Bret Eas­ton El­lis weckt bö­se Geis­ter

Ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach sei­nem ful­mi­nan­ten De­büt­ro­man lässt Bret Eas­ton El­lis jetzt in sei­nem Hol­ly­wood-Thril­ler „Im­pe­ri­al Be­drooms“ die Dä­mo­nen von einst noch ein­mal von der Ket­te. Aber es sind nur noch Zom­bies, die ih­re al­ten Spiel­chen trei­ben.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - BLICKPUNKT KULTUR - VON MAR­TIN HAL­TER

„Less than Ze­ro“, Bret Eas­ton El­lis’ ers­ter Ro­man um ei­ne Cli­que ver­dor­be­ner Col­le­ge­schü­ler, die sich mit Snuff-Por­nos und Dro­gen zu­dröhn­ten, war 1985 ein Kult­buch der „Ge­ne­ra­ti­on Ze­ro“ – ein Grün­dungs­ma­ni­fest der Po­p­li­te­ra­tur.

Die Li­ta­nei der Wer­be­pla­ka­te und Mar­ken­kla­mot­ten, der coo­le Sound­track der Post­mo­der­ne, die pro­vo­zie­ren­de Ver­bin­dung von Gla­mour und Ge­walt, Lan­ge­wei­le und Ver­bre­chen, er­zählt im un­ter­kühl­ten Ton­fall ab­ge­stumpf­ter Mons­ter, mach­te Schu­le: Mi­chel Hou­el­l­e­becq et­wa oder Chris­ti­an Kracht wä­ren un­denk­bar oh­ne „Un­ter Null“.

Jetzt – ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem ful­mi­nan­ten De­büt­ro­man und der nicht min­der er­folg­rei­chen Hol­ly­wood-Ver­fil­mung –

Aus den Op­fern sind Tä­ter, aus apa­thi­schen Zu­schau­ern

Mit­spie­ler ge­wor­den

hat El­lis die bö­sen Geis­ter sei­ner Ju­gend im Col­le­ge von Cam­den noch ein­mal be­schwo­ren. Die wohl­stands­ver­wahr­los­ten Zög­lin­ge sind er­wach­sen, die Jun­kies cle­an ge­wor­den, aber kei­nen Deut klü­ger oder bes­ser. Im Ge­gen­teil: Aus den Op­fern sind Tä­ter, aus apa­thi­schen Zu­schau­ern Mit­spie­ler und Film­pro­du­zen­ten ge­wor­den.

Ju­li­an et­wa, der einst sei­ne Dro­gen­schul­den mit Stri­cher­diens­ten be­zahl­te, lei­tet heu­te sel­ber ei­nen Es­cort-Ser­vice mit Te­enagern aus der Pro­vinz, die für ih­re Hol­ly­wood­kar­rie­re al­les tun. Clay, da­mals wie heu­te der Er­zäh­ler, kann als ge­fei­er­ter Dreh­buch­au­tor Sex ge­gen Rol­len­an­ge­bo­te tau­schen. Blair, die Freun­din, die er einst so bru­tal fal­len ließ, hat sich an der Sei­te ei­nes schwu­len Schwach­kopfs von De­mü­ti­gung und Trau­er leid­lich er­holt.

Die schlimms­te Met­a­mor­pho­se aber hat Rip, der dro­gen­süch­ti­ge Dea­ler, durch­ge­macht: Ent­stellt durch miss­glück­te Face-Lif­tings, ist der „wan­deln­de Hor­ror­film“ ganz der Al­te, ein skru­pel­lo­ser Psy­cho­path.

„Im­pe­ri­al Be­drooms“ er­zählt das Klas­sen­tref­fen der Cli­que zeit-und stan­des­ge­mäß als mo­der­nen Film noir. Mit omi­nö­sen Ora­keln, poin­tier­ten Dia­lo­gen und la­ko­nisch nüch­ter­nen so­wie end­lo­sen Sät­zen schafft El­lis ei­ne At­mo­sphä­re dif­fu­ser Pa­ra­noia. Clay, eben aus New York nach Los An­ge­les zu­rück­ge­kehrt, er­hält stän­dig be­un­ru­hi­gen­de SMS-Bot­schaf­ten, An­ru­fe und un­ge­be­te­nen Be­such in sei­nem Apart­ment. Nachts ver­fol­gen ihn dunk­le Li­mou­si­nen, tags­über wohl­mei­nen­de „Freun­de“ mit rät­sel­haf­ten An­deu­tun­gen und ver­steck­ten Dro­hun­gen.

Aber der Co-Pro­du­zent von „The Lis­teners“ kann und will nicht hö­ren. Ein­ge­kap­selt in sein Ego und sei­ne Alp­träu­me, be­rauscht von Cham­pa­gner, Wach­ma­chern und sei­ner Macht, stürzt er sich ins Ge­tüm­mel der Pre­mie­ren­par­tys, Cas­tings und Clubs.

