Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Zu An­nas Hoch­zeit“, er­wi­der­te Ag­gy. „Bis ich mal hei­ra­te, brau­chen die Leu­te kei­ne Klei­der mehr. Sie wer­den nackt und haar­los in ei­ner Salz­lö­sung trei­ben und ein­an­der ihr See­len­le­ben in ei­ner vir­tu­el­len Ze­re­mo­nie her­un­ter­la­den“, ant­wor­te­te An­na.

„Pssst. Du musst nur auf­hö­ren, ge­gen­über Män­nern mit dei­ner In­tel­li­genz an­zu­ge­ben, und ein­fach du selbst sein“, mein­te Mum zur all­ge­mei­nen Er­hei­te­rung.

„Al­so nicht in­tel­li­gent, son­dern ein­fach nur du selbst“, wit­zel­te Chris, zück­te sein Mes­ser und schnitt sich noch ein Stück Gra­na Pad­a­no ab.

„Mei­ne Toch­ter ist das in­tel­li­gen­tes­te Mäd­chen in ganz Lon­don“, ver­kün­de­te Dad und pros­te­te An­na zu.

„Ja, aber Män­ner mö­gen das nicht. Sie wol­len lie­ber ih­re Ru­he ha­ben“, be­harr­te Ju­dy.

„Es gibt auch an­de­re Män­ner als die, die du kennst, Mum“, seufz­te An­na. Ge­sprä­che mit ih­rer Mut­ter und Ag­gy lie­ßen An­na manch­mal am Er­folg der Frau­en­be­we­gung zwei­feln.

„Da jetzt al­le auf­ge­ges­sen ha­ben, ha­ben wir ei­ne Über­ra­schung für euch“, be­gann Ag­gy. „Chris und ich schrei­ben zur­zeit auf, was wir uns ein­an­der bei der Trau­ung ver­spre­chen wol­len, und wir möch­ten es an euch aus­pro­bie­ren. Als ex­klu­si­ve Vor­schau auf kom­men­de Sen­sa­tio­nen.“

An­na stell­te mit ei­ner hef­ti­gen Be­we­gung ihr Glas ab. „Soll­tet ihr euch eu­re Ver­spre­chen nicht für den gro­ßen Tag auf­spa­ren?“

„Ich will nichts dem Zu­fall über­las­sen. Was, wenn es lau­ter Schwach­sinn ist?“, wand­te Ag­gy ein.

„In gu­ten wie in schlech­ten Zei­ten“, er­wi­der­te An­na.

Zu spät. Ag­gy för­der­te be­reits ein Stück Pa­pier aus ih­rer Ta­sche zu­ta­ge. An­na stöhn­te.

„Chris, lass dich von mei­ner durch­ge­knall­ten Schwes­ter nicht un­ter Druck set­zen. Es ist nicht nö­tig, dass wir uns das an­hö­ren.“

„Soll das ein Scherz sein? Ich ha­be auf Be­fehl dei­ner Schwes­ter bis ein Uhr mor­gens da­ge­ses­sen, um mir et­was aus den Rip­pen zu schwit­zen“, pro­tes­tier­te Chris. „Und jetzt spitzt die Oh­ren!“

„Okay, al­so ich zu­erst“, ver­kün­de­te Ag­gy. An­na ließ den Blick um den voll­be­setz­ten Ess­tisch schwei­fen. Mum mach­te ein er­war­tungs­vol­les Ge­sicht, Dad ein neu­tra­les. An­na wünsch­te, der pis­ta­zi­en­far­be­ne Bo­den mö­ge sich auf­tun und sie ver­schlin­gen. Ob­wohl Ag­gy und sie sich äu­ßer­lich ziem­lich ähn­lich sa­hen, fühl­te sie sich in die­ser Fa­mi­lie manch­mal wie ein Fin­del­kind.

„Chris­to­pher, bei un­se­rer ers­ten Be­geg­nung hat­te ich Angst.

Ich war wie er­starrt und wag­te nicht . . .“

„Keuch! Ächz!“, prus­te­te An­na. „Das klingt ja wie aus ,I Will Sur­vi­ve’ von Glo­ria Gay­nor!“

„Mum!“Ag­gy stampf­te mit dem Fuß auf. „War­um sagst du nichts?“

„Au­re­lia­na, man muss nicht al­les im Le­ben ins Lä­cher­li­che zie­hen“, ta­del­te Mum.

Nach ei­ni­gem Blät­tern, Hüs­teln und Schmol­len beug­te sich Ag­gy wie­der über ih­re Auf­zeich­nun­gen.

„. . . mein Herz wie­der der Lie­be zu öff­nen. Du hast mich ge­lehrt, was es heißt zu lieben. Du blickst in mei­ne ge­heims­ten und in­tims­ten Or­te hin­ein . . .“

„Ha­ha­ha!“Wie­der konn­te An­na nicht an sich hal­ten, und am Tisch brach Tu­mult aus, weil Mum schimpf­te, Ag­gy em­pört kreisch­te und Chris und Dad eben­falls mit dem La­chen kämpf­ten.

