Kroos ist das Herz der deut­schen Elf

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS FO­TO: FIRO

Der 26-Jäh­ri­ge ist Stra­te­ge und Takt­ge­ber. Sa­mi Khe­di­ra er­le­digt für ihn die Drecks­ar­beit.

EVIAN Bei „Deutsch­land sucht den Su­per­coo­len“wür­de To­ni Kroos aus dem Stand ei­nen Spit­zen­platz be­le­gen. Den Mit­tel­feld­spie­ler bringt so gar nichts aus der Ru­he. Auf­trit­te vor zig­tau­send Zu­schau­ern spielt er her­un­ter wie ei­ne Übung auf dem Trai­nings­platz, Län­der­spie­le sind der Nor­mal­fall, das Cham­pi­ons­Le­ague-Fi­na­le schraubt den Blut­druck nicht in un­ge­sun­de Hö­hen, und das EM-Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en mor­gen in Bor­deaux bringt ihn

„To­nis Weg spricht für sich. Er hat sein Spiel auf sei­ne Mann­schaf­ten

über­tra­gen“

Je­ro­me Boateng auf kei­nen Fall um die ge­sun­de Nacht­ru­he. Im­mer­hin stellt er fest: „Ich glau­be, dass es der für uns bis jetzt größ­te Prüf­stein wird.“

Leicht amü­siert nimmt er zur Kennt­nis, wie Fuß­ball-Deutsch­land über das Ita­li­en-Trau­ma dis­ku­tiert. Über die Un­schlag­bar­keit die­ses Geg­ners bei gro­ßen Tur­nie­ren. Über die Halb­fi­nal-Nie­der­la­ge vor vier Jah­ren, als Kroos selbst von Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw als Son­der­be­wa­cher für Andrea Pir­lo ver­schwen­det wur­de. Über Gi­gi Buf­fons furcht­er­re­gen­de Laut­stär­ke beim Sin­gen der Na­tio­nal­hym­ne. Über die tak­ti­sche Qua­li­tät der Ita­lie­ner. Über ih­re Ab­wehr. Über ih­ren Sturm. Über ih­ren Trai­ner. Und er fragt: „War­um soll­te ich ein Ita­li­enT­rau­ma ha­ben? Ich ha­be doch erst ein­mal bei ei­nem Tur­nier ge­gen Ita­li­en ge­spielt.“

Na­tür­lich reicht sein Ge­dächt­nis, sich dar­an zu er­in­nern. Aber die­se Nie­der­la­ge scheint al­len­falls von sta­tis­ti­scher Be­deu­tung zu sein. Der Fuß­bal­ler Kroos hat sich in den zu­rück­lie­gen­den vier Jah­ren seit dem 1:2 von War­schau auf ei­ne ganz an­de­re Ebe­ne ent­wi­ckelt. Man­che sa­gen: Er spielt in­zwi­schen in ei­ner ganz an­de­ren Welt. Der 22-Jäh­ri­ge, der in Mün­chen schon das Spiel zu di­ri­gie­ren be­gann, war bei der EM 2012 ein so­ge­nann­ter Er­gän­zungs­spie­ler.

Aber er wur­de im­mer mehr zu ei­ner prä­gen­den Fi­gur. Spä­tes­tens bei der WM 2014 hat­te das auch die ge­sam­te Öf­fent­lich­keit be­grif­fen. Und der 26-jäh­ri­ge Kroos ist der Mit­tel­punkt des deut­schen Spiels bei die­ser EM in Frank­reich. Er fin­det die­se Ent­wick­lung „ganz nor­mal“, er lässt sie je­doch lie­ber von an­de­ren be­schrei­ben. Vom Kol­le­gen Je­ro­me Boateng zum Bei­spiel, der es in Fra- gen der Un­auf­ge­regt­heit viel­leicht noch am ehes­ten mit Kroos auf­neh­men könn­te. Er er­klärt: „To­nis Weg spricht für sich. Er hat sein Spiel auf sei­ne Mann­schaf­ten über­tra­gen, im Ver­ein bei Re­al Ma­drid und in der Na­tio­nal­elf. Er be­stimmt das Tem­po, und er spielt her­vor­ra­gen­de Päs­se.“

