Kampf um Recht und Exis­tenz

Am 29. Ju­ni riss ein Lkw Ron­ny We­bers lin­kes Bein ab. In der Re­ha lernt er, mit der Be­hin­de­rung zu le­ben. Don­ners­tag wird er ent­las­sen. Doch weil die Ver­si­che­rung des Un­fall­fah­rers auf Ak­ten war­tet, weiß er nicht, wo­hin.

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON STEFANI GEILHAUSEN

Er er­in­nert sich an al­les. Wie er sich auf sein Fahr­rad schwang, um den schö­nen Som­mer­tag am Rhein zu ge­nie­ßen. Wie sein rech­tes Bein mal wie­der muck­te, in dem das vor 20 Jah­ren ein­ge­setz­te Knie­ge­lenk ihm seit ei­ni­ger Zeit Pro­ble­me macht. Wie er an der St­ein­stra­ße vor der Am­pel war­ten muss­te und „ein ko­mi­sches Ge­fühl hat­te“, als der Lkw ne­ben ihm stopp­te. Und wie er mit der Faust ge­gen den Las­ter schlug, als der sich in Be­we­gung setz­te und sein Fahr­rad zur Sei­te drück­te.

„Halt an“, hat er ge­schrien, doch es war schon zu spät. Im nächs­ten Mo­ment lag Ron­ny Weber, 64, auf der Kö­nigs­al­lee und sah ein paar Me­ter ne­ben sich sein lin­kes Bein. „Aus­ge­rech­net das gu­te“, schoss

„Ob ich wirk­lich so ein Glück hat­te,

weiß ich nicht“

ihm durch den Kopf. Und dann, be­vor es schwarz um ihn wur­de: „Das war’s jetzt mit mir.“ Po­li­zis­ten ei­ner zu­fäl­lig vor­bei­kom­men­den Hun­dert­schaft hol­ten Ron­ny zu­rück aus der Ohn­macht, leis­te­ten fach­kun­dig Ers­te Hil­fe noch be­vor der Not­arzt ein­traf. Die­se Hun­dert­schaft war sein Glück, hat er seit­dem oft ge­hört. „Ob das Glück war“, sagt Ron­ny nach lan­gem Über­le­gen, „ob das wirk­lich so ein Glück war, weiß ich nicht“.

An je­nem Di­ens­tag im Ju­ni hat Ron­ny Weber nicht nur sein Bein ver­lo­ren. Sein Zu­hau­se muss er auf­ge­ben, sei­ne Mi­ni­jobs, die nicht nur et­was Geld, son­dern auch Freu­de be­deu­te­ten, wird er nie mehr aus­üben. Da kann ei­ner schon ver­zwei­feln, der es oh­ne­hin nicht leicht hat. Doch so ei­ner ist Ron­ny nicht. Und er­laubt sich sel­ten sol­che Nach­denk­lich­keit. Wischt die Ver­zweif­lung, in die sie führt, weg und tut, als ha­be er sich längst da­mit ab­ge­fun­den, ein Ein­bei­ni­ger zu sein. Reißt so­gar Wit­ze über sei­nen Roll­stuhl und die Pro­the­se, die er „mei­ne Pe­rü­cke“ nennt. „Wenn man sich hän­gen lässt, wird man nicht ge­sund“, sagt er.

Drum ist er auch schon vier Ta­ge nach dem Un­fall mit dem Roll­stuhl durch die Uni-Kli­nik ge­fah­ren, hat mit ei­ser­ner Dis­zi­plin sei­ne Übun­gen ge­macht und auch nach zig Ope­ra­tio­nen ver­sucht, so we­nig wie mög­lich Hil­fe vom Pfle­ge­per­so­nal in An­spruch zu neh­men. „An­ge­bo­ten ha­ben das aber al­le“, be­tont er. „Ärz­te und Schwes­tern wa­ren für- sorg­lich bis zum Geht-nicht-mehr. Das hat mir sehr gut ge­tan.“ Und auch in der Re­ha-Kli­nik in Es­sen, wo er seit zwei Wo­chen lernt, mit ei­ner Hig­htech-Pro­the­se zu lau­fen, fühlt sich der 64-Jäh­ri­ge sehr gut auf­ge­ho­ben.

