Por­tu­gal ge­winnt per Elf­me­ter­schie­ßen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON SEBASTIAN STIEKEL UND WOLF­GANG MÜL­LER

Im Ach­tel­fi­na­le hat­ten sie sich ge­gen Kroa­ti­en mit 1:0 in der Ver­län­ge­rung durch­ge­setzt, im Vier­tel­fi­na­le be­nö­tig­ten sie das Elf­me­ter­schie­ßen zum 6:4-Sieg. Im Halb­fi­na­le tref­fen die Por­tu­gie­sen nun auf Wa­les oder Bel­gi­en.

MARSEILLE (dpa) Elf­me­ter-Held Rui Patri­cio und Bay­ern-Neu­zu­gang Re­na­to San­ches las­sen Por­tu­gal wei­ter vom ers­ten gro­ßen Ti­tel träu­men. Die Mann­schaft um den er­neut blas­sen Su­per­star Cris­tia­no Ro­nal­do ge­wann das EM-Vier­tel­fi­na­le ge­gen Po­len am Don­ners­tag in Marseille mit 5:3 (1:1,1:1,1:1) im Elf­me­ter­schie­ßen. Patri­cio pa­rier­te nach 120 ins­ge­samt ent­täu­schen­den Mi­nu­ten den Schuss von Ja­kub Blasz­cy­kow­ski.

Das Team von Su­per­star Cris­tia­no Ro­nal­do spielt am kom­men­den Mitt­woch be­reits zum fünf­ten Mal um den Ein­zug in ein EM-Fi­na­le. Für die Po­len war das ers­te Tur­nier­Tor von Ro­bert Le­wan­dow­ski zu we­nig. Der Bay­ern-Stür­mer hat­te sein Team mit dem zweit­schnells­ten Tref­fer der EM-Ge­schich­te schon in der 2. Mi­nu­te in Füh­rung ge­bracht. Doch dann ant­wor­te­te sein künf­ti­ger Team­kol­le­ge San­ches (33.) mit dem Aus­gleich.

Vier Spie­le – null To­re. Die­se mick­ri­ge EM-Bi­lanz lösch­te Bay­ernStür­mer Le­wan­dow­ski nach nur 100 Se­kun­den aus und avan­cier­te da­mit zum zweit­schnells­ten Schüt­zen der EM-Ge­schich­te. Noch frü­her traf nur der Rus­se Dmi­tri Ki­rit­schen­ko vor zwölf Jah­ren. Beim 2:1-Sieg ge­gen Grie­chen­land brach­te er sein Team schon nach 67 Se­kun­den in Füh­rung.

Le­wan­dow­skis Tref­fer war ein ziem­lich di­cker Pat­zer von Por­tu­gals Rechts­ver­tei­di­ger Céd­ric So­a­res vor­aus­ge­gan­gen. Ka­mil Gro­si­cki hat­te freie Bahn, sei­ne fla­che Her­ein­ga­be ver­wan­del­te Le­wan­dow­ski per Di­rekt­ab­nah­me aus zehn Me­tern.

Das ers­te Tur­nier­tor be­flü­gel­te den Bun­des­li­ga-Tor­schüt­zen­kö­nig, über des­sen bis­he­ri­ge Flau­te in Frank­reich schon ge­rät­selt und auch ge­läs­tert wor­den war. In der 17. Mi­nu­te ver­setz­te der Mün­che­ner im Straf­raum sei­nen Ge­gen­spie­ler Pe­pe, schei­ter­te aber an Por­tu­gals Tor­wart Rui Patri­cio.

Por­tu­gal wirk­te durch den frü­hen Rück­stand ge­schockt. Erst nach 25 Mi­nu­ten ka­men die Sü­d­eu­ro­pä­er bes­ser in die Par­tie. Als An­trei­ber tat sich vor al­lem Bay­erns Mil­lio­nen­Ein­kauf San­ches her­vor. Der Mit­tel­feld­spie­ler krön­te sein über­zeu­gen­des Start­elf-De­büt bei die­ser EM mit sei­nem ers­ten Län­der­spiel­tor, als er Po­lens Schluss­mann Lu­kasz Fa­bian­ski mit ei­nem Links­schuss von der Straf­raum­gren­ze kei­ne Chan­ce ließ.