Kroos ist längst der Stra­te­ge, den sein frü­her För­de­rer Jupp Heynckes im­mer in ihm ge­se­hen hat­te. Er über­nimmt die Ver­ant­wor­tung für das Spiel, und das muss er auch, weil er im de­fen­si­ven Mit­tel­feld im Ma­schi­nen­raum der deut­schen Mann­schaft sitzt. Bei den meis­ten Spiel­zü­gen und An­grif­fen hat er die Fü­ße im Spiel, er bringt es bis jetzt auf die un­ge­heu­er­li­che EM-Quo­te von 92,3 Pro­zent ge­lun­ge­nen Päs­sen – und er spielt den Ball ja nun wirk­lich nicht nur über fünf Me­ter quer. Des­halb wird er von den Mann­schafts­ka­me­ra­den auch so oft ge­sucht, weil mit sei­ner Ball­si­cher­heit be­ru­hi­gen kann, und Feh­ler kom­men bei ihm höchst sel­ten vor. Das gibt dem deut­schen Spiel den Rhyth­mus.

Bis­lang do­mi­niert er ge­mein­sam mit Sa­mi Khe­di­ra aus der Mit­te die Ak­tio­nen der DFB-Aus­wahl. Und er ist selbst­ver­ständ­lich auch da­für zu­stän­dig, mit sei­nem Ne­ben­mann die geg­ne­ri­schen An­griffs­ver­su­che im Ent­ste­hen zu er­ken­nen und mög­lichst früh­zei­tig zu stop­pen. Es ist ei­ne an­spruchs­vol­le Auf­ga­be. Kroos und Khe­di­ra ha­ben sie bis­lang mit ste­tig stei­gen­der For­mTen­denz be­wäl­tigt. Bei Kroos scheint es so, als ha­be er noch lan­ge nicht die Gren­zen sei­ner Fä­hig­kei­ten er­rei­chen müs­sen, Khe­di­ra hat sich eher wie­der her­ein­ge­kämpft in sei­ne Po­si­ti­on. Er er­füllt sie aber mit dem glei­chen tak­ti­schen Ver­ständ­nis.

„Sa­mi Khe­di­ra“, sagt Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw, „ist klug. Er er­le­digt sei­ne Auf­ga­be.“Das heißt: Er macht sei­nen Job auch dann rich­tig, wenn man das nicht so gut sieht, weil gera­de wie­der al­le Au­gen auf den Ball ge­rich­tet sind, wäh­rend der Ne­ben­mann von Kroos ei­nen mög­li­chen Pass­weg des Geg­ners durch ei­nen Spurt au­ßer­halb des Sicht­fel­des schließt. Es sind die­se un­auf­fäl­li­gen Ar­bei­ten, die Trai­nern im­mer be­son­ders gut ge­fal­len. Sie spre­chen von der Drecks­ar­beit, und sie tun es mit Re­spekt.

Den­noch re­den Teile der so­ge­nann­ten sport­li­chen Lei­tung in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit sehr gern über die Ver­bes­se­run­gen von Bas­ti­an Schwein­stei­ger im Trai­ning. Auch Ma­na­ger Oli­ver Bier­hoff tut es. „Kör­per­lich ist er so weit, dass er in der Start­elf ste­hen kann“, sagt Bier­hoff, „Jo­gi Löw be­fasst sich mit vie­len Va­ri­an­ten.“

Ei­ne könn­te aus ei­nem zen­tra­len Mit­tel­feld mit Schwein­stei­ger und Kroos be­ste­hen, zwei aus­ge­wie­se­nen Stra­te­gen. Schwein­stei­ger kommt für die­ses Duo in Fra­ge, weil er de­fen­si­ver denkt als Kroos und da­mit ei­ne Art de­fen­si­ven Li­be­ro ge­ben könn­te. So do­mi­nant wie Khe­di­ra an gu­ten Ta­gen ist er nicht. Und sei­ne Kurz­auf­trit­te im Tur­nier näh­ren zu­min­dest Zwei­fel dar­an, ob er das nö­ti­ge Tem­po im Spiel mit­ge­hen kann. Löw wird die­se Fra­ge be­ant­wor­ten kön­nen.

To­ni Kroos hat ei­ne er­staun­li­che Ent­wick­lung ge­macht und ist noch nicht an de­ren En­de an­ge­langt.

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