The­re­sa May ist die Fa­vo­ri­tin der To­ries

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON JO­CHEN WITTMANN

Das Ren­nen um die Nach­fol­ge Da­vid Ca­me­rons ist er­öff­net. Für den Par­tei­vor­sitz der Kon­ser­va­ti­ven gibt es fünf Be­wer­ber. Ei­ner ist über­ra­schend nicht da­bei: Bo­ris John­son.

LON­DON Ei­ne Wo­che nach dem Br­ex­it-Be­ben be­ginnt in Lon­don ein Macht­kampf um die po­li­ti­sche Füh­rung: Die Kon­ser­va­ti­ve Par­tei sucht ih­ren neu­en Vor­sit­zen­den, der dann au­to­ma­tisch Pre­mier­mi­nis­ter wür­de. Nach der po­li­ti­schen Tra­di­ti­on Groß­bri­tan­ni­ens ist der Pre­mier­mi­nis­ter auch Vor­sit­zen­der der Mehr­heits­par­tei im Un­ter­haus. Mit die­ser Per­so­na­lie fällt da­her die Ent­schei­dung über den Kurs des Lan­des und dar­über, wie der Br­ex­it ge­stal­tet wer­den soll.

Die Frist für die Be­wer­ber um die Nach­fol­ge Da­vid Ca­me­rons lief ges­tern Mit­tag ab. Fünf Kan­di­da­ten ha­ben sich auf­stel­len las­sen: The­re­sa May, Micha­el Go­ve, Andrea Lead­som, Li­am Fox und Ste­phen Cr­abb. Die Frak­ti­on hat nun die Auf­ga­be, bis zum 21. Ju­li das Feld der Be­wer­ber in ei­ner Rei­he von Ab­stim­mun­gen auf zwei Kan­di­da­ten zu re­du­zie­ren. Da­nach ha­ben die rund 150.000 Par­tei­mit­glie­der das Sa­gen. In ei­ner Brief­wahl be­stim­men sie den neu­en Vor­sit­zen­den, der am 9. Sep­tem­ber be­kannt­ge­ge­ben wer­den soll. Von den fünf An­wär­tern kön­nen sich al­ler­dings le­dig­lich zwei gu­te Aus­sich­ten aus­rech­nen, in die End­run­de zu kom­men. Es sind Jus­tiz­mi­nis­ter Micha­el Go­ve, der im Br­ex­it-La­ger stritt, so­wie In­nen­mi­nis­te­rin The­re­sa May.

Die gro­ße Über­ra­schung ist, dass der Fa­vo­rit für Ca­me­rons Nach­fol­ge gar nicht an­tritt. Bo­ris John­son, der An­füh­rer des Br­ex­it-La­gers, er­klär­te ges­tern, dass er nicht an­tre­ten wer­de. Aus­ge­rech­net John­son. Aus­ge­rech­net der­je­ni­ge, der sich dem Br­ex­it-La­ger vor al­lem des­we­gen an­ge­schlos­sen hat­te, um Ca­me­ron zu be­er­ben. Der dann das Un­mög­li­che voll­brach­te: die Bri­ten vom Br­ex­it zu über­zeu­gen. Und der sich jetzt dem Wett­be­werb um den Vor­sitz nicht stel­len will, weil er sei­ne Fel­le da­von­schwim­men sieht. Vie­le se­hen in ihm jetzt den ul­ti­ma­ti­ven Op­por­tu­nis­ten und Feig­ling.

Der 52-Jäh­ri­ge muss­te so über­ra­schend die Not­brem­se zie­hen, weil ihm Micha­el Go­ve von der Fah­ne ge­gan­gen war. Go­ve war ne­ben John­son der an­de­re pro­mi­nen­te Br­ex­it-Be­für­wor­ter in der „Vo­te Lea­ve“-Kam­pa­gne. Er hat­te bis­her stets ei­ge­ne Am­bi­tio­nen auf den Chef­pos­ten der To­ries ab­ge­strit­ten und in den letz­ten Ta­gen als John­sons Kam­pa­gnen­ma­na­ger ge­ar­bei­tet. Doch ges­tern Mor­gen kün­dig­te Go­ve völ­lig über­ra­schend sei­ne ei­ge­ne Kan­di­da­tur an. Bo­ris John­son ha­be nicht das Zeug zum Pre­mier, ar­gu­men­tier­te er. John­son kön­ne „nicht für die Füh­rung sor­gen oder das Team auf­bau­en, das für die be­vor­ste­hen­de Auf­ga­be nö­tig ist“.

