Mad Men – die „Ver­rück­ten“ im TV

In den USA sind die Mad Men seit 2007 auf Sen­dung, 13 Em­mys und vier Gol­den Glo­bes hat die TV-Se­rie um ei­ne Wer­be­agen­tur in den 60er Jah­ren be­reits ab­ge­räumt. Gleich zwei Sen­der zei­gen sie jetzt in Deutsch­land.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - GESELLSCHAFT - VON ULLI TÜCK­MAN­TEL

MAINZ/KÖLN Sie qual­men, bis man die Wand nicht mehr sieht, der Whis­key rauscht in Strö­men durch die Keh­len, sie sind un­ge­nier­te Wei­ber­hel­den– und Don Dra­per ist der Kö­nig die­ser „Mad Men“, wie sich die Wer­be­leu­te der New Yor­ker Ma­di­son Ave­nue zu Be­ginn der 60er nen­nen. Seit drei Jah­ren wird die Se­rie um den Krea­tiv­di­rek­tor der fik­ti­ven Agen­tur Ster­ling Co­oper in den USA von Kri­ti­kern und Pu­bli­kum fre­ne­tisch ge­fei­ert, zur Pre­mie­re der vier­ten Staf­fel ver­sam­mel­ten sich im Som­mer Tau­sen­de New Yor­ker am Ti­mes Squa­re.

Im zwei­ten An­lauf soll das „Mad Men“-Fie­ber auch Deutsch­land er­fas­sen: Ab 6. Ok­to­ber zeigt das ZDF die ers­te Staf­fel, al­ler­dings nicht im Haupt­pro­gramm, son­dern auf dem Di­gi­tal­ka­nal ZDF neo nach 22 Uhr. Der Be­zahl­sen­der Fox, der die ers­ten 13 Fol­gen schon 2009 aus­strahl­te, star­tet die zwei­te Staf­fel am 27. Sep­tem­ber, die drit­te soll En­de No­vem­ber fol­gen. Kom­men­de Wo­che lädt der Sen­der zur Vor­pre­mie­re mit den Haupt­dar­stel­lern ins Köl­ner Ci­ne­dom ein.

Die Sor­ge, „Mad Men“ könn­te den nor­ma­len ZDF-Zu­schau­er eher ver­stö­ren als be­geis­tern, ist für die öf­fent­lich-recht­li­che Pro­gram­mMut­lo­sig­keit so be­zeich­nend wie be­grün­det. Mit un­ge­heu­rer De­tail­treue von der Zeich­nung der Cha­rak­te­re bis zum letz­ten Na­gel der Ku­lis­se stellt „Mad Men“ ei­ne ki­no­rei­fe Nä­he zu ei­ner Zeit her, die von der un­se­ren kaum wei­ter ent­fernt sein könn­te: kei­ne Sze­ne, in der nicht ge­qualmt, ge­trun­ken oder längst ver­pön­tes Be­neh­men ze­le­briert wird.

Da freut sich die bie­der-auf­rei­zen­de Bü­ro­vor­ste­he­rin oh­ne je­de Iro­nie, dass Män­ner all die mo­der­nen Ge­rä­te (Ku­gel­kopf­schreib­ma­schi­nen und Ge­gen­sprech­an­la­gen) so ein­fach ge­stal­tet ha­ben, dass auch ei­ne Frau sie be­die­nen kann. Als sei es das Na­tür­lichs­te von der Welt, er­klärt der schnö­se­li­ge Ju­ni­or­tex­ter der neu­en Se­kre­tä­rin: „Wenn Sie den Bauch ein­zie­hen, se­hen Sie vi­el­leicht aus wie ei­ne Frau.“

Die gro­ße Stär­ke der Se­rie liegt dar­in, dass sie in aus­ge­ruh­ten Bil­dern vom be­gin­nen­den Zer­bre­chen die­ser Zeit er­zählt – und der Macht die­ser Bil­der ver­traut. Die Ka­me­ra schwenkt nicht weg, wenn Dra­pers bild­schö­ne Frau vom Typ Gra­ce Kel­ly in ih­rem bild­schö­nen Vor­stadt­haus mit den bild­schö­nen Kin­dern in De­pres­sio­nen ver­fällt. Statt die Fi­gu­ren mit mo­ra­li­scher So­ße zu über­gie­ßen, las­sen die Au­to­ren sie in der Mo­de der da­ma­li­gen Zeit um­wer­fend gut aus­se­hen – und be­ein­flus­sen so auch die ak­tu­el­len Kol­lek­tio­nen von US-De­si­gnern.

Der Trend­for­scher Matthias Horx er­klärt sich die Fas­zi­na­ti­on die­ses „hys­te­risch-nost­al­gi­schen Uni­ver- sums“ aus der Früh­zeit der Kon­sum­ge­sell­schaft mit der Art, wie die Se­rie ih­re Zu­schau­er auf dop­pel­te Wei­se über Ge­gen­wart und Zu­kunft re­flek­tie­ren las­sen: „Wenn die Ka­me­ra auf ei­nem Ge­sicht, ei­ner Ges­te, ei­ner Hand mit Zi­ga­ret­te und Whis­key­glas ruht, wird man bis­wei­len von dem un­heim­li­chen Ge­fühl be­schli­chen, es ha­be sich nie et­was ge­än­dert. Der Zy­nis­mus, die Gier, das Macht­spiel – statt Whis­key trinkt man heu­te eben Lat­te mac­chia­to, statt zy­ni­scher Wit­ze gibt es kramp­fi­gen Psy­cho­talk. Und doch möch­te man am liebs­ten Ali­ce Schwar­zer um­ar­men und Hym­nen auf ver­kann­te Tu­gen­den wie To­le­ranz, Eman­zi­pa­ti­on und je­ne sprach­li­che Sen­si­bi­li­tät sin­gen, die sich „Po­li­ti­cal Cor­rect­ness“ nennt.“

Nichts lä­ge der Haupt­fi­gur Dra­per fer­ner. „Was Sie un­ter Lie­be ver­ste­hen“, er­klärt er kühl, „ist von Leu­ten wie mir er­fun­den wor­den, um Ny­lons zu ver­kau­fen.“ Es ist fast rüh­rend, wenn der Kö­nig der „Mad Men“, der sei­ne Gra­ce-Kel­ly-Gat­tin mit ei­ner Ha­schisch rau­chen­den Gra­fi­ke­rin be­trügt, bei­na­he un­schul­dig über ei­ne Deo-Wer­bung und das frem­de We­sen „Frau“ ins Grü­beln ge­rät: „Was ist, wenn sie ins­ge­heim ir­gend­ei­nen Wunsch he­gen, den wir igno­rie­ren?“

FO­TO: AMCTV.COM

Whis­key, Frau­en, schö­ner Schein: Will­kom­men in der Welt des Wer­be­man­nes Don Dra­per (Jon Hamm, 2.v.r.).

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