Streit um Im­men­dorffs Er­be

Der Schät­zung ei­nes Ex­per­ten zu­fol­ge be­läuft sich das Er­be des Ma­lers Jörg Im­men­dorff (1945–2007) auf zehn bis 20 Mil­lio­nen Eu­ro. Doch wem fällt wie viel zu? An­sprü­che er­he­ben Im­men­dorffs Wit­we Oda Jau­ne und der heu­te zwölf­jäh­ri­ge Sohn aus ei­ner frü­he­ren

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON BERTRAM MÜL­LER

DÜSSELDORF Man wird dem Ma­ler Jörg Im­men­dorff auch post­hum nicht zu na­he tre­ten, wenn man be­haup­tet, er ha­be in un­ge­ord­ne­ten Ver­hält­nis­sen ge­lebt. Das war nun mal sein Stil und das Ge­heim­nis sei­nes Er­folgs. So we­nig wie sein Pri­vat­le­ben, das aus ei­ner Be­zie­hung und ei­ner Ehe je ein Kind hin­ter­ließ, war sein künst­le­ri­scher Nach­lass ge­ord­net. Heu­te, mehr als drei Jah­re nach sei­nem Tod, ist noch im­mer nicht ge­klärt, wie hoch sein Er­be zu ver­an­schla­gen und wie es auf­zu­tei­len ist.

Ein an­ge­se­he­ner Kunst­markt­ex­per­te, der un­ge­nannt blei­ben möch­te, be­zif­fer­te ge­gen­über un­se­rer Zei­tung den Wert des Nach­las­ses auf zehn bis 20 Mil­lio­nen Eu­ro.

Mit­ar­bei­ter fer­tig­ten

klei­ne Ko­pi­en fürs Wohn­zim­mer

Die gro­be Rech­nung be­ruht dar­auf, dass es un­ter an­de­rem um rund 100 Bil­der geht, die sich je­weils auf 100000 Eu­ro ta­xie­ren las­sen, da­zu um ei­ne Fül­le von Zeich­nun­gen und Skulp­tu­ren. Nicht ent­hal­ten sind dar­in die un­säg­li­chen „Werk­statt­ko­pi­en“, die Im­men­dorff für je­ne an­fer­ti­gen ließ, die nicht über sei­nen Ga­le­ris­ten Michael Werner Kunst er­wer­ben woll­ten, son­dern un­mit­tel­bar aus Im­men­dorffs Ate­lier. Die­se Bil­der wech­sel­ten schon zu Leb­zei­ten des Ma­lers den Be­sit­zer.

Da­für be­ka­men die In­ter­es­sen­ten, wie man heu­te weiß, kei­nen Im­men­dorff wie im of­fi­zi­el­len Han­del, son­dern ei­ne Wa­re von be­son­de­rer Art. Es wa­ren vor al­lem Be­kann­te aus dem Rhein­land, die bei ihm klin­gel­ten und frag­ten, ob sie nicht „so ein Bild wie ,Ca­fé de Flo­re’“ be­kom­men könn­ten. Im­men­dorff ließ dann von sei­nen Mit­ar­bei­tern ei­ne klei­ne­re, fürs Wohn­zim­mer ge­eig­ne­te Ver­si­on des Wunsch­bilds an­fer­ti­gen, leg­te letz­te Hand an und si­gnier­te. So kos­te­te das „Ca­fé de Flo­re“ statt 150 000 nur 20000 Eu­ro, Cash in de Täsch, wie man hört.

