Isst du noch, oder trinkst du schon?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR -

Die Fir­ma Nu3 hat ei­nen Sha­ke ent­wi­ckelt, der al­les be­inhal­ten soll, was der Kör­per braucht. Un­ser Au­tor hat den Mix ge­tes­tet und ge­lernt, dass Es­sen mehr als Nah­rungs­auf­nah­me ist.

Ich muss­te 26 Jah­re alt wer­den, um an die Gren­zen mei­ner Wil­lens­kraft zu sto­ßen. Mit dem mir ge­blie­be­nen Leicht­sinn ei­nes Mitt­zwan­zi­gers hat­te ich mir vor­ge­nom­men, fünf Ta­ge lang auf fes­te Nah­rung zu ver­zich­ten – und statt­des­sen je­de mei­ner Mahl­zei­ten durch ei­ne Art mo­der­ne As­tro­nau­ten­kost zu er­set­zen. Soll hei­ßen: Flüs­si­gnah­rung mor­gens, Flüs­si­gnah­rung mit­tags, Flüs­si­gnah­rung abends. An Tag vier ist mei­ne Ehr­furcht vor As­tro­nau­ten ins Uner­mess­li­che ge­stie­gen.

Aber der Rei­he nach. Es soll Men­schen ge­ben, die kei­ne Zeit ha­ben, sich ei­ne fes­te Mahl­zeit zu­zu­be­rei­ten. Des­halb hat die Ber­li­ner Er­näh­rungs­platt­form Nu3 „Com­pleat“ent­wi­ckelt – ei­nen Sha­ke, der al­les be­inhal­ten soll, was der Mensch zum Le­ben braucht. Der ver­meint­li­che Clou: Statt Zeit fürs Ko­chen op­fern zu müs­sen, kön­nen Kun­den zum Mix aus „Com­pleat“-Pul­ver und Was­ser grei­fen. Für Be­rufs­tä­ti­ge, de­ren Tag von Ter­mi­nen und Stress be­stimmt wird und die abends kei­ne Mu­ße fürs Schä­len, Ha­cken, Ent­ker­nen und Auf­set­zen ha­ben, ist der Sha­ke in der Theo­rie al­so ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve.

Gänz­lich neu ist die Idee von Nu3 nicht. Der Soft­ware­ent­wick­ler Rob Rhine­hart kre­ierte in ei­nem Selbst­ver­such ei­nen Mix aus Nähr­stof­fen, den er „Soy­lent“nann­te. An­fang 2013 schrieb er in sei­nem Blog „How I stop­ped ea­ting food“(dt. et­wa „Wie ich auf­hör­te, Spei­sen zu es­sen“) über sei­ne Er­fah­run­gen – für ihn war das Gan­ze ein Er­folg. Seit April 2014 ist „Soy­lent“auch für an­de­re In­ter­es­sier­te er­hält­lich. Es wird als „ein­fa­ches, ge­sun­des, er­schwing­li­ches Es­sen“an­ge­prie­sen.

Als ich das Pa­ket mit dem „Com­pleat“-Pul­ver zum ers­ten Mal in der Hand hal­te, fällt mein Blick zu­nächst auf die lan­ge Lis­te von In­halts­stof­fen. Mal­to­dex­trin, So­ja, Ka­li­um­ci­trat, Cal­ci­um­c­ar­bo­nat, Cho­lin­bitar­trat, Ma­g­ne­si­um­oxid, Salz, As­cor­bin­säu­re, D-al­pha-To­co­phe­ry­lace­tat, Zinks­ul­fat, Er­go­cal­ci­fe­rol, Ni­co­ti­n­a­mid­säu­rea­m­id, und so wei­ter. Klingt eher nach Che­mie­un­ter­richt als nach aus­ge­wo­ge­ner Er­näh­rung. Was zu­dem auf­fällt: Durch das So­ja schei­det der Sha­ke für All­er­gi­ker aus.

Für ei­nen Beu­tel mit 1500 Gramm Pul­ver ha­be ich im In­ter­net rund 25 Eu­ro be- zahlt. Der Her­stel­ler emp­fiehlt, 148 Gramm – ja, ge­nau 148 – des weiß­li­chen Pul­vers in 300 Mil­li­li­ter Was­ser auf­zu­lö­sen. Ei­ne Por­ti­on „Com­pleat“hat dann 547,8 Ki­lo­ka­lo­ri­en. Wer es, so wie ich, auf die Spit­ze treibt und sich gänz­lich von dem Sha­ke er­nährt, braucht al­so et­wa vier Stück am Tag, um satt und mit aus­rei­chend Nähr­stof­fen ver­sorgt zu wer­den. Und das ist das Ver­häng­nis, wie sich spä­ter zei­gen wird.

