„Ich bin ein Chro­nist mei­ner Zeit“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR -

Der Fo­to­künst­ler sieht sich in der Tra­di­ti­on sei­ner Leh­rer. Und hat wie­der Sehn­sucht nach dem Ana­lo­gen.

Wie fand die Mu­sik zur Kunst? GURS­KY Mei­ne ho­he Af­fi­ni­tät zu Tech­no ist be­kannt. Ich hat­te im­mer schon über­legt, Sounds in ei­ne Aus­stel­lung zu brin­gen. Doch wir woll­ten auf kei­nen Fall, dass die Mu­sik in Kon­kur­renz zu den Bil­dern tritt. Er­gänzt der Sound eher Ih­re Kunst? GURS­KY Vor mei­nem „Rhein“ste­hend, glaubt man, Schif­fe aus der Fer­ne zu hö­ren, ei­ne Art sphä­ri­sches Rau­nen. Die Tech­no-Struk­tu­ren las­sen sich – sim­pel for­mu­liert – aus ei­ner Mi­schung be­schrei­ben von ,wenn die Plat­te springt und deut­scher Mar­sch­mu­sik’. Ge­nau das fin­den Sie in mei­nen Bil­dern wie­der. Das ge­bets­müh­len­ar­ti­ge Re­pe­tie­ren von glei­chen vi­su­el­len Ele­men­ten. Ana­log läuft das in der Mu­sik ab. Dröhnt die Mu­sik das Bild nicht zu? GURS­KY Ich hab zu DJ Ri­chie Haw­tin ge­sagt, das soll nicht als Un­ter­ma­lung der Bil­der kon­zi­piert wer­den. Er hat de­zent ge­ar­bei­tet, es funk­tio­niert gut. So kann ich mir vor­stel­len, dass un­se­re Zu­sam­men­ar­beit wei­ter­geht, dass wir mehr wa­gen. Sie bre­chen im­mer stär­ker aus der tra­di­tio­nel­len Fo­to­gra­fie aus, las­sen al­le hin­ter sich. Ent­springt Ih­re Kraft der Un­ru­he – oder eher der Ru­he? GURS­KY Ich ha­be schon ei­ne po­li­ti­sche Hal­tung, aber die soll in mei­nen Ar­bei­ten nicht eins zu eins sicht­bar wer­den. Ich bin Tra­di­tio­na- list, un­ter der Be­cher-Ägi­de groß­ge­wor­den. Die ha­ben sich auch nicht ein­deu­tig po­li­tisch ge­äu­ßert, son­dern als Chro­nis­ten ih­rer Zeit ver­stan­den. So se­he ich mich auch. Wel­che Schlüs­se zieht man dar­aus? GURS­KY Gera­de „Ama­zon“ist ein zeit­dia­gnos­ti­sches Bild und ei­ne Zu­stands­be­schrei­bung, die von 2016 da­tiert. Man kann al­les stu­die­ren in die­sem Bild, was uns ge­sell­schaft­lich um­gibt und be­ein­flusst. In die­ser Auf­nah­me sind 15 Mil­lio­nen Ob­jek­te er­fasst. Sie be­to­nen im­mer, dass Sie kein Ma­ler sind. Sind Sie aber ein Po­et? GURS­KY Ich hof­fe schon. Bei dem „Les Mées“zum Bei­spiel geht es mir nicht um die nüch­ter­ne Wie­der­ga­be ei­nes So­lar­fel­des in Süd­frank­reich, son­dern da ist ja die alte, wenn man so will, ro­man­ti­sche Welt noch sicht­bar im Hin­ter­grund. Und im Vor­der­grund ist ei­ne Land­schaft der Neu­zeit an­ge­legt. Bei­des ist da. Dass ich mich nicht für ein So­lar­feld in Ma­rok­ko ent­schie­den ha­be, das groß­flä­chig aus­ge­brei­tet ist, er- scheint nach­voll­zieh­bar. An „Les Mées“ist die Ver­zah­nung so wich­tig. Ist das Bild ei­gent­lich ei­ne Mon­ta­ge? GURS­KY Nein. Wenn ich vor Ort ein Fo­to mach­te, dann kä­me die­ses Mo­tiv her­aus. Der Kunst­griff, den ich an­wen­de, um ein Bild flä­chi­ger zu ma­chen, ist, dass ich den Vor­der­grund im­mer et­was ver­klei­ne­re und den Hin­ter­grund nä­her her­an­ho­le. Da­durch wird das Bild auch ma­le­ri­scher. Das ist ge­nau das Ge­gen­teil von dem, was ein „Stern“-Fo­to­graf macht. Da wer­den die Pa­nee­le vor­ne rie­sig groß, und der Hin­ter­grund ist gar nicht mehr sicht­bar. Ich muss das mal sa­gen: Die „Stern“-Fo­to­gra­fie hat mich nie in­spi­riert. Sie be­trei­ben ei­nen un­glaub­li­chen Auf­wand mit Rei­sen, Ge­neh­mi­gun­gen, Equip­ment. Wird Ih­nen manch­mal nicht al­les zu viel? GURS­KY Ìch bin an ei­nem Punkt, an dem ich mich da­nach seh­ne, mal wie­der ana­lo­ge Fo­tos zu er­stel­len. AN­NET­TE BO­SET­TI FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH

FO­TO: ANDRE­AS KREBS

Andre­as Gurs­ky ín sei­ner Aus­stel­lung.

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