Da­mit war John­son dis­kre­di­tiert, das „Team Bo­ris“aus­ein­an­der­ge­bro­chen und die Kam­pa­gne des Br­ex­it-Sie­gers ent­schei­dend un­ter­mi­niert. An­de­re Mit­strei­ter im Br­ex­it-La­ger wie Andrea Lead­som oder Li­am Fox scher­ten aus und kün­dig­ten ih­re ei­ge­nen Kan­di­da­tu­ren an. Dass die Chan­cen für ei­nen Sieg John­sons oh­ne­hin we­ni­ger gut stan­den, als zu­vor all­ge­mein an­ge­nom­men wor­den war, hat­te ei­ne Um­fra­ge des In­sti­tuts You­gov am Mor­gen of­fen­bart: Un­ter den Mit­glie­dern der To­ries, die letzt­end­lich über den Vor­sitz ent­schei­den, lag John­son um 17 Pro­zent­punk­te hin­ter May. John­sons of­fen­sicht­li­che Rat­lo­sig­keit nach dem Br­ex­it und sein Ver­sa­gen, ei­nen Plan über den Aus­stieg aus der EU vor­zu­le­gen, hat­ten ihn vie­le Sym­pa­thi­en ge­kos­tet.

Go­ve ist jetzt der pro­mi­nen­tes­te kon­ser­va­ti­ve Kan­di­dat des Br­ex­itLa­gers. Er ver­dien­te sich sei­ne Spo­ren im Wahl­kampf als je­mand, der zwar lei­den­schaft­lich, aber stets höf­lich und fair sei­ne Aus­tritts-Ar­gu­men­te vor­brin­gen konn­te. Der 48-Jäh­ri­ge ver­sprach, er wer­de da­für ein­tre­ten, dass es „ei­ne of­fe­ne und po­si­ti­ve De­bat­te über den Pfad ge­ben wird, den das Land jetzt ein- schlägt“. De­tails und ge­naue­re An­ga­ben über die Gestal­tung des Br­ex­it wol­le er noch vor­le­gen. Man darf da­von aus­ge­hen, dass sei­ne Vi­si­on ei­nes Br­ex­it stark von der sei­ner Kon­kur­ren­tin The­re­sa May ab­weicht, die für ein mög­lichst en­ges Ver­hält­nis zum eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt ein­tritt. Go­ve da­ge­gen will ganz raus, ei­nen ra­di­ka­len Neu­an­fang. Er hält die EU für ei­ne „job­zer­stö­ren­de Ma­schi­ne“und setzt auf Frei­han­dels­ab­kom­men mit auf­stre­ben­den Wirt­schafts­zen­tren wie Chi­na und In­di­en.

May da­ge­gen sieht sich in der Nach­fol­ge Ca­me­rons, des­sen po­li­ti- schen Nach­lass sie aus­führ­lich lob­te. Sie prä­sen­tier­te sich als ei­ne Kan­di­da­tin, die die Par­tei und das Land ei­nen kön­ne, und un­ter­strich ih­re Kom­pe­tenz. Im­mer­hin ist sie die am längs­ten die­nen­de In­nen­mi­nis­te­rin in der Ge­schich­te Groß­bri­tan­ni­ens. Die 59-Jäh­ri­ge stand zwar wäh­rend des Re­fe­ren­dums­wahl­kampfs auf der Sei­te Ca­me­rons im La­ger der EU-Freun­de, aber sie hat auch eu­ro­skep­ti­sche Re­fe­ren­zen vor­zu­wei­sen: May hat­te sich in der Ver­gan­gen­heit deut­lich ge­gen ei­ne un­kon­trol­lier­te Im­mi­gra­ti­on aus­ge­spro­chen. Zugleich mach­te sie ein paar kla­re An­sa­gen. Es wer­de un­ter ihr zu kei­nen vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len kom­men, sag­te sie, denn das Land brau­che Sta­bi­li­tät.

Mit der Ak­ti­vie­rung von Ar­ti­kel 50 des EU-Ver­trags, die den of­fi­zi­el­len Start der Aus­tritts­ver­hand­lun­gen aus­löst, sol­le man war­ten, „bis ei­ne Exit-Stra­te­gie klar ist“, was bis zum En­de des Jah­res dau­ern kön­ne. Es ge­he ihr „um den best­mög­li­chen Zu­gang zum Bin­nen­markt“so­wie dar­um, ge­wis­se Kon­trol­len bei der Per­so­nen­frei­zü­gig­keit zu be­kom­men. „Mei­ne Be­wer­bung ist ein­fach“, sag­te sie: „Ich den­ke, dass ich die Bes­te bin, um Pre­mier­mi­nis­te­rin die­ses Lan­des zu wer­den.“

FO­TO: GET­TY

In­nen­mi­nis­te­rin The­re­sa May ges­tern bei der Be­kannt­ga­be ih­rer Kan­di­da­tur in der Bi­b­lio­thek der Denk­fa­brik Ru­si.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.