Seit Im­men­dorffs Tod such­te der Düs­sel­dor­fer An­walt Lothar Böhm auf­zu­klä­ren, wie viel vom Er­be Je­an-Lou­is zu­steht, dem heu­te zwölf­jäh­ri­gen un­ehe­li­chen Sohn, der aus Im­men­dorffs Be­zie­hung zu Ma­rie-Jo­se­phi­ne Ly­nen (35) her­vor­ging. Von ihr hat­te sich Im­men­dorff En­de der neun­zi­ger Jah­re ge­trennt. In­zwi­schen be­ar­bei­tet Böhms Sohn Sebastian den Fall. Auch Böhm ist es, wie er ges­tern auf An­fra­ge er­klär­te, bis­lang nicht ge­lun­gen, den Wert des Nach­las­ses zu er­mit­teln, so dass er den Pflicht­teil in Hö­he von ei­nem Ach­tel der Sum­me ein­for­dern könn­te. Der steht dem Jun­gen zu, ob­wohl Im­men­dorff sei­ne Wit­we Oda Jau­ne als Al­lein­er­bin ein­setz­te. Die aber zeig­te sich den Böhms zu­fol­ge bis­lang nicht ge­sprächs­be­reit. Die Aus­zah­lung der Sum­me wä­re ei­gent­lich kurz nach dem To­de fäl­lig ge­we­sen. Sie lässt sich nach den erb­schaft­steu­er­li­chen Be­stim­mun­gen auch nicht stre­cken, al­so je­weils nach dem Ver­kauf ei­ni­ger Kunst­wer­ke peu à peu be­glei­chen. Die Ver­jäh­rungs­frist be­trägt drei Jah­re, doch wie Sebastian Böhm be­tont, hat sie noch nicht be­gon­nen, da sein Va­ter und er ja seit 2007 den Fall be­ar­bei­ten. Ein Ge­richts­ter­min liegt nach wie vor in wei­ter Fer­ne. Die Schwie- rig­kei­ten im Fall Im­men­dorff er­ge­ben sich auch aus ei­ner wei­te­ren Re­ge­lung, die der Künst­ler tes­ta­men­ta­risch hin­ter­leg­te: Michael Werner ist nicht nur sein Ga­le­rist, son­dern eben­so sein Tes­ta­ments­voll­stre­cker. Und er hat na­tur­ge­mäß ein In­ter­es­se dar­an, den Wert der hin­ter­las­se­nen Wer­ke mög­lichst hoch zu ver­an­schla­gen. Noch mehr ver­schärft sich die La­ge da­durch, dass Werner seit ei­ni­gen Wo­chen auch Ver­trags­part­ner von Oda Jau­ne ist und in ih­rem Auf­trag Bil­der aus Im­men­dorffs Spät­werk ver­kau­fen darf, die ihr ge­hö­ren.

Un­mit­tel­bar nach Im­men­dorffs Tod sah es so aus, als stie­gen die Prei­se für sei­ne Wer­ke. Dann aber ließ Be­ob­ach­tern zu­fol­ge das In­ter­es­se an Im­men­dorff spür­bar nach. Auf ei­ner Auk­ti­on vor zwei Jah­ren in Köln fan­den fünf der sechs an­ge­bo­te­nen Wer­ke kei­nen Käu­fer, nur ei­ne Holz­skulp­tur wech­sel­te für 24000 Eu­ro den Be­sit­zer – ent­täu­schend. Das könn­te auch dar­an lie­gen, dass Oda Jau­ne sich für das Werk ih­res ver­stor­be­nen Ehe­manns nicht so stark macht wie zum Bei­spiel Eva Beuys für das Werk des 1986 ver­stor­be­nen Jo­seph Beuys. Nach ei­ni­gen we­ni­gen Aus­stel­lun­gen ist es um den Na­men Im­men­dorff ver­blüf­fend still ge­wor­den.

So stellt sich nun er­neut die Fra­ge, die man­che Kri­ti­ker schon un­mit­tel­bar nach Im­men­dorffs Tod ge­stellt hat­ten: Wenn man die Auf­se­hen er­re­gen­den Skan­da­le, die Um­trie­big­keit des Künst­lers und sein im­mer wie­der zur Schau ge­stell­tes Selbst­be­wusst­sein ab­zieht, wie viel Be­deu­tung bleibt dann üb­rig? Was zählt al­lein die Kunst?

Das Spät­werk, zu dem Im­men­dorff krank­heits­hal­ber nur noch An­re­gun­gen ge­ben konn­te, wird si­cher­lich dem Ver­ges­sen an­heim­fal­len, dar­un­ter das Por­trät des be­fremd­lich zur Iko­ne sti­li­sier­ten eins­ti­gen Bun­des­kanz­lers Gerhard Schröder. Blei­ben wer­den si­cher­lich die gro­ßen His­to­ri­en­bil­der der sieb­zi­ger Jah­re, vor al­lem der Zy­klus „Ca­fé Deutsch­land“. Und die Er­in­ne­rung an Im­men­dorffs be­wun­derns­wer­ten, he­roi­schen Kampf ge­gen sei­ne un­be­sieg­ba­re Krank­heit.

FO­TO: RO­BA /STE­PHAN PICK

Jörg Im­men­dorff mit Oda Jau­ne kurz nach der Ge­burt von Ida.

Oda Jau­ne ist Al­lein­er­bin, doch auch ein un­ehe­li­cher Sohn er­hebt An­sprü­che.

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