Na­tür­lich weiß Clay, dass Rain, das schö­ne, zwie­lich­ti­ge Star­let, des­sent­we­gen er sei­ne Son­nen­bril­le ge­le­gent­lich ab­nimmt, ihn nur als Krück­stock auf dem Weg nach oben be­nutzt; aber wie auch bei Ray­mond Chand­ler kocht die femme fa­ta­le den hart­ge­sot­te­nen Kerl mit Sex und ein­stu­dier­tem Charme weich.

Clay be­lügt und be­trügt sich nicht nur sel­ber: Er ist auch ein un­zu­ver­läs­si­ger Er­zäh­ler. Bis zu­letzt bleibt im Dun­keln, wel­che Rol­le er bei der Mord­se­rie im Film­mi­lieu spielt, die den Plot vor­an­treibt. Si­cher ist nur, dass der Dreh­buch­au­tor die Kon­trol­le über den Han­del mit Il­lu­sio­nen ver­lo­ren hat. „Die Aus­blen­dun­gen, die Über­blen­dun­gen, die um­ge­schrie­be­nen Sze­nen, all das, was man weg­wischt“, schreibt er am En­de des Ro­mans, „jetzt wür­de ich das ger­ne er­klä­ren, aber ich weiß, dass ich es nie tun wer­de, weil das Wich­tigs­te die­ses Ei­ne ist: Ich ha­be nie je­man­den ge­mocht und ich ha­be Angst vor al­len.“

„Im­pe­ri­al Be­drooms“ ist ein durch­aus span­nen­der Hol­ly­woodThril­ler; aber das ver­wor­re­ne Kom­plott lässt den Le­ser so kalt wie die brö­ckeln­den Fas­sa­den. Selbst die ab­grün­di­ge­ren Fi­gu­ren blei­ben ei­ne ver­sie­gel­te Ober­flä­che. Die kal­ku­lier­ten Schocks (die bes­tia­li­sche Ver­ge­wal­ti­gung ei­ner Schau­spie­le­rin über­trifft selbst die Gräu­el von „Ame­ri­can Psy­cho“) hin­ter­las­sen ein scha­les Ge­fühl, und dass Clay wie ein Te­enager un­ter Lie­bes­kum­mer lei­den könn­te, nimmt man ihm nie recht ab. „Du hat­test dei­nen Kick“, sagt Rip, „wo ist al­so das Pro­blem?“

Das Pro­blem liegt dar­in, dass der Ro­man zu spät kommt. 1985 traf El­lis mit sei­nen amo­ra­li­schen, ge­fühls­kal­ten Ni­hi­lis­ten den Nerv der Zeit. Heu­te ha­ben sie ih­re selbst­zer­stö­re­ri­sche Ener­gie, ih­ren ver­zwei- fel­ten Elan, ih­re un­ter­drück­te Sehn­sucht ver­lo­ren: „Ro­man­ti­sche Lie­be“ ist das Schlimms­te, was sie sich vor­stel­len kön­nen. El­lis lässt die Dä­mo­nen der Acht­zi­ger aus ih­ren Grä­bern auf­er­ste­hen, um sie, aus­ge­stat­tet mit iPho­nes, BMW-Ca­bri­os, Fit­ness­gu­rus, Psych­ia­tern und an­de­ren Ac­ces­soires der Ge­gen­wart, noch ein­mal auf die Pis­te zu schi­cken. Aber es sind nur leb­lo­se Ro­bo­ter, ge­spens­ti­sche Zom­bies, die in den neu­en Ku­lis­sen rou­ti­niert ih­re alt­bö­sen Spiel­chen spie­len. El­lis’ Dreh­buch reicht nicht mehr für gro­ßes Ki­no, bloß noch für ein Re­make über­hol­ter Po­sen und Po­si­tio­nen. Wir schau­en un­ge­rührt zu, wie tief Men­schen in Hol­ly­wood sin­ken kön­nen, wie Mas­ken ins Gro­tes­ke ver­rut­schen, Neu­ro­sen und Un­heil sich zu­sam­men­brau­en. Aber der Knall bleibt aus.

In 25 Jah­ren, wenn der ewi­ge „Par­ty-Boy“ ver­mut­lich in den we­ni­ger im­pe­ria­len Bett­ge­mä­chern des Pfle­ge­heims ver­däm­mert, könn­te das Wie­der­se­hen mit sei­ner Cli­que vi­el­leicht mehr Neu­gier, Furcht und Mit­leid er­re­gen.

FO­TO: LAIF

Der Schrift­stel­ler Bret Eas­ton El­lis kehrt mit dem Per­so­nal sei­nes neu­en Ro­mans zu­rück zu den li­te­ra­ri­schen An­fän­gen.

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