an und er­klä­re die La­ge, das heißt, ich er­zäh­le der Stim­me am an­de­ren En­de der Lei­tung, dass mein Va­ter die­sen Wa­gen nie ge­fah­ren hat und phy­sisch auch gar nicht mehr in der La­ge ist, Au­to zu fah­ren. Ich hat­te mich dar­auf ge­fasst ge­macht, mich mit ei­nem dis­tan­zier­ten Bü­ro­kra­ten her­um­schla­gen zu müs­sen, doch die Stim­me – ei­ne äl­te­re, weib­li­che Stim­me mit leich­tem York­shire-Ak­zent – klingt freund­lich und teil­nahms­voll. Und oh­ne er­sicht­li­chen Grund bre­che ich von ei­nem Mo­ment auf den an­de­ren in Trä­nen aus und be­gin­ne die gan­ze Ge­schich­te vor ihr aus­zu­brei­ten, von der Brust­ver­grö­ße­rung über die gel­ben Gum­mi­hand­schu­he bis hin zu dem Schwei­ne­schnit­zel-ge­gen-Füh­rer­schein-De­al.

„Ach du lie­be Zeit! Nein, so was!”, gurrt die freund­li­che Stim­me. „Der ar­me Kerl! Sa­gen Sie ihm, er braucht sich kei­ne Sor­gen zu ma­chen. Ich schi­cke ihm jetzt ein­fach nur ein ganz kur­zes For­mu­lar zum Aus­fül­len. Da muss er bloß ih­ren Na­men und ih­re An­schrift ein­tra­gen.”

„Aber das ist es ja. Er kennt ih­re An­schrift doch gar nicht. Wir kön­nen nur über ei­nen Rechts­an­walt mit ihr in Kon­takt tre­ten.”

„Dann tra­gen Sie die Adres­se des An­walts ein. Das reicht auch.”

Ich fül­le das For­mu­lar aus, und Va­ter un­ter­schreibt es.

We­ni­ge Ta­ge spä­ter ruft er mich wie­der an. Das Schrott­au­to ist über Nacht wie­der auf­ge­taucht und steht jetzt in der Ein­fahrt. Mit zwei Rä­dern auf dem Ra­sen, di­rekt ne­ben dem vor sich hin­ros­ten­den Roll­sRoy­ce. Es hat hin­ten ei­nen Plat­ten, auf der Fah­rer­sei­te ei­nen zer­bro­che­nen Schein­wer­fer, und au­ßer­dem ist die Fah­rer­tür ein­ge­drückt und mit ei­ner Schnur an der Ka­ros­se­rie fest­ge­zurrt, so dass der Fah­rer auf der Bei­fah­rer­sei­te ein­stei­gen und über den Schalt­he­bel klet­tern muss. Steu­er­mar­ke gibt es na­tür- lich kei­ne. Da­für ist jetzt der La­da aus der Ga­ra­ge ver­schwun­den.

„Ir­gend­et­was ist da faul”, sagt Va­ter.

Jetzt hat er zwei Au­tos in sei­nem Vor­gar­ten ste­hen, die noch da­zu auf ei­ne Art und Wei­se ab­ge­stellt wur­den, dass er nur zu sei­ner Haus­tür kom­men kann, wenn er sich an der st­a­che­li­gen Feu­er­dorn­he­cke vor­beidrückt. Da­bei bleibt er mit dem Man­tel an den Dor­nen hän­gen, und manch­mal zer­kratzt er sich auch Ge­sicht und Hän­de.

„Das ist doch lä­cher­lich”, sa­ge ich zu ihm. „Sie kann ih­re Au­tos da nicht ein­fach ste­hen­las­sen. Sie muss sie wie­der ab­ho­len.”

Ich te­le­fo­nie­re mit Ms. Car­ter, und die­se schreibt an Va­len­ti­nas An­walt. Es pas­siert aber trotz­dem nichts. Al­so set­ze ich mich mit ei­nem Ge­braucht­wa­gen­händ­ler in Ver­bin­dung und bie­te ihm bei­de Au­tos zu ei­nem güns­ti­gen Preis zum Kauf an. Er zeigt sich sehr an dem Rolls-Roy­ce in­ter­es­siert, macht je­doch so­fort ei­nen Rück­zie­her, als ich ihm sa­ge, dass wir kei­ne Au­to­pa­pie­re ha­ben. Dass wir auch kei­ne Schlüs­sel ha­ben, er­wäh­ne ich gar nicht erst.

„Könn­ten Sie sie denn nicht we­nigs­tens ab­schlep­pen und aus­schlach­ten oder ver­schrot­ten?”

(Fort­set­zung folgt)

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