Flo­ra­park-Mord: Zeu­gin ver­warnt

Ei­ne 19-Jäh­ri­ge kam ges­tern vor dem Ju­gend­ge­richt glimpf­lich da­von. Die jun­ge Frau hat­te ta­ten­los mit an­ge­se­hen, wie zwei ih­rer Freun­de im Au­gust 2008 den Ge­werk­schafts­se­kre­tär Hans Will im Flo­ra­park mit un­vor­stell­ba­rer Grau­sam­keit ge­pei­nigt ha­ben, bis e

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON WULF KANNEGIESSER

Mit der mil­des­ten Sank­ti­on, die das deut­sche Jus­tiz­sys­tem kennt – mit ei­ner rich­ter­li­cher Ver­war­nung – kön­nen vor dem Ju­gend­ge­richt nor­ma­ler­wei­se nur Schwarz­fah­rer oder La­den­die­be rech­nen. Und auch nur dann, wenn die Die­be Beu­te von ge­rin­gem Wert ge­macht ha­ben. Bei ei­ner 19-jäh­ri­gen Aus­zu­bil­den­den klang die An­kla­ge ges­tern aber an­ders. Un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung bei ei­ner der grau­sams­ten Mord­ta­ten der jün­ge­ren Kri­mi­nal­ge­schich­te wur­de der jun­gen Frau vor­ge­wor­fen. Ta­ten­los hat­te sie vor rund zwei Jah­ren mit an­ge­se­hen, wie zwei ih­rer Freun­de (20 und 22 Jah­re alt) im Bil­ker Flo­ra­park den Ge­werk­schafts­se­kre­tär Hans Will in drei Etap­pen zu To­de quäl­ten. Und doch wur­de die jun­ge An­ge­klag­te ges­tern nach ih­rem re­u­mü­ti­gen Ge­ständ­nis le­dig­lich rich­ter­lich ver­warnt.

„Un­vor­stell­bar grau­sam“

Grau­sam war die Tö­tung von Hans Will im Au­gust 2008 nicht ge­we­sen. Das hat­te das Land­ge­richt im Pro­zess ge­gen die bei­den Haupt­tä­ter aus­drück­lich be­tont. „Es war un­vor­stell­bar grau­sam“, prä­zi­sier­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter An­fang 2009 im Ur­teil ge­gen die zwei jun­gen Mör­der. Bei­de Tä­ter wur­den da­mals zur höchst­mög­li­chen Ju­gend­stra­fe ver­ur­teilt: zu je­weils zehn Jah­ren Haft. Das Ge­richt be­han­del­te bei­de näm­lich wie Ju­gend­li­che, weil ih­re Rei­fe­ent­wick­lung nach An­sicht von Ju­gend­psych­ia­tern ver­zö­gert sei.

Zwei­mal wa­ren die bei­den Freun­de am Tat­tag nach ei­ner ers­ten At- ta­cke ge­gen Hans Will in den Flo­ra­park zu­rück­ge­kehrt, wo der Schwer­ver­letz­te wehr­los zu­rück­ge­blie­ben war. Zwei­mal hat­ten sie neu an­ge­setzt, um ih­rem Op­fer das Le­ben zu neh­men. Als die Tä­ter den 54-Jäh­ri­gen da­mals von ei­ner Brü­cke in ei­nen Teich war­fen und we­nig spä­ter mit ei­nem Mes­ser zu­rück­kehr­ten, um ihn mit 26 Mes­ser­sti­chen zu tö­ten, war die jun­ge Freun­din der bei­den Tä­ter schon nicht mehr da­bei. Sie hat­te nur den ers­ten An­griff ge­gen den 54-Jäh­ri­gen mit er­lebt.

Da­bei war Hans Will von Mar­tin K. (22) nie­der­ge­prü­gelt, dann ge­würgt wor­den. Zu­letzt hat­te K. dem Op­fer ei­ne Park­bank auf den Kopf fal­len las­sen. Hier will die da­mals 16-Jäh­ri­ge – an­geb­lich me­ter­weit ent­fernt – ihr Ge­sicht im Arm ih­res Freun­des Si­mon T. ver­bor­gen ha­ben - um das Furcht­ba­re die­ser Tat nicht mit an­se­hen zu müs­sen. Kurz da­nach hat­ten die Tä­ter die jun­ge Frau nach Hau­se ge­bracht und sie über je­de wei­te­re Atta­cke ge­gen Will te­le­fo­nisch un­ter­rich­tet. Ein­zu­schrei­ten oder die Po­li­zei zu ru­fen, sei ihr „nicht in den Sinn ge­kom­men“, hat­te die Zeu­gin im Pro­zess ge­gen die Mör­der er­klärt.

Ges­tern, als ihr da­für in nicht öf­fent­li­cher Ver­hand­lung der Pro­zess ge­macht wur­de, gab sich die nun 19-Jäh­ri­ge ge­reift: „Ich ha­be erst jetzt er­kannt: Wenn ich da­mals an­ders ge­han­delt hät­te, könn­te Hans wo­mög­lich noch le­ben.“

Bei so viel ge­stän­di­ger Reue sah die Ju­gend­rich­te­rin von ei­ner Be­stra­fung ab. Zu­mal sich die An­ge­klag­te von der Flo­ra­park-Cli­que ge­trennt ha­be, nun die Abend­schu­le be­sucht und ei­ne Aus­bil­dung als Fa­mi­li­en­hel­fe­rin bei ei­nem Wohl­fahrts­ver­band an­ge­fan­gen hat. Um das nicht zu ge­fähr­den, blieb es bei ei­ner Ver­war­nung.

Un­ter Auf­la­gen: die Aus­bil­dung fort­zu­set­zen und zehn St­un­den bei der Ju­gend­be­ra­tung zu ab­sol­vie­ren, um die ei­ge­ne „Trau­ma­ti­sie­rung“ durch die Blut­tat und de­ren Fol­gen zu über­win­den. Das Ur­teil ist rechts­kräf­tig.

AR­CHIV-FO­TO: HELL­MANN

Der Tat­ort im Park, an dem ein klei­ner Baum und bren­nen­de Ker­zen an den Mord an Hans-Joa­chim Will vor zwei Jah­ren er­in­nern.

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