Die ver­hex­ten Kin­der von So­ko­dé

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WEITSICHT - VON PHIL­IPP HE­DE­MANN

Wenn im west­afri­ka­ni­schen To­go Kin­der der Zau­be­rei be­zich­tigt wer­den, dro­hen ih­nen Fol­ter und Tod – so­gar durch die ei­ge­nen El­tern.

SO­KO­DÉ „Ich weiß, dass es He­xer gibt, die Men­schen tö­ten kön­nen. Aber ich bin kein He­xer, ich bin ein ganz nor­ma­ler Jun­ge“, sagt Ata­ma­na. Sei­ne Fa­mi­lie hin­ge­gen glaubt, dass er über­mensch­li­che Kräf­te be­sitzt und sie ein­setzt, um Un­heil über sie zu brin­gen. Sein ei­ge­ner Bru­der ver­such­te des­halb, Ata­ma­na ri­tu­ell zu tö­ten. Der da­mals Zwölf­jäh­ri­ge be­hielt sein Le­ben, doch er ver­lor sei­ne rech­te Hand, die lin­ke ist seit­dem ver­stüm­melt. Ata­ma­na ist ei­nes von ver­mut­lich Tau­sen­den Kin­dern im west­afri­ka­ni­schen To­go, die je­des Jahr der He­xe­rei be­zich­tigt wer­den. Nie­mand weiß ge­nau, wie vie­le Kin­der miss­han­delt wer­den oder so­gar ster­ben müs­sen, weil ih­re ei­ge­nen El­tern, Ver­wand­ten oder Mit­glie­der der Dorf­ge­mein­schaft sie für ver­hext hal­ten.

Als Ata­ma­nas äl­tes­ter Bru­der erst schwer er­krank­te und sich kurz dar­auf bei ei­nem Mo­tor­rad­un­fall das Bein brach, hat­te sei­ne Fa­mi­lie den Schul­di­gen schnell aus­ge­macht. Meh­re­re tra­di­tio­nel­le Hei­ler und Voo­doo-Pries­ter er­kann­ten in dem schüch­ter­nen Jun­gen ei­nen He­xer. Auch für den Tod sei­nes zwei Jah­re zu­vor ver­stor­be­nen Va­ters sei er ver­ant­wort­lich, be­haup­te­ten die ein­fluss­rei­chen Män­ner. Da­mit die Schlä­ge end­lich auf­hör­ten, ge­stand der Jun­ge schließ­lich, mit dem Bö­sen im Bun­de zu ste­hen. Dar­auf­hin be­schloss sei­ne Fa­mi­lie, dass Ata­ma­nas zer­stö­re­ri­sche Macht nur durch sei­ne Er­mor­dung ge­bro­chen wer­den kön­ne.

Wie ein er­leg­tes Tier fes­sel­te sein äl­tes­ter Bru­der ihn an Hän­den und Fü­ßen an ei­nen Ast, streu­te ihm Pfef­fer in die Au­gen und leg­te ihn oh­ne Was­ser und Schatten von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang in die sen­gen­de Hit­ze. Vier Ta­ge wie­der­hol­te er das bes­tia­li­sche Ri­tu­al. Ata­ma­na konn­te sei­ne Hän­de und Fü­ße nicht mehr spü­ren, wuss­te nicht, ob er noch leb­te oder schon tot sei, als ei­ner sei­ner an­de­ren Brü­der die Fol­ter schließ­lich stopp­te und den halb to­ten Jun­gen ins Kran­ken­haus brach­te. Dort konn­ten die Ärz­te Ata­ma­nas Le­ben ret­ten, sei­nen durch die ta­ge­lan­ge Fes­se­lung nicht durch­blu­te­ten rech­ten Arm muss­ten sie je­doch un­ter­halb des El­len­bo­gens am­pu­tie­ren, die lin­ke Hand und bei­de Fü­ße sind seit der Fol­ter ver­stüm­melt.

