Re­ha mit fünf Li­ter Bier am Tag

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - GESELLSCHAFT -

AMERS­FO­ORT (afp) Janetta van Brug­gen macht es sich auf ih­rem Stuhl be­quem, zün­det ei­ne Zi­ga­ret­te an und nimmt ei­nen tie­fen Schluck aus ih­rem Bier­krug. Es ist ih­re sechs­te Hal­be seit dem Früh­stück. Frü­her hat die 51-jäh­ri­ge ob­dach­lo­se Al­ko­ho­li­ke­rin heim­lich ge­trun­ken, bis zu zwei Li­ter Wein und drei Li­ter Bier am Tag. So viel trinkt sie im­mer noch, aber kon­trol­liert und als The­ra­pie. Van Brug­gen ist ei­ne von 19 Pa­ti­en­ten im „Cen­trum Ma­lie­ba­an“, ei­ner Kli­nik im nie­der­län­di­schen Amers­fo­ort, die als ers­te in Eu­ro­pa die Bier-The­ra­pie aus Ka­na­da an­wen­det.

Die Pa­ti­en­ten wer­den „kon­trol­liert ab­ge­füllt“, sagt Kli­nik­psych­ia­ter Eu­ge­ne Schouten. Täg­lich dür­fen die Pa­ti­en­ten bis zu fünf Li­ter Bier trin­ken; zwi­schen je­dem hal­ben Li­ter muss min­des­tens ei­ne St­un­de Pau­se ein­ge­legt wer­den. Im Mo­nat ver­braucht „Cen­trum Ma­lie­ba­an“ fast 4000 Halb­li­ter­do­sen, die sie ih­ren Pa­ti­en­ten für 40 Cent pro Do­se aus­schenkt.

Ziel­grup­pe sind die „schwers­ten“ Al­ko­ho­li­ker der Stadt – je­ne, die kei­ne Fa­mi­lie ha­ben, kei­ne Ar­beit, kei­ne Woh­nung und kein Ver­lan­gen, mit dem Trin­ken auf­zu­hö­ren. Das ers­te Bier gibt es um 7.30 Uhr, die letz­te Run­de um 21.30 Uhr. „Da­mit hal­ten wir ih­ren Blut­al­ko­hol-Le­vel kon­stant und sor­gen da­für, dass sie im­mer leicht be­rauscht blei­ben“, sagt Team­lei­ter Pie­ter Pui­jk. „Ihr Kopf ist kla­rer – wir kön­nen sie zum Arzt schi­cken, zum Psych­ia­ter, zum Du­schen, wir be­hal­ten ihr Ver­hal­ten un­ter Kon­trol­le.“

Die Kli­nik of­fe­riert drei Mahl­zei­ten am Tag. Um die Ent­zugs­er­schei­nun­gen wäh­rend der Nacht ab­zu- mil­dern, gibt es Vit­amin­prä­pa­ra­te und Me­di­ka­men­te. Au­ßer­dem ste­hen ei­ne Kran­ken­schwes­ter und ein Arzt je­der­zeit zur Ver­fü­gung. Beim Bier kön­nen die Pa­ti­en­ten Bil­lard oder Kar­ten spie­len, fern­se­hen oder ein­fach nur re­den.

15 Män­ner und vier Frau­en im Al­ter zwi­schen Mit­te 20 und En­de 50 wer­den zur­zeit im Ma­lie­ba­an Cen­trum be­han­delt – al­le sind be­reits seit mehr als zehn Jah­ren schwe­re Trin­ker. Fi­nan­ziert wird die Kli­nik zu ei­nem Groß­teil von der Stadt Amers­fo­ort. Nach den Wor­ten von Psych­ia­ter Eu­ge­ne Schouten ist das Geld je­doch gut in­ves­tiert: „Die­se Leu­te wer­den zwar nie­mals Mus­ter­bür­ger oder hart ar­bei­ten­de Steu­er­zah­ler wer­den. Aber im­mer­hin ha­ben sie mehr Freu­de am Le­ben, sind ge­sün­der und ma­chen we­ni­ger Är­ger.“

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