Das gro­ße Schwei­gen nach Sil­ves­ter

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON THO­MAS REISENER

DÜS­SEL­DORF Heu­te ist NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) in un­ge­wohn­ter Rol­le zu se­hen. Sie muss als Zeu­gin aus­sa­gen im Par­la­men­ta­ri­schen Un­ter­su­chungs­aus­schuss (PUA), der seit 135 Ta­gen nach der Ver­ant­wor­tung für das Köl­ner Sil­ves­ter-Cha­os sucht. Ihr Auf­tritt wird der dra­ma­tur­gi­sche Hö­he­punkt des Aus­schus­ses wer­den. Und lei­der wohl auch sein in­halt­li­cher Tief­punkt.

Ex­akt ein hal­bes Jahr ist je­ne trau­ma­ti­sche Nacht nun her, in der Hun­der­te Frau­en vor dem Köl­ner Dom ver­ge­wal­tigt, be­grapscht und be­stoh­len wur­den. In die­sem hal­ben Jahr wur­de „Köln“zum Syn­onym für die be­droh­li­che Tat­sa­che, dass die Zi­vi­li­sa­ti­on auch mit­ten auf ei­nem der pro­mi­nen­tes­ten Plät­ze Eu­ro­pas je­der­zeit zu­sam­men­bre­chen kann. St­un­den­lang. Und un­ter den Au­gen der Po­li­zei. Die­ses „Köln“hat es so­gar in den Wahl­kampf von Do­nald Trump ge­schafft.

An Ta­gen wie heu­te ent­schei­det sich, ob das Syn­onym „Köln“bald noch ei­ne trau­ri­ge Be­deu­tung er­hält. Wenn es im PUA so wei­ter­geht wie bis­lang, steht „Köln“bald auch für po­li­tisch Ver­ant­wort­li­che, die kei­ne po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men.

Vor Kraft ha­ben schon et­li­che Spit­zen der Lan­des­re­gie­rung in dem Aus­schuss aus­ge­sagt. NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger, Re­gie­rungs­spre­cher Tho­mas Breustedt und Staats­kanz­lei-Chef Franz-Jo­sef Lersch-Men­se zum Bei­spiel. Das Mus­ter war im­mer das­sel­be: Wor­ten der Be­trof­fen­heit folg­te ein wort­ge­wand­tes „Ha­be nichts ge­wusst“, „Konn­te nichts ah­nen“und „Wur­de nicht in­for­miert“. Es ist nicht zu er­war­ten, dass Kraft heu­te aus die­sem Sche­ma aus­bre­chen wird. Ob­wohl der Druck wächst. Denn nach rund 80 Zeu­gen und 24 Sit­zun­gen ha­ben die 26 Aus­schuss­mit­glie­der drei Sach­ver­hal­te her­aus­ge­ar­bei­tet, die gera­de­zu nach po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung schrei­en.

Ers­tens: Die Vor­be­rei­tung der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht ver­lief reich­lich un­be­küm­mert. Schon seit 2013 hat sich in Köln ein gan­zes Kom­mis­sa­ri­at mit den Zig­tau­send Straf­ta­ten der nord­afri­ka­ni­schen An­tän­zer-Szene be­fasst. Die­se Szene war auch für die meis­ten Straf­ta­ten in der Sil­ves­ter­nacht ver­ant­wort­lich. Ih­re er­heb­li­che Ge­walt­be­reit­schaft war auch an­dern­orts schon lan­ge vor der Sil­ves­ter­nacht Dau­er­the­ma in Ex­per­ten­zir­keln. Trotz­dem sah man in Köln kei­nen An­lass, das Si­cher­heits­kon­zept der ver­gan­ge­nen Jah­re an die neue La­ge an­zu­pas­sen. Hät­te die Lan­des­re­gie­rung nicht mal ei­nen Blick auf die Vor­be­rei­tung wer­fen müs­sen? Zu­mal zu­vor schon die Ho­ge­saKra­wal­le, die SEK-Af­fä­re und an­de­re Be­ge­ben­hei­ten ge­zeigt hat­ten, dass es mit der größ­ten Po­li­zei­be­hör­de des Lan­des nicht zum Bes­ten be­stellt ist?

