Köln, die je­föhl­te Mil­lio­nen­stadt

Die Stadt Köln ist nach ei­ge­nem Be­kun­den mehr ein „Je­föhl“ als ei­ne fes­te Grö­ße. Erst­mals seit 1975 stim­men Je­föhl und Sta­tis­tik nun wie­der über­ein: Laut jüngs­ter Zäh­lung aus Düsseldorf ist Köln seit Mai die vier­te deut­sche Mil­lio­nen­stadt nach Berlin, Ha

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - LAND & LEUTE - VON ULLI TÜCK­MAN­TEL

DÜSSELDORF Je­föhlt ha­ben sie es na­tür­lich schon lan­ge, aber ges­tern brach rund um den Dom dann doch kurz Ju­bel aus: „End­lich amt­lich: Köln ist Mil­lio­nen­stadt“, mel­de­te das Rat­haus. Das Düs­sel­dor­fer Lan­des­amt für Sta­tis­tik ha­be En­de Mai „ex­akt“ 1 000 298 Ein­woh­ner ge­zählt, 443 Per­so­nen mehr als En­de April. Zum ers­ten Mal seit den 70er Jah­ren ha­be die Zahl der Erst­wohn­sit­ze da­mit die Mil­lio­nen­mar­ke über­schrit­ten. Dass der Köl­sche sich wie jeck über ei­ne Zahl aus Düsseldorf freut, er­klärt sich dar­aus, dass das Ad­jek­tiv „ex­akt“ in der Haupt­stadt des Un­ge­fäh­ren ein Fremd­wort ist.

Ex­akt­heit, vor al­lem im Ver­hält­nis zu Zah­len, ist dem Köl­ner we­sens­fremd. Der Düs­sel­dor­fer zählt, der Köl­ner hat mehr „su e Je­föhl“. Das macht sein Le­ben bis­wei­len ge­fähr­lich ( U-Bahn-Sta­tik, Bau­kos­ten), doch meist klün­gelt er sich zu­ver­sicht­lich durch. Als die Al­li­anz kürz­lich die Stim­mungs­la­ge in 14 deut­schen Groß­städ­ten un­ter­such­te, la­gen die Köl­ner („et hät noch im­mer jot je­jan­ge“) mit ei­nem An­teil von 69 Pro­zent Op­ti­mis­ten ganz weit vorn. Zwei Drit­tel ga­ben zu Pro­to­koll, im Rest des Lan­des („do trick mich nix hin“) se­he es da­ge­gen fies mau aus.

Sol­cher­art men­tal ge­wapp­net, kam das Köl­ner Amt für Stadt­ent­wick­lung und Sta­tis­tik be­reits 2002 zu dem Schluss, man sei wie­der Mil­lio­nen­stadt. Die­ses Je­föhl er­gab sich dar­aus, dass die köl­sche Sta­tis­tik ein­fach zu al­len Köl­nern je­ne Um­land-Im­mi­gran­ten hin­zu ad­dier­te, die in Köln ei­nen Zweit­wohn­sitz un­ter­hiel­ten. Fort­an nutz­ten sie für ih­re „Be­rech­nun­gen“ statt der Ein­woh­ner­zahl die fan­ta­sie­vol­le Grö­ße der „wohn­be­rech­tig­ten Be­völ­ke­rung“. Nor­mal, sacht der Köl­ner, denn: Auch die bloß mit ei­ner Ne­ben­woh­nung ge­mel­de­ten Per­so­nen trä­ten „als Nach­fra­ger städ­ti­scher In­fra­struk­tur“ auf. „Sta­tis­tik“ be­zeich­net in Köln den Glau­ben an die Kraft des Kon­junk­tivs („et künnt doch sin“). Da­her pro­gnos­ti­ziert man für das Jahr 2020 rund 1,032 Mil­lio­nen Köl­ner. In et­wa. Et kütt, wie et kütt.

Da man beim Düs­sel­dor­fer Lan­des­amt für Sta­tis­tik weiß, wie der Köl­ner so tickt, kipp­te man ihm kein Was­ser in sein oh­ne­hin schon dün­nes Bier, son­dern schrieb die Ge­schich­te der Köl­ner Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung kur­zer­hand um: In den 1950er und 1960er Jah­ren sei die Köl­ner Wohn­be­völ­ke­rung un­ter an­de­rem auf­grund von Ge­bur­ten­über­schüs­sen ge­stie­gen, „so dass die Stadt in den Jah­ren 1971/72 be­reits ein­mal Mil­lio­nen­stadt war (An­fang 1972: 1 002 585)“. In den 1970er und 1980er Jah­ren ha­be die Köl­ner Ein­woh­ner­zahl dann auf­grund von nied­ri­ge­ren Ge­bur­ten­zah­len und Fort­zü­gen wie­der ab­ge­nom­men.

Je­föhlt ist das rich­tig. Wie auch die Be­su­cher­zah­len beim Ro­sen­mon­tags­zug oder Heim­spie­len des 1.FC Köln und die ein­träg­li­che Le­gen­de von den 11 000 Jung­frau­en der Hei­li­gen Ur­su­la. Na gut, es wa­ren An­fang 1972 nur 846 479 Ein­woh­ner, und das mit der Mil­lio­nen­stadt hielt gan­ze 18 Mo­na­te. Mit dem „Köln-Ge­setz“ vom No­vem­ber 1974 ver­leib­te sich die Dom-Stadt et­li­che Um­land­ge­mein­den ein, dar­un­ter die erst zwei Jah­re vor­her zur Stadt er­ho­be­ne Ge­mein­de Wes­se­ling an der Gren­ze zu Bonn. De­ren Ein­woh­ner lehn­ten die Ein­ge­mein­dung je­doch zu 83 Pro­zent ab – und zo­gen vor das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Am 1. Ja­nu­ar 1975 wur­de Wes­se­ling ein Köl­ner Stadt­teil, im De­zem­ber 1975 gab das Ver­fas­sungs­ge­richt den Bür­gern recht, am 1. Ju­li 1976 wur­de Wes­se­ling wie­der ei­ne selb­stän­di­ge Stadt im neu­ge­bil­de­ten Rhein-Erft-Kreis – und be­en­de­te da­mit die kur­ze Ge­schich­te der Mil­lio­nen­stadt Köln. Aber so rech­net der Köl­ner nicht.

FO­TO: VARIO IMAGES

Blick von Köln-Deutz auf die lin­ke Rhein­sei­te der Dom­stadt, die nun auch beim Düs­sel­dor­fer Lan­des­amt für Sta­tis­tik als Mil­lio­nen-Stadt gilt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.