Das ist am Don­ners­tag vor­bei. Sei­ne Kran­ken­kas­se hat der vom Arzt vor­ge­schla­ge­nen Ver­län­ge- rung sei­nes Auf­ent­halts nicht zu­ge­stimmt. Ron­ny Weber wird ent­las­sen. Aber nach Hau­se kann er nicht. Sei­ne Woh­nung an der Bis­marck­stra­ße ist nur über ei­ne stei­le Trep­pe er­reich­bar, die Ron­ny vi­el­leicht nach ei­nem Jahr Trai­ning mit der Pro­the­se schaf­fen könn­te. Jetzt aber ist sie ein un­über­wind­li­ches Hin­der­nis. Und sei­ne Woh­nung ist für den Roll­stuhl, den er noch braucht, nicht ge­eig­net. „Mein Bad ist schon über­füllt, wenn nur die Son­ne rein scheint.“ Noch in der Uni-Kli­nik hat des­halb ei­ne So­zi­al­ar­bei­te­rin nach ei­ner neu­en Blei­be für Ron­ny ge­sucht. Un­zäh­li­ge Te­le­fo­na­te spä­ter hat­te sie Er­folg: In ei­nem Wers­te­ner Se­nio­ren­heim war ein Zim­mer frei. Die Be­trei­ber be­such­ten ihn in der Kli­nik, man moch­te sich und war sich schnell ei­nig: Dort wür­de Ron­ny nach der

„Die kön­nen mir den Platz ja nicht ewig frei hal­ten“

Re­ha woh­nen.

Doch das ist nun nicht mehr si­cher. Denn Ron­ny Weber, der sich zum Ar­beits­lo­sen­geld als Haus­meis­ter und Kell­ner ein biss­chen was hin­zu­ver­dien­te, als er noch zwei Bei­ne hat­te, kann sich den Platz in der Se­nio­ren­re­si­denz nicht leis­ten. Und die Ver­si­che­rung des Lkw will erst zah­len, wenn ihr die Er­mitt­lungs­ak­ten vor­lie­gen. Die lie­gen seit Ju­li bei der Staats­an­walt­schaft. Drei­mal hat Ron­nys An­walt schon um Ak­ten­ein­sicht ge­be­ten – bis­lang oh­ne Ant­wort. Der 64-Jäh­ri­ge ist Rea­list: „Oh­ne Kos­ten­zu­sa­ge wird mir die Re­si­denz den Platz nicht ewig re­ser­vie­ren kön­nen. Und wenn ich da nicht hin kann, weiß ich nicht, was aus mir wird.“ Jetzt über­legt er, sei­ne paar Spar­gro­schen ein­zu­set­zen, um den Auf­ent­halt in der Re­ha aus ei­ge­ner Ta­sche zu ver­län­gern. Weit wird das nicht rei­chen.

Aber vi­el­leicht wird es auch gar nicht nö­tig sein: Das rech­te Knie hat un­ter der Dop­pel­be­las­tung seit dem Un­fall so ge­lit­ten, dass es nicht zu ret­ten sein wird, sa­gen die Ärz­te. Dann müss­te Ron­ny für ei­ne wei­te­re Ope­ra­ti­on ins Kran­ken­haus.

RP-FO­TOS: BRETZ, BUSSKAMP, AR­CHIV/BER­GER

In der Re­hak­li­nik, aus der er Don­ners­tag ent­las­sen wer­den soll, blickt Ron­ny Weber in ei­ne un­ge­wis­se Zu­kunft.

29. Ju­ni 2010, kurz nach 9.30 Uhr: Po­li­zis­ten, die auf dem Weg zu ei­nem Ein­satz zu­fäl­lig an der Un­fall­stel­le vor­bei­kom­men, ret­ten Ron­ny We­bers Le­ben.

Sei­nen Mi­ni-Job als Haus­meis­ter kann Weber nicht mehr aus­üben.

FO­TO: DDP

Kommt Le­na nach Düsseldorf?

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