ANALYSE

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS -

Im­mer mehr Men­schen zwei­feln grund­sätz­lich an der Wis­sen­schaft. In Deutsch­land wer­den Schul­me­di­zin, Gen-Nah­rung und mo­der­ne Tech­nik von man­chen mit bei­na­he re­li­giö­ser In­brunst ab­ge­lehnt. War­um nur?

Eu­ro­pa ist die Zahl der Impf­geg­ner hö­her, und nir­gend­wo ha­ben al­ter­na­ti­ve Hei­ler so viel Zu­lauf wie in Deutsch­land, ob­wohl die me­di­zi­ni­sche Wirk­sam­keit ih­rer Me­tho­den kei­ner wis­sen­schaft­li­chen Über­prü­fung stand­hält.

Aber dar­auf kommt es nicht an. Es geht um Ge­füh­le. Denn sie sind es vor al­lem, die un­se­re Welt­sicht prä­gen, nicht ir­gend­wel­che Wis­sen­schaft­ler, die an un­se­ren Ver­stand ap­pel­lie­ren. Er­kennt­nis­se, die man mit wis­sen­schaft­li­cher Me­tho­dik ge­winnt, sind ja auch nicht im­mer leicht nach­zu­voll­zie­hen. Als Ga­li­leo Ga­li­lei zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts be­haup­te­te, die Er­de dre­he sich um sich selbst und krei­se zu­dem um die Son­ne, wi­der­sprach das nicht nur der Leh­re der Kir­che, son­dern wi­der­streb­te auch dem ge­sun­den Men­schen­ver­stand: Konn­te man doch je­den Tag mit ei­ge­nen Au­gen se­hen, wie die Son­ne die Er­de um­run­det!

Sol­che in­tui­tiv er­wor­be­nen An­sich­ten sind nur schwer zu un­ter­drü­cken, und des­we­gen ver­las­sen sich vie­le Men­schen lie­ber auf ih­re per­sön­li­chen Er­fah­run­gen als auf abs­trak­te Sta­tis­ti­ken. Und sie ver­trau­en der Ein­schät­zung von Men­schen, die sie ken­nen. Ame­ri­ka­ni­sche Ver­hal­tens­stu­di­en ha­ben er­ge­ben, dass es fast zweit­ran­gig ist, was wir glau­ben. Weit be­deut­sa­mer für uns ist, wer sonst noch dar­an glaubt. Für die Zweif­ler ist es zu­dem sehr ein­fach ge­wor­den, ih­re An­sich­ten mit ei­ge­nen In­for­ma­tio­nen und Ex­per­ten aus dem In­ter­net zu un­ter­mau­ern.

Die Wis­sen­schafts­skep­sis ist kei­ne Fra­ge man­geln­der Bil­dung. Im Ge­gen­teil: Es sind häu­fig die Ge­bil­de­te­ren, die zwei­feln, weil sie ge­lernt ha­ben, Din­ge in­fra­ge zu stel­len. Aber dann fehlt ih­nen der fach­li­che Hin­ter­grund, um selbst ein pro­fun­des Ur­teil zu fäl­len. Nicht al­les, was Wis­sen­schaft und Tech­nik er­mög­li­chen, ist Fort­schritt, und auch Wis­sen­schaft­ler nei­gen manch­mal da­zu, nur Fak­ten wahr­zu­neh­men, die ih­re An­nah­men stüt­zen. Aber wir soll­ten das Ver­trau­en nicht ver­lie­ren, dass die meis­ten uns nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen die Wahr­heit sa­gen. Auch wenn es nicht die Wahr­heit ist, die wir viel­leicht ger­ne hö­ren wür­den.

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