Mit 18 Jah­ren und 317 Ta­gen ist San­ches nun dritt­jüngs­ter Tor­schüt­ze der EM-Ge­schich­te nach dem Schwei­zer Jo­han Von­lan­then und En­g­lands Ka­pi­tän Way­ne Roo­ney so­wie der jüngs­te Spie­ler, der je­mals in ei­nem K.o.-Spiel bei EMTur­nie­ren ge­trof­fen hat.

Fünf Mi­nu­ten zu­vor hat­te Su­per­star Ro­nal­do erst­mals sein Kön­nen auf­blit­zen las­sen. Der Re­kord­mann, der sein 19. EM-End­run­den­spiel be­stritt, schei­ter­te an Fa­bian­ski. Kurz dar­auf wur­de der Stür­mer vom Cham­pi­ons-Le­ague-Sie­ger Re­al Ma­drid im Straf­raum von Po­lens Ab­wehr­mann Michal Paz­dan um­ge­sto­ßen, doch der deut­sche Schieds­rich­ter Fe­lix Brych gab den von Ro-

Ges­tern hat­te ich ei­ne Er­schei­nung. Ich trot­te­te zum Trai­nings­platz von La Mann­schaft, und auf dem Geh­steig stan­den zwei Fans. Rich­ti­ge Fans. In DFB-Tri­kots. Der ei­ne hieß Mül­ler und der an­de­re auch. So stand es hin­ten auf den Tri­kots. Der ei­ne trug ei­nen Bart, wie ihn die jun­gen Men­schen heu­te tra­gen, der an­de­re ei­ne Son­nen­bril­le. Sie woll­ten auch zum Trai­nings­platz von La Mann­schaft. Aber der Si­cher­heits­mann ließ sie nicht durch. Au­ßer­dem hat­te Jo­gi Ge­heim­trai­ning ver­ord­net. Ich ha­be ih­nen emp­foh­len, den Berg noch ein we­nig hin­auf zu stei­gen. Von der Par­al­lel­stra­ße her be­trach­tet ist das Ge­heim­trai­ning nur noch halb so ge­heim. Das ha­be ich schon vor Wo­chen ent­deckt. Die ei­ne Spiel­hälf­te, in der vie­le Hüt­chen auf­ge­baut wa­ren und in der Je­ro­me Boateng gera­de sei­ne teu­re Mus­ku­la­tur dehn­te, ist von oben schön ein­zu­se­hen.

Da stan­den nun die bei­den Fans, und der hö­he­re Stand­ort mach­te sie noch mehr zu ei­ner Er­schei­nung. Ein­hei­mi­sche dreh­ten sich ver­wun­dert um. Seit dem 7. Ju­ni hat­ten sie so et­was nicht mehr ge­se­hen. Da­mals, in der Bron­ze­zeit der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft, hat­te La Mann­schaft sich öf­fent­lich bei ih­ren Lei­bes­übun­gen in Evian be­stau­nen las­sen. Da ka­men vie­le in DFB-Tri­kots, man­che hie­ßen eben­falls Mül­ler, man­che Kroos und man­che Özil. Sie sind längst wie­der ver­schwun­den in die­sem gro­ßen, wei­ten Land. nal­do ge­for­der­ten Elf­me­ter nicht. Der drei­ma­li­ge Welt­fuß­bal­ler agier­te auch nach dem Wech­sel glück­los. Drei­mal tauch­te Ro­nal­do in der ge­fähr­li­chen Zo­ne auf - drei­mal ver­gab er kläg­lich und ha­der­te da­nach mit sich. Von Po­len war in der Of­fensive eben­falls nur noch we­nig zu

Im Jo­gi­land von Evian kom­men sie nicht vor. Sie be­völ­kern we­der die See­pro­me­na­de noch die Ca­fés und schon gar nicht das Ca­si­no, das sie we­gen schwe­rer Ver­stö­ße ge­gen die Klei­der­ord­nung ver­mut­lich auch so­fort des Saa­les ver­wei­sen wür­de. Sie fah­ren nicht mit der Seil­bahn, sie se­geln nicht mit Aus­flugs­boo­ten, selbst die Fäh­re nach Lau­sanne ist fan­freie Zo­ne. Zum Glück se­hen. Le­dig­lich Ar­ka­di­usz Mi­lik (69.) prüf­te Patri­cio ernst­haft.

An­sons­ten gab es vor bei­den To­ren kei­ne Auf­re­ger mehr. Für Un­ter­hal­tung sorg­te le­dig­lich ein Flit­zer, der nach 108 Mi­nu­ten auf den Platz stürm­te. So kam es am En­de zum Show­down vom Punkt.

