Hett­che über das Leid der Vä­ter

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - BLICKPUNKT KULTUR - VON PE­TER MOHR

Dass ein rich­ter­li­ches Ur­teil die Re­zep­ti­on ei­nes li­te­ra­ri­schen Werks er­heb­lich be­ein­flusst, kommt wahr­lich nicht al­le Ta­ge vor. Doch Tho­mas Hett­ches Ro­man „Die Lie­be der Vä­ter“ und ein jüngst vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­fäll­tes Ur­teil kor­re­spon­die­ren stark mit­ein­an­der. Die Karls­ru­her Rich­ter ha­ben be­kannt­lich die Rech­te un­ver­hei­ra­te­ter Vä­ter er­heb­lich ge­stärkt. Und ge­nau solch ein Mann ist die Haupt­fi­gur in Tho­mas Hett­ches Ro­man: Pe­ter, ein Ver­lags­ver­tre­ter um die vier­zig, der mit der Mut­ter sei­ner 13-jäh­ri­gen Toch­ter An­ni­ka „seit fast zwei Jah­ren kein Wort mehr ge­spro­chen hat“.

„Du kannst dir die Hilf­lo­sig­keit der Vä­ter nicht vor­stel­len. Nicht nur das Kind wird ei­nem ge­nom­men, son­dern man sich selbst“, rä­so­niert der zur Lar­mo­yanz nei­gen­de Prot­ago­nist, der ei­ner­seits zwar wei­test­ge­hend der Will­kür von An­ni­kas Mut­ter aus­ge­lie­fert ist, sich aber an­de­rer­seits in selbst­be­mit­lei­den­der Wei­se in ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Op­fer­rol­le ka­ta­pul­tiert.

So fremd wie ihm sein ei­ge­nes Le­ben ge­wor­den ist, so fremd ist ihm in all den Jah­ren auch sei­ne Toch­ter An­ni­ka ge­blie­ben, mit der er zu ei­nem Sil­ves­ter-Ur­laub nach Sylt auf­bricht, den er ge­mein­sam mit der Fa­mi­lie sei­ner eins­ti­gen Ju­gend­freun­din ver­brin­gen will. Sylt ist für Va­ter Pe­ter auch ei­ne Rei­se in die ei­ge­ne Kind­heit, ein glück­se­li­ger Er­in­ne­rungs-Tripp, denn auf der In­sel hat er einst mit sei­ner Mut­ter – sie ar­bei­te­te dort als Buch­händ­le­rin – ei­ni­ge un­be­schwer­te Som­mer ver­bracht.

Der 45-jäh­ri­ge Tho­mas Hett­che er­zählt sei­nen Ro­man zwar aus­schließ­lich aus Peters Per­spek­ti­ve, doch sei­ne Sym­pa­thi­en pen­deln (un­ent­schie­den) zwi­schen Va­ter und Toch­ter hin und her. An­ni­ka sitzt zwi­schen den Stüh­len, ver­sucht aber häu­fig, das schlech­te Ge­wis­sen ih­res Va­ters zu we­cken. Bis­wei­len wirkt der Te­enager da­bei ein we­nig zu alt­klug und durch­trie­ben. Mal ko­ket­tiert An­ni­ka mit Ju­li­an, ei­nem deut­lich äl­te­ren Jun­gen, der sich für sie in­ter­es­siert, mal pro­vo­ziert sie ih­ren Va­ter mit dem von ih­rer Mut­ter ein­ge­fä­del­ten Wech­sel auf ei­ne Pri­vat­schu­le: „Da kann man sel­ber ent­schei­den, was man ler­nen will.“

Es ist nur ei­ne Klei­nig­keit, die bei Pe­ter schließ­lich das Fass emo­tio­nal zum Über­lau­fen bringt und sei­ne Hand „aus­rut­schen“ lässt. Nach der Ohr­fei­ge ver­schwin­det An­ni­ka auf der Stel­le, taucht bei der Mut­ter des rei­chen Ju­li­an un­ter und bleibt ta­ge­lang für ih­ren Va­ter nicht er­reich­bar.

Pe­ter streunt durch die eis­kal­te Nacht, sucht sei­ne Toch­ter ver­geb­lich, trifft da­bei auf ei­ne Hor­de al­ko­ho­li­sier­ter Ju­gend­li­cher, wird zu­sam­men­ge­schla­gen und muss sich am Neu­jahrs­mor­gen (deut­lich sicht­bar ge­zeich­net) vor dem ge­sam­ten Freun­des­kreis ver­ant­wor­ten. Es wirkt na­tür­lich wie ein Tri­bu­nal, Pe­ter wird von al­len ge­äch­tet; die spie­ßig-heuch­le­ri­sche Grup­pe at­tes­tiert ihm un­ent­schuld­ba­res Ver­hal­ten. So weit, so un­schön, aber doch wei­test­ge­hend vor­her­seh­bar.

Am En­de ver­las­sen der von per­ma­nen­ten Ver­sa­gens­ängs­ten ge­pei­nig­te Va­ter und sei­ne flüg­ge ge­wor­de­ne Toch­ter zwar ge­mein­sam die In­sel, doch an ei­nen ge­mein­sa­men Weg, gar an ei­nen har­mo­ni­schen fa­mi­liä­ren Neu­an­fang kann man nach der Lek­tü­re nicht so recht glau­ben.

„Die Lie­be der Vä­ter“ ist ein Ro­man, der wie ein fern­seh­spiel­taug­li­ches Dreh­buch da­her­kommt: ganz nah am All­tag ent­stan­den und mit ei­nem ex­trem ho­hen Wie­der­er­ken­nungs­wert aus­ge­stat­tet. Das ist al­les klug und un­ter­halt­sam in Sze­ne ge­setzt, die Fi­gu­ren sind scharf kon­tu­riert und die Pro­ble­me klar be­nannt. Ein Ro­man wie ge­macht für ei­nen Volks­hoch­schul­kurs und für den man ei­nen Adolf-Grim­meP­reis für Li­te­ra­tur ins Le­ben ru­fen möch­te.

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FO­TO: DPA

Der 45-jäh­ri­ge Schrift­stel­ler Hett­che.

Tho­mas

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