„Was mag er dort wohl ge­se­hen ha­ben?“, frag­te An­na. „Ver­giss nicht, dass bei der Trau­ung Min­der­jäh­ri­ge an­we­send sind.“

„Mum, so tu doch was!“, pro­tes­tier­te Ag­gy in ei­ner Mi­schung aus tat­säch­li­cher und ge­spiel­ter Ent­rüs­tung.

„Au­re­lia­na, noch ein Wort und ich schi­cke dich ins Wohn­zim­mer.“

„Ja, bit­te, bit­te, schick mich raus!“Ag­gy be­ru­hig­te sich wie­der.

„Du bist mein Held, mein See­len­ver­wand­ter, mein Prinz. Ich ver­spre­che dir, dir dei­ne Lieb­lings-Cal­zo­ne mit Würst­chen zu ba­cken und mich nicht mehr über Sky Sports zu be­kla­gen, da es, wie du ganz rich­tig sagst, Be­stand­teil der TV-Flat­rate ist, die wir ge­mein­sam aus­ge­sucht ha­ben.“Ag­gy blick­te auf. „In der An­lei­tung zum For­mu­lie­ren per­sön­li­cher Ehe­ver­spre­chen im In­ter­net hieß es, dass man kon­kre­te Zu­sa­gen ma­chen soll“, er­klär­te sie.

Lei­se keu­chend press­te An­na sich die Ser­vi­et­te vor den Mund.

„Ich ver­spre­che, dir die Ze­hen­nä­gel zu schnei­den, falls du krank wirst . . .“

„Was?“An­na nahm die Ser­vi­et­te weg. „Seit wann muss man Kran­ken die Ze­hen­nä­gel schnei­den? So was kommt prak­tisch nie vor.“

„Weißt du noch, als Chris sich beim Fuß­ball das Bein ge­bro­chen hat und ei­nen Gips tra­gen muss­te? Nach ei­ner Wei­le sa­hen sei­ne Fü­ße aus wie bei ei­nem Ko­bold oder bei Cat­weaz­le.“

„Trotz­dem wür­de ich bei ei­ner Hoch­zeits­an­spra­che nicht aus­ge­rech­net den al­le­r­un­ro­man­tischs­ten Kör­per­teil er­wäh­nen.“

„Ein Fuß­fe­ti­schist wür­de das an­ders se­hen“, wand­te Chris ein.

„Goog­le mal den Na­men ir­gend­ei­ner Schau­spie­le­rin, ei­ner x-be­lie­bi­gen. Da wird au­to­ma­tisch Fü­ße er­gänzt. Echt ek­li­ges Zeug.“

„Goo­gelst du oft Schau­spie­le­rin­nen, Chris?“, er­wi­der­te An­na, wor­auf er ein Gris­si­no nach ihr warf.

„Mum! Jetzt hat An­na es tat­säch­lich ge­schafft, dass wir über Fußsex von Pro­mis re­den!“, schimpf­te Ag­gy.

„Au­re­lia­na, Ru­he!“, ent­geg­ne­te Ju­dy – nach all den Jah­ren wie auf Knopf­druck.

Ag­gy beug­te sich wie­der über ih­ren Zet­tel. „Ich ver­spre­che, dich zu eh­ren, zu schät­zen und dir zu ge­hor­chen . . .“

„Jetzt ma­chen wir end­lich Nä­gel mit Köp­fen!“, rief Chris aus und trom­mel­te mit den Hand­flä­chen auf die Tisch­plat­te.

„Ge­hor­chen?“, wie­der­hol­te An­na. „Sind wir im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert?“

„Wie hoch ste­hen die Chan­cen, dass dei­ne Schwes­ter das tat­säch­lich tut?“, warf Dad ein, und An­na muss­te ihm zu­ge­ste­hen, dass sein Ein­wand be­rech­tigt war.

„Von die­sem Ta­ge an wer­de ich dich für im­mer lieben.

Mein ganz besonderer Mann . . . mein Ch­ris­sy-Bär . . . mein Bes­ter . . .“Mit trä­nen­feuch­ten Au­gen sah sie sich am Tisch um.

„O Aga­ta!“, seufz­te Mum, die Au­gen eben­falls vol­ler Trä­nen.

An­na und Dad wech­sel­ten ein ver­schwö­re­ri­sches Grin­sen.

„So, Chris, jetzt bist du dran!“, ju­bel­te Ag­gy und schlang die Ar­me um den Leib.

Chris wisch­te sich mit ei­ner Ser­vi­et­te den Mund ab und ent­fal­te­te das aus der Ta­sche zu­ta­ge ge­för­der­te Stück Pa­pier.

(Fortsetzung folgt)

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