Quar­tier­meis­ter und Ge­schich­ten­er­zäh­ler

hat Evian auf selt­sa­me Ein­rich­tun­gen wie ein Pu­b­lic Viewing ver­zich­tet. So­gar die Fern­se­her der Kn­ei­pen dür­fen nur dann nach drau­ßen ge­tra­gen wer­den, wenn die Ter­ras­se über­dacht ist.

Viel­leicht hat sich die Stadt­ver­wal­tung das al­les ein biss­chen an­ders vor­ge­stellt. Wahr­schein­lich hat sie er­war­tet, dass deut­sche Fuß­ball­freun­de in gro­ßer Zahl in ihr schö­nes Tal ein­fal­len wür­den. Vie­le Re­stau­rants ha­ben des­halb zur­zeit deut­sche Spei­se­kar­ten. Sie ha­ben aber kei­ne deut­schen Gäs­te, die ih­nen dar­aus vor­le­sen könn­ten.

Das macht aber nichts. Die Stadt ist so ent­spannt wie der Bun­des-Jo­gi selbst. Sie ver­lang­samt au­to­ma­tisch den Herz­schlag, ich füh­le mich schon ganz ge­sund. Und ich er­ken­ne die Weis­heit, mit der Deutsch­lands füh­ren­der Quar­tier­meis­ter sei­ne Wahl ge­trof­fen hat. Oli­ver Bier­hoff ist zu ver­dan­ken, dass die­ser Zip­fel von Frank­reich in den Schwei­zer Ber­gen am Gen­fer­see sei­ne be­ru­hi­gen­de Kraft ent­fal­ten kann. Der Oli hat be­stimmt ge­wusst, dass sich hier kei­ne Fan­mas­sen hin ver­ir­ren wür­den, die La Mann­schaft in ih­rer Nacht­ru­he oder beim frei­en Tag oder bei der Fahrt zum Trai­ning stö­ren könn­ten. Sie war­ten in den Spiel­or­ten und dür­fen im Sta­di­on dank­bar ju­beln. La Mann­schaft schwebt un­ter­des­sen wie­der in die Ein­sam­keit der Ber­ge.

Wenn sie den Oli aus­rei­chend für sei­ne über­aus gro­ße Weit­sicht ge- prie­sen hat, dann be­dankt sich der Ma­na­ger abends am Ka­min mit tol­len Ge­schich­ten. Ge­nau­er: Er be­dankt sich mit ei­ner tol­len Ge­schich­te. Sie spielt in der Zeit, als der Oli noch ein jun­ger Mann war, mit der glei­chen un­ver­wüst­li­chen Fri­sur wie heu­te und dem glei­chen vor­neh­men Lä­cheln.

Da­mals trug er sel­te­ner ei­nen An­zug und oft kur­ze Ho­sen. Er stürm­te über das Fuß­ball­feld und er­schreck­te die Ab­wehr­rei­hen der deut­schen Geg­ner mit sei­nen Kopf­bäl­len. Ei­nes Ta­ges wur­de der Oli ganz be­rühmt. Er schoss das gol­de­ne Tor in der Ver­län­ge­rung des EM-Fi­na­le 1996 von Lon­don ge­gen Tsche­chi­en. Er mach­te da­mit ganz Deutsch­land glück­lich.

Abends in der Trutz­burg von La Mann­schaft er­zählt er, wie er sich dreh­te im Straf­raum und wie der Ball ins Tor tru­del­te, wie er in­nig hoff­te, dass Ste­fan Kuntz nicht noch sei­ne im Ab­seits be­find­li­chen Fü­ße an den Ball brin­gen wür­de, wie er sich freu­te, das Tri­kot vom Leib riss und in ei­ner Ju­bel­trau­be ver­sank, wie sie nur der Ti­tel­ge­winn her­vor­brin­gen kann.

Ges­tern hat er die­se Ge­schich­te be­stimmt wie­der er­zählt, denn ges­tern war ihr Jah­res­tag. Am liebs­ten wür­de er sich in Evian ei­ne Aus­stel­lung wid­men. Aber das Pa­lais Lu­miè­re ist be­legt. Die Er­zäh­lung muss­te rei­chen. La Mann­schaft konn­te sie si­cher schon mit­spre­chen.

FO­TO: DPA

Der Star und der Tor­schüt­ze: Cris­tia­no Ro­nal­do gra­tu­liert Re­na­to San­ches zu sei­nem Tref­fer.

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