Die to­goi­sche Kin­der­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Creu­set be­zahl­te die not­wen­di­gen Ope­ra­tio­nen und Ata­ma­nas ein­mo­na­ti­gen Kran­ken­haus­auf­ent­halt. Mitt­ler­wei­le lebt der von sei­ner Fa­mi­lie Ver­sto­ße­ne und fast zu To­de ge­fol­ter­te Jun­ge zu­sam­men mit an­de­ren Kin­dern, die der He­xe­rei be­zich­tigt wur­den, in ei­nem Creu­set-Kin­der­schutz-Zen­trum in So­ko­dé im Nor­den To­gos. „Auch im To­go ist es ist ge­setz­lich ver­bo­ten, Kin­der zu miss­han­deln oder gar zu tö­ten, weil ir­gend­je­mand sie der He­xe­rei be­zich­tigt. Aber die Wah­rung der Kin­der­rech­te ist nicht gera­de ei­ne Prio­ri­tät un­se­rer Re­gie­rung“, sagt Creu­set-Ge­schäfts­füh­rer Bru­no Mouk­pe Es­so­de­ke. Es­so­de­ke, selbst Va­ter von drei Kin­dern und gläu­bi­ger Ka­tho­lik, schätzt, dass acht von zehn To­go­ern an He­xen glau­ben. Un­ter ih­nen sind auch Po­li­zis­ten, Rich­ter und Po­li­ti­ker. Aus Angst vor den ver­hex­ten Kin­dern und den tra­di­tio­nel­len Hei­lern, die Men­schen an­geb­lich mit furcht­ba­ren Flü­chen be­le­gen kön­nen, trau­en auch sie sich nicht, ge­gen die­je­ni­gen vor­zu­ge­hen, die Kin­der tö­ten oder zu ih­rer Er­mor­dung auf­ru­fen.

Auch An­toi­ne soll­te ster­ben. Sei­ne Fa­mi­lie warf dem da­mals sie­ben Jah­re al­ten Jun­gen vor, für den Tod ei­nes On­kels und ei­nes Cou­sins und die Un­frucht­bar­keit ei­nes wei­te­ren On­kels ver­ant­wort­lich zu sein. Die­ser On­kel be­haup­te­te zu­dem, dass der zier­li­che Jun­ge ein ge­fähr­li­cher Zau­be­rer sei, der nachts See­len es­se. Um sein mör­de­ri­sches Trei­ben zu stop­pen, hiel­ten sei­ne Ver­wand­ten An­toi­nes rech­te Hand in ei­nen Topf mit ko­chen­dem Was­ser. Wä­re die Hand in Flam­men auf­ge­gan­gen, hät­te es der Fa­mi­lie als end­gül­ti­ger Be­weis ge­gol­ten, dass der Jun­ge tat­säch­lich ein He­xer ist. An­toi­nes Fin­ger brann­ten nicht, doch seit dem He­xen­test ist von der Hand nur noch ein ver­narb­ter Klum­pen üb­rig. „Mein On­kel ist da­für gera­de mal zwei Wo­chen ins Ge­fäng­nis ge­kom­men. Dann hat man ihn lau­fen las­sen“, er­zählt An­toi­ne, wäh­rend ihm Trä­nen übers Ge­sicht lau­fen. Der gu­te Schü­ler, des­sen Mut­ter An­alpha­be­tin ist, möch­te In­for­ma­ti­ons­mi­nis­ter wer­den, mit ei­ner Auf­klä­rungs­kam­pa­gne da­für sor­gen, dass im To­go kei­ne Kin­der mehr als He­xen ver­folgt wer­den.

Auch Creu­set setzt auf Auf­klä­rung. Un­ter dem Mot­to „Kin­der sind

„He­xen­ver­fol­gung wird un­ab­hän­gig von Bil­dung und Re­li­gi­on in ganz Afri­ka prak­ti­ziert“

kei­ne He­xen“ver­sucht die vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung, von „Ein Herz für Kin­der“, „Ak­ti­on Stern­stun­den“und dem Ver­ein „Kin­der­rech­te Afri­ka“un­ter­stütz­te Or­ga­ni­sa­ti­on, mit Ra­dio- und Pla­kat­kam­pa­gnen mög­lichst vie­le To­go­er zu er­rei­chen und Kin­der, die der He­xe­rei be­zich­tigt wer­den, zu schüt­zen und zu re­ha­bi­li­tie­ren. „Es geht uns nicht dar­um, Afri­ka um­zu­er­zie­hen. Die ’Afri­ka­ni­sche Char­ta der Rech­te und des Wohl­er­ge­hens des Kin­des’ geht in vie­len Be­rei­chen wei­ter als die UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on. Wir wol­len aber, dass sie end­lich auch voll­stän­dig um­ge­setzt wird, da­mit Kin­der ge­schützt und Ge­walt­tä­ter hin­ter Schloss und Rie­gel ge­bracht wer­den“, sagt Horst Buch­mann, Grün­der und Vor­sit­zen­der von „Kin­der­rech­te Afri­ka“. Doch bis da­hin ist es noch ein wei­ter Weg.