Zwei­tens: der ge­schei­ter­te Ein­satz. Um 20.30 Uhr sah ein an­rü­cken­der Po­li­zei­füh­rer be­reits 400 bis 500 be­rausch­te Män­ner am Dom, die ein­an­der mit Feu­er­werk be­schos­sen. Noch um 23 Uhr, als schon 1500 Men­schen auf dem Platz stan­den und die Si­tua­ti­on es­ka­lier­te, war die Po­li­zei nur mit 38 Be­am­ten prä­sent. War­um wur­de aku­te Ver­stär­kung, die aus­rei­chend zur Ver­fü­gung stand, nicht an­ge­for­dert? War­um gab es in der gan­zen Nacht kei­nen ein­zi­gen Po­li­zis­ten, der den Über­blick hat­te? Nicht ein­mal in der Leit­stel­le? War­um steck­ten die Po­li­zis­ten in Uni­for­men, die ih­nen we­gen un­zu­rei­chen­den Brand­schut­zes nicht ein­mal den Zu­tritt zur Ho­hen­zol­lern­brü­cke er­laub­ten? Wie hat der zu­stän­di­ge In­nen­mi­nis­ter ei­gent­lich sei­nen Po­li­zei­ap­pa­rat or­ga­ni­siert, wenn ein wirk­sa­mer Ein­griff in Köln an sol­chen Lap­pa­li­en schei­tert?

Drit­tens: Das gro­ße Schwei­gen da­nach. Ta­ge­lang war die ge­sam­te Lan­des­re­gie­rung nach der Cha­os-Nacht auf Tauch­sta­ti­on, weil sie bis zum 4. Ja­nu­ar das Aus­maß der Köl­ner Kra­wal­le gar nicht wahr­ge­nom­men ha­ben will. Jä­ger selbst will erst durch die ur­lau­ben­de Mi­nis­ter­prä­si­den­tin in ei­nem Te­le­fo­nat am 4. Ja­nu­ar um 13.41 Uhr auf das The­ma auf­merk­sam ge­macht wor­den sein. Kraft wie­der­um will das The­ma erst­mals in ei­ner ver­ein­zel­ten Zei­tungs­mel­dung auf der hin­te­ren Sei­te ih­res 68-sei­ti­gen Pres­se­spie­gels ge­se­hen ha­ben. Jä­ger hat aus­ge­sagt: „Dann rief sie mich an und frag­te, was da los war. Da­nach ha­be ich mich erst mal selbst in­for­mie­ren müs­sen.“Kei­ne 20 Mi­nu­ten spä­ter gab Noch-Po­li­zei­chef Al­bers aber schon die ers­te Pres­se­kon­fe­renz.

Wie glaub­wür­dig ist das? Nach­weis­lich hat Jä­ger schon am 1. Ja­nu­ar meh­re­re „Wich­ti­ges Er­eig­nis“-Mel­dun­gen be­kom­men, in de­nen Teile der Köl­ner Vor­gän­ge ge­schil­dert wur­den. Er wuss­te auch schon am 2. Ja­nu­ar, dass ei­ne Son­der­er­mitt­lungs­grup­pe ein­ge­rich­tet wor­den war, weil im­mer mehr An­zei­gen bei der Po­li­zei ein­gin­gen. Be­vor Jä­ger zum ers­ten Mal mit Kraft über das The­ma ge­spro­chen ha­ben will, hat­ten schon 1,6 Mil­lio­nen Le­ser die On­lin­ebe­rich­te al­lein der Köl­ner Zei­tun­gen zum The­ma ge­klickt.

Wie aber kann ei­ne Lan­des­re­gie­rung bei ei­nem sol­chen Si­cher­heits-De­sas­ter fast vier Ta­ge lang taub­stumm sein? Woll­te sie den Vor­gang et­wa ver­tu­schen? Und wenn nicht: Was taugt ein Ka­bi­nett, das ta­ge­lang im Blind­flug re­giert? Ob Kraft das De­ba­kel po­li­tisch über­lebt und ob sie nicht doch noch ih­ren In­nen­mi­nis­ter op­fern muss, hängt we­sent­lich von ih­rem heu­ti­gen Auf­tritt ab.

Aber viel­leicht kommt ja al­les ganz an­ders. Viel­leicht fällt Kraft heu­te ja mal aus der Rol­le. Weil sie es satt hat, sich per­ma­nent für al­les Mög­li­che recht­fer­ti­gen zu müs­sen: die wach­sen­de Kin­der­ar­mut, die sin­ken­de Wirt­schafts­kraft, das schrump­fen­de Ver­trau­en in die Po­li­zei und in ih­re ei­ge­ne Glaub­wür­dig­keit. Viel­leicht er­klärt sie heu­te, dass sie nicht für per­ma­nen­te Selbst­ver­tei­di­gung an­ge­tre­ten ist, son­dern für mehr Ge­rech­tig­keit.

Viel­leicht ge­hen Han­ne­lo­re Kraft heu­te sol­che Ge­dan­ken durch den Kopf, wenn sie im Zeu­gen­stand sitzt. Aber sie wird sie nicht aus­spre­chen. Heu­te noch nicht.

Wie kann ei­ne Lan­des­re­gie­rung bei ei­nem sol­chen De­sas­ter fast vier Ta­ge lang taub­stumm sein?

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