Die Ku­gel des Hi­royu­ki Ma­su­yama

In der Kunst­sze­ne hat er sich ei­nen Na­men als Fo­to­graf ge­macht, der Land­schaf­ten über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum hin­weg ab­bil­det und die­se Mo­ment­auf­nah­men zu ei­nem Pan­ora­ma ver­eint. Jetzt hat er ei­ne be­geh­ba­re Ku­gel aus Holz ge­baut, in der man sich wie im W

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON BERTRAM MÜL­LER

Erst­mals trat Hi­royu­ki Ma­su­yama, der 1968 ge­bo­re­ne, in Düsseldorf le­ben­de Ja­pa­ner, mit sei­ner manns­ho­hen, un­ten ab­ge­flach­ten Ku­gel bei den zu­rück­lie­gen­den „Kunst­punk­ten“ an die Öf­fent­lich­keit. In sei­nem un­mit­tel­bar am Rhein ge­le­ge­nen Ate­lier in Reis­holz lud er Neu­gie­ri­ge da­zu ein, durch ei­ne Klap­pe in das höl­zer­ne Ge­bil­de zu stei­gen und dort ei­ne an­de­re Welt ken­nen­zu­ler­nen.

Denn in der Ku­gel wird es nicht ein­fach dun­kel, wenn die Klap­pe sich schließt, son­dern durch fei­ne Glas­fa­ser­stäb­chen in der Bu­chen­holz-Haut ge­langt Licht ins In­ne­re –

Ma­su­yama hat sei­ne Ar­beit

am Kunst­werk als ei­ne Klos­ter­tä­tig­keit emp­fun­den

ge­ra­de so viel, dass man sich wie un­ter ei­nem Ster­nen­zelt fühlt. Au­ßen wirkt die aus 4200 Ein­zel­stü­cken zu­sam­men­ge­setz­te, hand­werk­lich voll­kom­me­ne Ku­gel wie ein ed­les De­sign­stück. Drin­nen da­ge­gen kann man in ab­so­lu­ter Stil­le nach der Milch­stra­ße su­chen. Und wenn man sich be­wegt und da­bei ver­se­hent­lich Ge­räu­sche er­zeugt, er­schrickt man ob des un­er­war­tet me­tal­li­schen Halls.

Ma­su­yama hat auf die Ar­beit an die­ser Ku­gel 13 Mo­na­te ver­wen­det, hat­te sich erst ein­mal ins Tisch­ler­hand­werk ein­ar­bei­ten und da­bei man­chen fehl­ge­schla­ge­nen An­fang ver­wer­fen müs­sen. Er hat die Ar­beit am Wel­tall in der Ku­gel wie ei­ne Klos­ter­tä­tig­keit emp­fun­den – als Her­aus­for­de­rung, die höchs­te An­sprü­che an die Kon­zen­tra­ti­on stellt. „Po­int Ze­ro“ lau­tet nun der Ti­tel.

In der bis­he­ri­gen künst­le­ri­schen Ar­beit von Ma­su­yama bil­det die Ku­gel nicht in dem Ma­ße ei­nen Fremd­kör­per, wie es schei­nen könn­te. Denn auch als Fo­to­graf er­kun­de­te er be­reits das The­ma, das ihn an sei­ner Ku­gel fes­selt: Raum und Zeit im All­ge­mei­nen und hier spe­zi­ell noch das Zu­sam­men­tref­fen von Mi­kro-und Ma­kro­kos­mos. Un­ter an­de­rem stell­te er et­li­che Flug-Fo­to­gra­fi­en her. Das heißt, er jet­te­te von Düsseldorf nach Mailand oder von Os­a­ka nach Tokio und fo­to­gra­fier­te in be­stimm­ten Ab­stän­den die vor­über­flie­gen­de Welt. Die­se Auf­nah­men ver­dich­te­te er un­ter An­wen­dung ei­nes Pho­toshop-Pro­gramms und reih­te sie zu ei­nem Pan­ora­ma. Un­ter die­sen Ar­bei­ten fin­den sich auch An­sich­ten vom Ster­nen­him­mel.

Ein an­der­mal war er auf den Spu­ren von Cas­par Da­vid Fried­rich un­ter­wegs, dem deut­sches­ten al­ler deut­schen Ma­ler. Ma­su­yama be­such­te die Schau­plät­ze, an de­nen Fried­rich sei­ne Mo­ti­ve fand, fo­to­gra­fier­te sie und stell­te da­bei fest, dass Fried­rich sich oft die Frei­heit der künst­le­ri­schen Idea­li­sie­rung nahm – ähn­lich wie Ma­su­yama heu­te mit Hil­fe sei­nes Pho­to­shops ver­fährt. An­ders als dem heh­ren Cas­par Da­vid Fried­rich geht es Ma­su­yama al­ler­dings nicht dar­um, Gött­li­ches in der Na­tur ins Bild zu set­zen. Ma­su­yama ist ein dies­sei­ti­ger Künst­ler, ei­ner, dem der Pro­zess der Bild­fin­dung als das ei­gent­li­che The­ma ei­ner Ar­beit gilt.

1995 kam Ma­su­yama erst­mals nach Düsseldorf, als Sti­pen­di­at des Deut­schen Aka­de­mi­schen Aus­tausch-Di­ens­tes. Er stu­dier­te an der Kunst­aka­de­mie bei der Bild­haue­rin Mag­da­le­na Je­tel­o­váa, wech­sel­te nach sei­nem Ex­amen für zwei Jah­re an die Kunst­hoch­schu­le für Me­di­en in Köln und ar­bei­tet seit 2003 als frei­er Künst­ler. In­zwi­schen zählt er zu den Eta­blier­ten des Be­triebs. Da­von zeu­gen zahl­rei­che Aus­stel­lun­gen in an­ge­se­he­nen Mu­se­en und Ga­le­ri­en, et­wa in der Kunst­hal­le Ham­burg und der Ga­le­rie Bey­e­ler in Ba­sel.

Be­vor die Ku­gel im Ate­lier nun dem nächs­ten Pro­jekt ih­ren Platz über­lässt, hat Ma­su­yama ei­nen Wunsch: dass mög­lichst vie­le sich für das un­ge­wöhn­li­che Ob­jekt be­geis­tern – und vor al­lem hin­ein­stei­gen in den Kos­mos sei­ner Ku­gel.

RP-FO­TO: CHRIS­TOPH GÖTTERT

Die Klap­pe ist ge­öff­net: Hi­royu­ki Ma­su­yama lädt Neu­gie­ri­ge in sei­ne Ku­gel ein.

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