Ar­tur Beckers gro­ße Sehn­sucht nach Ma­su­ren

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - BLICKPUNKT KULTUR - VON MA­THI­AS SCHNITZ­LER

In Bar­tos­zy­ce (Bar­ten­stein) wur­de er 1968 ge­bo­ren und ver­brach­te dort sei­ne Ju­gend. Das Le­ben in der ma­su­ri­schen Pro­vinz – im kom­mu­nis­tisch-ka­tho­li­schen Po­len – hat ihn und sein Schrei­ben ge­prägt. Mit­te der Acht­zi­ger­jah­re ver­ließ er sei­ne polnische Hei­mat, oh­ne die es den Schrift­stel­ler Ar­tur Be­cker, wie wir ihn ken­nen, nicht gä­be. Doch mitt­ler­wei­le spielt Deutsch­land, die neue Hei­mat, in sei­nem li­te­ra­ri­schen Kos­mos ei­ne eben­so wich­ti­ge Rol­le.

Der Au­tor schreibt seit sei­nem De­büt 1997 auf Deutsch und er­hielt im ver­gan­ge­nen Jahr da­für auch den Cha­mis­so-Preis. Der wird ver­ge­ben an Au­to­ren, „die in deut­scher Spra­che schrei­ben, de­ren Mut­ter­spra­che oder kul­tu­rel­le Her­kunft aber nicht die deut­sche ist“. Man könn­te auch sa­gen: an Mi­gran­ten.

Wer mit Be­cker über In­te­gra­ti­on spricht und sei­ne Bü­cher liest, merkt schnell, dass man das The­ma auch auf ei­nem geist­rei­che­ren Ni­veau dis­ku­tie­ren kann, als es zur­zeit sehr oft ge­schieht.

Erst im pro­sai­schen Deutsch­land konn­te die Sehn­sucht nach Po­len, vor al­lem nach den Ma­su­ren, so über­wäl­ti­gend wer­den, wie wir ihr in Beckers Bü­chern be­geg­nen: Sehn­sucht nach den Men­schen und ih­rem Hu­mor, nach der groß­ar­ti­gen Na­tur und der Poe­sie, die dort, nicht an den gro­ßen Se­en, wo sich War­schau­er und Deut­sche tum­meln, son­dern in der Pro­vinz, gleich­sam in der Luft zu lie­gen scheint.

Auf Pol­nisch wä­ren Beckers Ro­ma­ne und Er­zäh­lun­gen vi­el­leicht kit­schig ge­ra­ten. Die Zweit­spra­che Deutsch schafft da­ge­gen Dis­tanz – und weist im­mer wie­der Une­ben­hei­ten, Brü­che auf, die bis­wei­len et­was holp­rig wir­ken, die man aber auch als Beckers ganz spe­zi­el­le deutsch-polnische Poe­to­lo­gie schät­zen kann. „Der Lip­pen­stift mei­ner Mut­ter“ spielt im Po­len der Acht­zi­ger­jah­re, na­tür­lich in den Ma­su­ren, ge­nau­er ge­sagt in Do­li­na Roz/Ro­sen­thal. Wie im­mer tref­fen wir auf ein Per­so­nal aus Glücks­rit­tern und schrä­gen Vö­geln. Au­ßer­dem fal­len die vie­len Tan­ten und Groß­el­tern auf, die in pol­ni­schen Fa­mi­li­en ei­ne tra­gen­de Rol­le spie­len. Der 15-jäh­ri­ge Bar­tek, ver­schos­sen in ei­ne ge­ra­de­zu gött­li­che Ge­lieb­te, und sei­ne Cli­que pla­nen ei­ne an­ti­kom­mu­nis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on – wenn da nur nicht Frau Na­ta­lia wä­re, die dich­ten­de Sta­li­nis­tin, oder Scht­schu­rek, der rat­ten­ge­sich­ti­ge Sohn des To­ten­grä­bers und Erz­feind Bar­teks. Von der Mi­liz ganz zu schwei­gen. Als Opa Fran­zo­se nach Jah­ren wie­der in der Kle­in­stadt auf­taucht und sein Le­bens­wan­del die ka­tho­li­sche Moral stört, geht das Aben­teu­er erst rich­tig los.

In der Pro­vinz scheint

die Poe­sie in der Luft zu lie­gen

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