Simon Riahi

Kin­der kön­nen sich ge­gen fal­sche An­schul­di­gun­gen am schlech­tes­ten zu Wehr set­zen. Ha­ben Jun­gen oder Mäd­chen im To­go ei­ne kör­per­li­che Auf­fäl­lig­keit wie ein ver­grö­ßer­tes Au­ge oder ei­ne be­son­de­re Ei­gen­schaft wie her­aus­ra­gen­de In­tel­li­genz, gilt dies oft als Zei­chen bö­ser Mäch­te. Vor al­lem in ar­men und un­ge­bil­de­ten Ge­mein­schaf­ten auf dem Land zählt das Kol­lek­tiv zu­dem mehr als das In­di­vi­du­um. Müt­ter, die ih­re Kin­der vor den grau­sa­men For­men des Ex­or­zis­mus schüt­zen wol­len, ha­ben meist kei­ne Chan­ce, sich ge­gen die Dorf­ge­mein­schaft oder Hei­ler durch­zu­set­zen, die Kin­der teil­wei­se oh­ne je­des Un­rechts­be­wusst­sein tö­ten. Ein Kar­tell des Schwei­gens deckt die Ver­bre­chen. Und das nicht nur in To­go.

„Man muss da­von aus­ge­hen, dass He­xen­ver­fol­gung – un­ab­hän­gig von Bil­dungs­stand und Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit – in ganz Afri­ka prak­ti­ziert wird. Vor al­lem, wo Wett­be­werb und Neid herr­schen, in der Schu­le, der Ar­beits­welt oder im Sport, wer­den er­folg­rei­che Men­schen oft der He­xe­rei be­zich­tigt. Des­halb gibt es gan­ze Be­rufs­grup­pen und Kir­chen, die fast aus­schließ­lich auf das The­ma He­xen­ver­fol­gung set­zen“, sagt Id­ris Simon Riahi, der in Bayreuth über He­xen­glau­ben in West­afri­ka pro­mo­viert.

Auch der zehn­jäh­ri­ge Au­gus­tin wur­de zum Op­fer. Sein Va­ter ver­däch­tig­te ihn, da­für ver­ant­wort­lich zu sein, dass sei­ne bei­den jün­ge­ren Halb­brü­der stän­dig krank wa­ren. Um ihm die bö­sen Geis­ter aus­zu­trei­ben, brach­te der To­go­er sei­nen Sohn zu ei­nem weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus be­kann­ten tra­di­tio­nel­len Hei­ler. Für den Lohn von zwei schwar­zen Zie­gen und drei Kat­zen ver­sprach der Teu­fels­aus­trei­ber, Au­gus­tin und sei­ne bei­den jün­ge­ren Brü­der zu ku­rie­ren. Da­zu ver­ab­reich­te er Au­gus­tin je­den Tag Güs­se mit ei­nem selbst­ge­brau­ten Sud – und Schlä­ge.

Den Tag ver­brach­te Au­gus­tin zu­sam­men mit 30 an­de­ren Kin­dern bei der Feld­ar­beit und in der Sa­van­ne, wo er nach Zu­ta­ten für die Es­sen­zen des Meis­ters su­chen muss­te. „Wir ha­ben den gan­zen Tag wie Skla­ven ge­ar­bei­tet, kaum Es­sen und Trin­ken be­kom­men, und die Mäd­chen wur­den oft ver­ge­wal­tigt”, er­zählt Au­gus­tin, des­sen jüngs­ter Bru­der drei Ta­ge nach Be­ginn sei­ner Ge­fan­gen­schaft starb. Wäh­rend der Hei­ler in ei­nem Haus in der Stadt wohn­te und ein gro­ßes Au­to fuhr, muss­te Au­gus­tin sich mit 15 an­de­ren Jun­gen zwi­schen acht und 16 Jah­ren ei­ne Hüt­te tei­len. Er und die an­de­ren Kin­der hat­ten so gro­ße Angst vor ih­rem Pei­ni­ger, dass sie es nicht wag­ten da­von­zu­lau­fen. Da die meis­ten von ih­nen auf Wunsch ih­rer El­tern bei dem Schar­la­tan wa­ren, un­ter­nahm auch die Po­li­zei nichts, um sie zu be­frei­en.

Nach ei­nem Jahr wur­de Au­gus­tin schließ­lich für um­ge­rech­net rund 150 Eu­ro von Creu­set frei­ge­kauft. Seit­dem lebt er im Zen­trum der Kin­der­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on. Hier fürch­tet sich nie­mand vor dem freund­li­chen Jun­gen. Sein Va­ter hin­ge­gen glaubt noch im­mer, dass sein Äl­tes­ter ihm sei­nen jüngs­ten Sohn ge­nom­men hat.

For­scher an der Uni Bayreuth

FO­TO: HE­DE­MANN

Au­gus­tin (14) im Kin­der­heim der Or­ga­ni­sa­ti­on Creu­set in So­ko­dé in To­go. Weil er ihn für ei­nen He­xer hielt, der für die Er­kran­kung sei­ner jün­ge­ren Brü­der ver­ant­wort­lich ist, gab sein Va­ter ihn an ei­nen Voo­doo-Pries­ter, für den der Jun­ge Skla­ven­ar­beit ver­rich­ten muss­te.

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