Der ers­te Schluck er­in­nert mich an den Ge­schmack von Ha­fer­flo­cken. „An­ge­nehm nach Ge­trei­de, oh­ne zu ner­ven“schme­cke der Sha­ke, schreibt Nu3 selbst. Für den Mo­ment ge­be ich dem Her­stel­ler Recht. Nach mei­nem ers­ten Früh­stück aus dem Be­cher bin ich zu­dem tat­säch­lich ge­sät­tigt.

Die ers­te Be­wäh­rungs­pro­be war­tet ein paar St­un­den spä­ter auf mich. In der Kan­ti­ne ge­nie­ßen die Kol­le­gen ihr war­mes Mit­tag­es­sen. Ich aber ha­be nur ei­nen Be­cher vol­ler As­tro­nau­ten­nah­rung vor mir ste­hen, und all­mäh­lich wird mir be­wusst, auf was ich in den kom­men­den Ta­gen ver­zich­ten will. War ei­ne war­me Mahl­zeit bis­lang auch im­mer et­was, das – an gu­ten Kan­ti­nenTa­gen – für Freu­de und Ge­nuss sorg­te, ist mei­ne Er­näh­rung in die­sem Mo­ment auf die Grund­be­stand­tei­le re­du­ziert. Aus Es­sen ist Nah­rungs­auf­nah­me ge­wor­den. Nähr­stoff­zu­fuhr aus rei­nem Über­le­bens­in­stinkt und Not­wen­dig­keit.

Am nächs­ten Tag das­sel­be Spiel. Als die Kol­le­gen um mich her­um am Mit­tags­tisch zu Pom­mes Fri­tes und Hähn­chen­schen­keln grei­fen, er­wi­sche ich mich, wie ich nei­disch auf ih­re Tel­ler star­re. Ich klam­me­re mich an mei­nem Be­cher fest und kann das Mit­leid der an­de­ren förm­lich grei­fen.

Abends er­rei­che ich den vor­läu­fi­gen Tief­punkt mei­nes Ex­pe­ri­ments. Das Pro­blem ist nicht, wie man bei ei­ner Er­näh­rung aus­schließ­lich mit Flüs­sig­keit ver­mu­ten dürf­te, der Hun­ger. Der Sha­ke macht satt, wenn auch nicht für lan­ge Zeit. Zu kämp­fen ha­be ich vor al­lem mit dem im­mer­glei­chen Ge­schmack. Nach Fei­er­abend in ein herz­haft be­leg­tes Brot, ein Stück gu­tes Fleisch oder ei­ne knusp­ri­ge Piz­za zu bei­ßen, ist für mich ein Stück Lu­xus. Ab­schal­ten, ent­span­nen, ge­nie­ßen. Was mir aber in die­sen Ta­gen bleibt, ist ein Be­cher Flüs­si­gnah­rung, nicht mehr.

Zwei Ta­ge spä­ter be­en­de ich den Test. Fünf Ta­ge hat­te ich mir vor­ge­nom­men, nach vier aber siegt der Wunsch nach ei­ner ech­ten Mahl­zeit. Ich seh­ne mich nach Ge­wür­zen, nach Ge­schmack, nach Le­ben.

Die Idee hin­ter „Com­pleat“ist im Grun­de ge­nom­men nicht schlecht. Ein Sha­ke, der satt macht und mit Nähr­stof­fen ver­sorgt, kann an stres­si­gen Ta­gen prak­tisch sein. Als Er­satz für al­le Mahl­zei­ten aber ist der Sha­ke nicht ge­eig­net – und wohl auch nicht ge­dacht. Vit­ami­ne, Mi­ne­ral­stof­fe und Spu­ren­ele­men­te mö­gen ei­nen am Le­ben hal­ten. Ein aus­ge­füll­tes Le­ben aber braucht Ge­nuss, braucht gu­tes Es­sen. Ein Sprich­wort be­sagt, Es­sen und Trin­ken hal­te Leib und See­le zu­sam­men. Nie war mir das so klar, wie in dem Mo­ment, als ich die Im­biss­bu­de um

die Ecke be­trat.

Ein Vi­deoTa­ge­buch un­se­res Au­tors fin­den Sie auf www.rp-on­li­ne.de

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