Auf die Au­ßen kommt es an

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - EM 2016 - VON TO­BI­AS ESCHER

Ge­gen das va­ria­ble Sys­tem der Ita­lie­ner wird das deut­sche Team am Sams­tag im Vier­tel­fi­na­le häu­fig zum dia­go­nal ge­schla­ge­nen Pass grei­fen müs­sen, um das Spiel zu ver­la­gern – das be­haup­tet zu­min­dest un­ser Ko­lum­nist.

DÜS­SEL­DORF So schön es sein kann, mit den Fuß­ball­zwer­gen mit­zu­fie­bern – auf Dau­er raubt mir die stän­di­ge Aus­gangs­la­ge „Fa­vo­rit, der das Spiel macht“ge­gen „Au­ßen­sei­ter, der nur ver­tei­digt“den letz­ten Nerv. Tak­ti­sche und spie­le­ri­sche Über­ra­schun­gen blie­ben zu­meist gänz­lich aus. Bis auf die kampf­star­ken Is­län­der und die tak­tisch cle­ve­ren Wa­li­ser ha­ben sich die klei­nen Na­tio­nen ver­ab­schie­det. Jetzt tref­fen die Grö­ßen des eu­ro­päi­schen Fuß­balls end­lich di­rekt auf­ein­an­der.

Das al­les über­schat­ten­de Du­ell des Vier­tel­fi­nals ist in die­ser Hin­sicht der deut­sche Auf­tritt ge­gen die ita­lie­ni­sche Mann­schaft. Hier tref­fen zwei Trai­ner auf­ein­an­der, für die Tak­tik mehr be­deu­tet, als am ei­ge­nen Straf­raum kom­pakt zu ver­tei­di­gen. Joa­chim Löw be­ton­te im­mer wie­der, man müs­se sei­ne Tak­tik und da­mit auch sei­ne Auf­stel­lung an den Geg­ner an­pas­sen. Ita­li­ens Trai­ner An­to­nio Con­te be­wies in den ver­gan­ge­nen Spie­len, dass er ge­nau dies tut: Beim 2:0-Er­folg ge­gen Bel­gi­en agier­te sei­ne Mann­schaft gänz­lich an­ders als beim Ach­tel­fi­nal­tri­umph über Spa­ni­en.

Dem­ent­spre­chend hän­gen vie­le Fra­ge­zei­chen über die­ser Par­tie. Bei­de Trai­ner wer­den im Vor­feld den Geg­ner be­ob­ach­ten und ana­ly­sie­ren. Sie müs­sen vie­le Fak­to­ren in ih­re Pla­nung auf­neh­men: Wie re­agie­re ich auf die Stär­ken und Schwä­chen des Geg­ners? Wie stellt der Geg­ner sei­ne Mann­schaft ein? Wie re­agie­re ich auf tak­ti­sche Win­kel­zü­ge des Geg­ners? Und wie re­agiert der Geg­ner auf mei­ne Re­ak­tio­nen? Das fuß­ball­tak­ti­sche Äqui­va­lent des Ki­no-Block­bus­ters In­cep­ti­on, so­zu­sa­gen.

Joa­chim Löw wird mit sei­nen CoTrai­nern und Chef­scout Urs Sie­gen­tha­ler vie­le Fra­gen dis­ku­tie­ren. Wie kön­nen sie die ita­lie­ni­sche De­fen­si­ve kna­cken? Ita­li­en dürf­te das Spiel er­neut in ei­ner 3-5-2-For­ma­ti­on be­gin­nen. In­ner­halb die­ser For­ma­ti­on sind sie enorm fle­xi­bel. In der Ab­wehr kön­nen sie bin­nen Se­kun­den von Drei­er- auf Vie­rer- oder Fün­fer­ket­te um­stel­len. Das Mit­tel­feld passt sich an die ihm ge­stell­ten Auf­ga­ben an; ge­gen Bel­gi­en ver­scho­ben sie im Raum, ge­gen die Spa­nier agier­ten sie äu­ßerst man­n­ori­en­tiert, um An­drés Inies­ta und Ser­gio Bus­quets aus dem Spiel zu neh­men. Die Stür­mer wie­der­um kön­nen auf Kon­ter lau­ern oder eng an­lie­gend vor den Mit­tel­feld­spie­lern für die nö­ti­ge Kom­pakt­heit sor­gen. Ita­li­en könn­te al­so so­wohl mit ei­nem ho­hen Pres­sing Deutsch­lands pri­mä­re Spiel­ma­cher Je­ro­me Boateng und Mats Hum­mels an­lau­fen und da­vor To­ni Kroos mann­de­cken – oder aber sie war­ten in ei­ner kom­pak­ten 5-3-2For­ma­ti­on am ei­ge­nen Sech­zeh­ner auf deut­sche An­grif­fe.

