UND DIE WELT

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Deut­sche lie­ben leich­te Bü­cher

Ir­gend­wann wird je­mand auf die ul­ki­ge Idee ge­kom­men sein, die Fe­ri­en­zeit als Le­se­zeit zu de­kla­rie­ren. Das dürf­te gut ge­meint und un­ter den ge­ge­be­nen Le­bens­um­stän­den un­se­rer Zeit auch an­ge­mes­sen sein. Zu kei­ner an­de­ren Zeit des Jah­res dürf­ten wir so viel Mu­ße ha­ben, uns Bü­chern zu wid­men. Al­les schön und gut. Das Dum­me dar­an ist nur, dass dem Le­sen als Ur­laubs­be­schäf­ti­gung so ei­ne Art Son­der­sta­tus zu­kommt, der mit dem En­de der Fe­ri­en wie­der er­lischt. Das Le­sen hat so sei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit und All­täg­lich­keit ein­ge­büßt. Wer al­so den Le­ser er­for­schen will, muss ihn da auf­spü­ren, wo er mas­sen­haft vor­kommt: im Ur­laub oder bei der Pla­nung sei­nes Ur­laubs. Das hat jetzt ei­ne Agen­tur im Auf­trag der Buch­bran­che ge­macht, die na­tur­ge­mäß zu er­staun­li­chen Er­geb­nis­sen ge­kom­men ist. Et­wa zum Ge­wicht, dem phy­si­schen wie geis­ti­gen. So liegt al­les Leicht­ge­wich­ti­ge im Trend. Zum ei­nen zie­hen fast 65 Pro­zent der Be­frag­ten ein dün­nes Buch vor, am bes­ten al­so ein Ta­schen­buch. Zum an­de­ren steht Un­ter­halt­sa­mes oben auf der Lis­te. Das heißt dann zum Ent­set­zen je­ner, die die Ver­tei­di­gung auch des geis­ti­gen Abend­lan­des auf ih­re Fah­nen ge- schrie­ben ha­ben, dass es in die­sem Som­mer höchst­wahr­schein­lich we­der Lud­wig Witt­gen­steins opu­len­ter „Trac­ta­tus lo­gi­co-phi­lo­so­phi­cus“mit dem zum Gas­sen­hau­er ge­wor­de­nen Ein­stiegs­satz „Die Welt ist al­les, was der Fall ist“in die Ur­laub­stü­te schaf­fen wird noch Ar­thur Scho­pen­hau­ers zwei­bän­di­ge „Welt als Wil­le und Vor­stel­lung“. Be­son­ders schlimm ist die in­tel­lek­tu­el­le Ver­ro­hung im Saar­land, ei­nem oh­ne­hin la­bi­len Bun­des­land an Frank­reichs Gren­ze. Dort näm­lich – so die Mei­nungs­for­scher – wol­len sich nur 13 Pro­zent der Rei­sen­den auch kom­ple­xe­ren Buch­in­hal­ten wid­men. Das sieht im Her­zen Deutsch­lands gott­lob ge­fes­tig­ter aus. Von den Bran­den­bur­gern mu­ten sich wa­cke­re 34,1 Pro­zent an­spruchs­vol­le Ma­te­rie zu. So­dann ent­deck­ten die For­scher (was in der Na­tur al­len For­schens liegt) noch ei­ne wei­te­re Schrul­le: Die Rhein­land-Pfäl­zer nei­gen auf­fal­lend oft zum Ta­schen­buch auf Rei­sen – mit 73,2 Pro­zent! Die Er­klä­rung der For­scher: Dort müs­se die Vor­lie­be zu ed­len Bü­chern und dem­ent­spre­chend die Sor­ge vor Fle­cken und Esels­oh­ren groß sein. Dar­um al­so der Hang zum Bil­lig­buch. Es sei nur am Ran­de er­wähnt, dass die Stu­die ei­ne Flug­ge­sell­schaft fi­nan­zier­te, die jetzt für Ur­laubs­bü­cher ein Ki­lo Zu­satz­frei­ge­päck spen­diert. Da wird es an den Flug­hä­fen jetzt ein gro­ßes Wie­gen ge­ben und viel­leicht auch li­te­ra­tur­kri­ti­sche Ge­sprä­che an den Schal­tern. Stel­len Sie sich al­so auf län­ge­re War­te­zei­ten ein. Aber die las­sen sich nut­zen: zum Le­sen et­wa. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de

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