Ös­ter­reichs De­mo­kra­tie funk­tio­niert sehr wohl

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON MAT­THI­AS BEERMANN VON DETLEV HÜWEL VON THO­MAS REISENER

Es hat schon et­was Pein­li­ches, wenn die Wahl ei­nes Staats­ober­haupts wie in Ös­ter­reich we­gen Feh­lern bei der Stim­men­aus­zäh­lung wie­der­holt wer­den muss. Die Ver­fas­sungs­rich­ter ha­ben zahl­rei­che Re­gel­ver­stö­ße fest­ge­stellt, Nach­läs­sig­kei­ten zu­meist, je­den­falls kei­ne be­wuss­te Wahl­fäl­schung. Aber ge­ra­de an­ge­sichts des knap­pen Wahl­aus­gangs muss ein Ab­stim­mungs­ver­fah­ren über je­den Ver­dacht der Schlam­pe­rei oder gar der Schum­me­lei er­ha­ben sein. Es geht hier schließ­lich um den Kern­be­reich der de­mo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung. Zu­dem hat die­se Prä­si­den­ten­wahl Ös­ter­reich in zwei La­ger ge­spal­ten. Nichts ist in die­ser Si­tua­ti­on töd­li­cher als das Gift des Ver­dachts, bei der Wahl sei es nicht mit rech­ten Din­gen zu­ge­gan­gen.

Al­so ist es bes­ser, den Ur­nen­gang zu wie­der­ho­len, so un­an­ge­nehm das auch sein mag. Nie­mand kann sa­gen, wie die Wie­der­ho­lung der Stich­wahl aus­geht. Ge­siegt hat aber jetzt schon die De­mo­kra­tie in Ös­ter­reich, die ent­ge­gen al­len An­fein­dun­gen von den rech­ten und lin­ken Rän­dern des po­li­ti­schen Spek­trums sehr wohl funk­tio­niert. Das Ge­richt hat rich­tig er­kannt: Es ging bei die­sem Ur­teil vor al­lem dar­um, ei­nen Ver­trau­ens­ver­lust in den Rechts­staat und das po­li­ti­sche Sys­tem zu ver­hin­dern. BE­RICHT ÖS­TER­REICH MUSS NEU WÄH­LEN, TI­TEL­SEI­TE

EMil­des Ur­teil

igent­lich könn­te der At­ten­tä­ter mit dem gest­ri­gen Ur­teil mehr als zuf­rie­den sein. Frank S. hat Hen­ri­et­te Re­ker – stell­ver­tre­tend für al­le „lin­ken“Po­li­ti­ker – tö­ten wol­len. Das steht für das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf zwei­fels­frei fest. Den­noch hat es mit Blick auf die schwe­re Kind­heit und früh ein­ge­setz­te Per­sön­lich­keits­stö­run­gen ge­wis­se Mil­de wal­ten las­sen. Hin­zu kommt, dass Hen­ri­et­te Re­ker den Mes­ser­an­schlag wie durch ein Wun­der über­lebt hat und heu­te als Ober­bür­ger­meis­te­rin in Köln tä­tig sein kann.

Doch der Mann, der sich von Ver­schwö­rern und Ma­ni­pu­la­to­ren um­ge­ben wähnt, fühlt sich auch dies­mal wie­der un­ge­recht be­han­delt und kün­digt Re­vi­si­on an. Das wird ihm nichts nut­zen. Auf an­walt­li­chen Rat hört er al­ler­dings schon lan­ge nicht mehr. S. ist ein ver­na­gel­ter rechts­ra­di­ka­ler Wirr­kopf, ein ge­fähr­li­cher Ein­zel­gän­ger. Die Fra­ge ist, ob er sich nach sei­ner Frei­las­sung aus dem Ge­fäng­nis (nach wie viel Jah­ren?) wirk­lich so im Griff hat, dass ihn nie­mand mehr zu fürch­ten braucht. Wer ihn im Ge­richts­saal er­lebt hat, könn­te dar­an er­heb­li­che Zwei­fel ha­ben. BE­RICHT 14 JAH­RE HAFT FÜR AT­TEN­TAT . . ., TI­TEL­SEI­TE

Sil­ves­ter-De­ba­kel

Der Auf­tritt der Mi­nis­ter­prä­si­den­tin ges­tern vor dem Un­ter­su­chungs­aus­schuss war ei­ne Über­ra­schung. Ob­wohl die Lan­des­re­gie­rung sich in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht ei­ne er­schre­cken­de Si­cher­heits­lü­cke ge­leis­tet hat und das Land da­nach er­wie­se­ner­ma­ßen auch noch über Ta­ge im Blind­flug re­gier­te, ging Kraft ges­tern als Sie­ge­rin vom Platz.

Wie ist das mög­lich? Die Op­po­si­ti­on hat Feh­ler ge­macht. Bei den vor­aus­ge­gan­ge­nen Be­fra­gun­gen der ope­ra­ti­ven Ebe­nen konn­ten vor al­lem die Ver­tre­ter von CDU und FDP dank ih­rer ex­zel­len­ten Vor­be­rei­tung im­mer neue Un­fass­bar­kei­ten aus den Ver­ant­wort­li­chen des Ein­sat­zes kit­zeln. Bei der Be­fra­gung von Kraft wur­den die Aus­schuss-Ex­per­ten jetzt aber Op­fer ih­rer ei­ge­nen Fleiß­ar­beit. Ge­sät­tigt vom De­tail­wis­sen aus mo­na­te­lan­gem Ak­ten­stu­di­um, be­frag­ten sie die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin viel zu klein­tei­lig und ver­lo­ren sich im­mer mehr in Un­ter­ka­pi­teln. So konn­te Kraft im­mer wie­der auf die nach­ge­la­ger­ten Hier­ar­chie-Ebe­nen ver­wei­sen. Die ei­gent­li­che Fra­ge, war­um sie ih­ren In­nen­mi­nis­ter nicht längst ent­las­sen hat, kam erst gar nicht zur Spra­che. BE­RICHT KRAFT: ICH HA­BE MICH . . ., TI­TEL­SEI­TE

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.