Deutsch­land braucht im Auf­bau­spiel viel Ge­nau­ig­keit und Ge­duld. Die en­ge 3-5-2-For­ma­ti­on der Ita­lie­ner lässt häu­fig nur den Weg über die Flü­gel zu, um in die geg­ne­ri­sche Hälf­te zu ge­lan­gen. To­ni Kroos könn­te auf die Flü­gel ab­kip­pen, um das Spiel von hier aus zu gestal­ten. Aber auch ei­ne tie­fe­re Ein­bin­dung der Au­ßen­ver­tei­di­ger wä­re mög­lich, um in der Ab­wehr ei­ne gu­te Ball­zir- ku­la­ti­on zu er­mög­li­chen. Wich­tig wä­re, dass Jos­hua Kim­mich und Jo­nas Hec­tor in der Fol­ge nicht den Flü­gel ent­lang pas­sen, wie die Ita­lie­ner es wol­len, son­dern Lü­cken auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te se­hen und an­spie­len.

Die zwei­te wich­ti­ge Fra­ge geht da­mit ein­her: Wie of­fen­siv spie­len Deutsch­lands Au­ßen­ver­tei­di­ger? Ei­ne zu ho­he Rol­le könn­ten die Ita- lie­ner be­stra­fen. Ih­re Stür­mer Pel­le und Eder kön­nen im Kon­ter den Ball hal­ten und so­fort wei­ter­ver­ar­bei­ten. Wenn die Au­ßen­ver­tei­di­ger weit vor­rü­cken, könn­ten schnell Gleich­zahl­kon­ter für die Ita­lie­ner ent­ste­hen. An­de­rer­seits muss die Brei­te im letz­ten Drit­tel be­setzt wer­den, an­sons­ten kön­nen die ita­lie­ni­schen Flü­gel­ver­tei­di­ger man­gels De­fen­siv­auf­ga­be vor­rü­cken.

Es gibt zwei Mög­lich­kei­ten für Löw: Ent­we­der er wählt die WM-Va­ri­an­te mit tie­fen Au­ßen­ver­tei­di­gern. Hier­bei op­fert er die Brei­te im letz­ten Drit­tel und setzt auf ei­ne op­ti­ma­le Kon­ter­ab­si­che­rung. Oder aber Löw stellt ei­ne Drei­er­ket­te auf. Hier­bei hät­te Deutsch­land stets ei­ne Drei-ge­gen-Zwei-Über­zahl ge­gen den ita­lie­ni­schen Dop­pel­sturm, die Au­ßen­ver­tei­di­ger könn­ten den­noch weit vor­rü­cken. Eben­falls mög­lich wä­re, die Kon­ter­ab­si­che­rung über ei­nen zu­sätz­li­chen Mann im Mit­tel­feld zu er­mög­li­chen. Dies wür­de ei­ne 4-3-3-For­ma­ti­on be­deu­ten mit Bas­ti­an Schwein­stei­ger als zu­sätz­li­chem Mann für das Mit­tel­feld. Löw könn­te hier­für Ju­li­an Drax­ler, aber viel­leicht auch Ma­rio Go­mez op­fern. Flan­ken oder Päs­se di­rekt in die Spit­ze dürf­ten ge­gen Ita­li­ens Drei-Mann-In­nen­ver­tei­di­gung oh­ne­hin kaum mög­lich sein.

So vie­le tak­ti­sche Fra­gen, so vie­le Even­tua­li­tä­ten, die Löw be­ach­ten muss. Im End­ef­fekt könn­te man in An­leh­nung an ei­ne alte Fuß­bal­lWeis­heit von Lu­kas Po­dol­ski sa­gen: „Fuß­ball ist wie Schach, nur mit Wür­feln.“Bei­de Trai­ner wer­den den Geg­ner se­zie­ren, tak­tie­ren, sich ein Schach­du­ell auf höchs­tem Ni­veau lie­fern – und am En­de kann den­noch ei­ne zu­fäl­li­ge Ak­ti­on das Spiel ent­schei­den. Man kann aus deut­scher Sicht nur hof­fen, dass Löw die rich­ti­ge Tak­tik wählt – und dass die deut­schen Spie­ler rei­hen­wei­se Sech­sen wür­feln. To­bi­as Escher (28) ist Tak­tik-Ex­per­te. Er be­treibt die In­ter­net­sei­te spiel­ver­la­ge­rung.de, auf der er mit sei­nen Mit­strei­tern re­gel­mä­ßig wich­ti­ge Spiel­zü­ge im Pro­fi­fuß­ball er­klärt.

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