Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WISSEN / ROMAN -

Dem Fried­hof ent­flo­hen Vi­el­leicht wuss­te Va­len­ti­na da­von, vi­el­leicht traf sie auch nur zu­fäl­lig ins Schwar­ze, aber mein Va­ter ist tat­säch­lich ein­mal dem Fried­hof ent­flo­hen.

Es war im Som­mer 1941, als die deut­schen Trup­pen in die Ukrai­ne ein­mar­schier­ten und die Ro­te Ar­mee sich nach Os­ten zu­rück­zog und hin­ter sich die Brü­cken zer­stör­te und die Fel­der ab­brann­te. Va­ter war mit sei­nem Re­gi­ment in Kiew. Er war ein wi­der­wil­li­ger Sol­dat. Man hat­te ihm ein Ba­jo­nett in die Hand ge­drückt und ihm ge­sagt, er müs­se nun für sein Va­ter­land kämp­fen, aber er woll­te nicht kämp­fen, nicht fürs Va­ter­land, nicht für den So­wjet­staat und auch nicht für ir­gend­je­man­den sonst. Er woll­te mit Re­chen­schie­ber und vie­len lee­ren Blät­tern an sei­nem Schreib­tisch sit­zen und über der Schlepp­lift­glei­chung brü­ten. Aber da­für war jetzt kei­ne Zeit, für nichts war jetzt mehr Zeit au­ßer für zu­ste­chen und ren­nen, schie­ßen und ren­nen, sich ver­ste­cken und ren­nen und ren­nen und ren­nen. Nach Os­ten, die gan­ze Ar­mee rann­te ost­wärts, durch die un­ter ei­nem strah­lend blau­en Him­mel lie­gen­den ern­ter­ei­fen gel­ben Wei­zen­fel­der von Pol­ta­wa, im­mer wei­ter nach Os­ten bis nach Sta­lin­grad, wo sie sich end­lich wie­der neu for­mier­te. Doch die Flag­ge, der sie folg­ten, war nicht mehr gelb und blau. Sie war rot mit gelb.

Vi­el­leicht war das ja der Grund, vi­el­leicht hat­te er aber auch ein­fach nur ge­nug von all dem, je­den­falls war mein Va­ter nicht mit von der Par­tie. Er hat­te sich von sei­nem Re­gi­ment fort­ge­stoh­len und ei­nen Platz ge­fun­den, wo er sich ver­ste­cken konn­te. In ei­nem ru­hi­gen grü­nen Stadt­vier­tel von Kiew hat­te er sich im al­ten jü­di­schen Fried­hof in ei­ne ka­put­te Gr­ab­stel­le ge­flüch­tet, die schwe­ren St­ei­ne hin­ter sich wie­der zu­recht­ge­rückt und sich dort, so­zu­sa­gen auf Tuch­füh­lung mit den To­ten, ver­bor­gen. Mit­un­ter dran­gen die kla­gen­den Stim­men jü­di­scher Hin­ter­blie­be­ner zu ihm ins Dunk­le hin­un­ter, in die­se küh­le feuch­te Stil­le, in der er fast ei­nen Mo­nat lang aus­harr­te. An­fangs leb­te er von dem Vor­rat an Nah­rungs­mit­teln, den er mit­ge­bracht hat­te, und als der zur Nei­ge ging, er­nähr­te er sich von Ma­den, Schlan­gen und Frö­schen. Er trank von ei­nem Was­ser­rinn­sal, das bei Re­gen in die Gr­ab­stät­te si­cker­te, ge­wöhn­te sei­ne Au­gen an die Dun­kel­heit und war sich sei­ner di­rek­ten Nä­he zum Tod stän­dig be­wusst.

Al­ler­dings war es nicht voll­kom­men dun­kel in sei­ner Höh­le, denn durch ei­nen Spalt zwi­schen den St­ei­nen fiel zu ei­ner be­stimm­ten Ta­ges­zeit Son­nen­licht zu ihm her­ein, und wenn er die Au­gen an die- sen Spalt press­te, konn­te er nach drau­ßen se­hen. Dort sah er Gr­ab­stei­ne, die halb von ro­sa­ro­ten Ro­sen über­wu­chert wa­ren, und hin­ter ih­nen ei­nen Kirsch­baum, an dem Kir­schen reif­ten. Die­ser Baum wur­de ihm zur Be­ses­sen­heit. Tag­aus, tag­ein, wäh­rend er sei­ne dunk­le Höh­le nach Lar­ven und Ma­den durch­forsch­te, die er, um sie ein we­nig ge­nieß­ba­rer zu ma­chen, in Blät­ter oder Grä­ser wi­ckel­te, starr­te er im­mer wie­der zu ihm hin­über.

Und ei­nes Ta­ges – viel­mehr ei­nes Abends – hielt er es nicht mehr aus. Als es dun­kel wur­de, kroch er aus sei­nem Ver­steck und klet­ter­te auf den Baum, pflück­te die Kir­schen und steck­te sie sich hän­de­wei­se in den Mund. Mehr und im­mer mehr, so dass ihm der Saft übers Kinn lief und sei­ne Klei­dung bald vol­ler ro­ter Kirsch­saft­fle­cken war, die aus­sa­hen wie Blut. Die Ker­ne spuck­te er in al­le Him­mels­rich­tun­gen. Er konn­te nicht ge­nug be­kom­men. Schließ­lich pack­te er sich noch sei­ne Ta­schen und sei­ne Müt­ze mit Kir­schen voll und stahl sich wie­der zu­rück in sei­ne un­ter­ir­di­sche Höh­le.

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