To­des­an­zei­ge als Abrech­nung

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON EMILY SENF SCREENSHOT: TRIE­RI­SCHER VOLKS­FREUND

In Tri­er ist ein 64-Jäh­ri­ger ge­stor­ben, des­sen of­fen­bar selbst ver­fass­te To­des­an­zei­ge im In­ter­net gro­ße Auf­merk­sam­keit fin­det. Zu Leb­zei­ten wa­ren ihm Of­fen­heit und Ehr­lich­keit wich­tig, im Ab­schieds­text holt er noch mal zum Schlag aus.

TRI­ER Of­fen, ehr­lich und nach­tra­gend – so wie sich Hu­bert M. wäh­rend sei­nes Le­bens ge­se­hen hat, so will er of­fen­bar auch nach sei­nem Tod in Er­in­ne­rung blei­ben. Vor ei­ner Wo­che ist er 64-jäh­rig in sei­ner Hei­mat­stadt Tri­er ge­stor­ben und hat ei­ne wohl selbst ge­schrie­be­ne To­des­an­zei­ge hin­ter­las­sen, die ihn nun post mor­tem bun­des­weit be­kannt mach­te. „Ich mel­de mich hier­mit vom Le­ben ab“, be­ginnt er sei­nen Text, der ei­ner Abrech­nung mit sei­ner Ver­wandt­schaft gleicht.

Den Ham­mer hat sich M. für den Schluss auf­be­wahrt, di­rekt nach der IBAN-Num­mer für die Geld­spen­den an das Ho­s­piz Tri­er: Sei­nen Ge­schwis­tern – „den an­de­ren fünf Kin­dern mei­ner El­tern“– ver­bie­tet M. die Teil­nah­me an sei­ner Ver­ab­schie­dungs­fei­er. Er wählt deut­li­che Wor­te: „Ihr seid aus­ge­la­den!“Dar­un­ter steht sei­ne Un­ter­schrift, wie um zu ver­deut­li­chen, dass die Wor­te von ihm stam­men. Ein Fo­to zeigt ei­nen Mann mit grau­en Haa­ren, Bart und bräun­lich ge­tön­ter Bril­le.

Doch M. fin­det auch net­te Wor­te. Sei­nen Zei­len nach, die am Mitt­woch auf dem Trau­er­por­tal der Re­gio­nal­zei­tung „Trie­ri­scher Volks­freund“er­schie­nen und im In­ter­net viel­fach ge­teilt wur­den, war sein Le­ben von vie­len Krank­hei­ten über­schat­tet, „die letz­te war lei­der un­be­sieg­bar“. An sei­ne Frau, den Sohn und zwei En­kel­kin­der rich­tet er Wor­te vol­ler Zu­nei­gung und Be­dau­ern dar­über, nicht mehr Zeit mit­ein­an­der ver­bracht ha­ben zu kön­nen. „Nun denn, trotz al­lem ein gu­tes Le­ben“, schreibt er und dankt sei­nen Freun­den, die „wis­sen, dass sie ge­meint sind. Vie­le sind das ja nicht“. Sei­nem tür­ki­schen Freund Musta­fa wid­met der Ver­stor­be­ne ei­nen ei­ge- nen Ab­satz. „Die Ein­bli­cke in sei­ne (mir in Tei­len wohl im­mer fremd ge­blie­be­ne) Fa­mi­li­en­kul­tur wa­ren nicht im­mer schmerz­frei für mich“, gibt er zu. Zu­min­dest ei­ne Ei­gen­schaft scheint die Män­ner ver­bun­den zu ha­ben: „Aber er war ehr­lich zu mir. Und Of­fen­heit und Ehr­lich­keit wa­ren mir im­mer sehr wich­tig.“Das bringt den Trie­rer zum nächs­ten Punkt: „Man­chem ha­be ich da­mit weh­ge­tan – und das war gut so.“

Für sei­ne Trau­er­fei­er, die für den heu­ti­gen Sams­tag ge­plant ist, hat­te M. vor sei­nem Tod kon­kre­te Vor­stel­lun­gen: kei­ne Trau­er­klei­dung, kei­ne Kreu­ze oder sons­ti­ge of­fe­ne oder ver­steck­te re­li­giö­se Sym­bo­le. Schließ­lich sei er, bis zu­letzt, „über­zeug­ter At­he­ist“ge­we­sen. So­gar für die Blu­men mach­te er den Trau­er­gäs­ten Vor­ga­ben: „wenn über­haupt, bit­te nur gel­be und oran­ge Li­li­en oh­ne star­ken Ge­ruch“.

Oli­ver Wirth­mann, Ge­schäfts­füh­rer beim Ku­ra­to­ri­um Deut­sche Be­stat­tungs­kul­tur, hat für die­se Art von To­des­an­zei­gen we­nig Ver­ständ­nis. Da­bei ge­be es sie im­mer wie­der, „das ist gar nicht un­ge­wöhn­lich“. Er hät­te M. oder sei­ner Fa­mi­lie wahr­schein­lich von dem Text ab­ge­ra­ten. „Wem nützt der jetzt?“, fragt Wirth­mann. Ne­ben den Wün­schen des Ver­stor­be­nen gel­te es, auch die In­ter­es­sen der Hin­ter­blie­be­nen zu be­ach­ten. „Der Mann be­wegt sich in ei­nem so­zia­len Um­feld, ob er will oder nicht“, sagt Wirth­mann.

Ge­ne­rell sei es heut­zu­ta­ge gar nicht un­üb­lich, dass die Ver­fas­ser von To­des­an­zei­gen von den bis­he­ri­gen Kon­ven­tio­nen ab­wei­chen. Sie wür­den nur noch sel­ten re­li­giö­se In­hal­te wäh­len, son­dern eher bio­gra- fi­sche Wür­di­gun­gen ver­wen­den. „Statt ,Je­sus holt den Ver­stor­be­nen heim’ heißt es nun et­wa ,er fin­det Ru­he im Ewi­gen’“, be­rich­tet Wirth­mann. Kreu­ze wür­den durch Bil­der von Blu­men, Bäu­men und Se­en er­setzt. „Die Men­schen neh­men sich für To­des­an­zei­gen mehr Zeit.“

Wenn ge­wünscht, wür­den sie da­bei vom Be­stat­ter be­treut. Der wer­de in der Aus­bil­dung auf Trau­er­druck und -an­zei­gen ge­schult, sagt Wirth­mann. „Men­schen in Trau­er sind an­fäl­lig für Fehl­ent­schei­dun­gen.“Denn selbst wenn M. sei­ne To­des­an­zei­ge wahr­schein­lich ge­nau­so ge­wollt hat, wie sie ver­öf­fent­licht wur­de, hät­te er da­bei auch an sei­ne Frau und den Sohn den­ken sol­len, sagt Wirth­mann: „Sie müs­sen in ih­rer Trau­er nun auch mit den Re­ak­tio­nen auf die­se An­zei­ge klar­kom­men.“

Was für ein Mensch Hu­bert M. wirk­lich war, wis­sen wohl nur sei­ne engs­ten An­ge­hö­ri­gen. Sei­ne Frau und die En­kel zu­min­dest schal­te­ten ei­ne ei­ge­ne To­des­an­zei­ge. Dar­in heißt es: „Du hast al­les zu­rück­ge­las­sen: dei­ne Schmer­zen, dei­ne Ängs­te und dei­ne Lie­be. Und die bleibt für im­mer!“

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