De­mü­tig, aber selbst­be­wusst ge­gen Ita­li­en

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - EM 2016 - VON RO­BERT PETERS

Ab­wehr­chef Je­ro­me Boateng sagt über den heu­ti­gen Vier­tel­fi­nal-Geg­ner: „Es gibt Schlim­me­res.“Doch Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw for­dert heu­te Ge­duld und warnt: „Das kann schon auch zäh wer­den.“

EVI­AN Er kann es noch, und die kur­ze Ho­se steht ihm auch noch ganz gut. Beim Ab­schluss­trai­ning der Na­tio­nal­mann­schaft vor dem EMVier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en in Bor­deaux (heu­te, 21 Uhr) mischt der Ma­na­ger mit. Oli­ver Bier­hoff ist in Evi­an Dop­pel­pass­part­ner für die Tor­hü­ter und Ziel­spie­ler für die lan­gen Päs­se von Ma­nu­el Neu­er. In die Stamm­for­ma­ti­on für den Klas­si­ker drängt Bier­hoff (48) nicht – trotz sei­ner lan­gen Er­fah­rung als Spie­ler in Ita­li­en. Bei den wich­tigs­ten The­men spricht er trotz­dem mit. Das Deutsch­land-Bild der Ita­lie­ner. „Wir ge­nie­ßen ei­ne ho­he Wert­schät­zung“, sagt Bier­hoff, „wir ste­hen für Or­ga­ni­sa­ti­on und Dis­zi­plin. Zu mei­ner Zeit gab es noch das Bild der Pan­zer, wir wa­ren ein un­an­ge­neh­mer Geg­ner. Heu­te wird das tol­le Fuß­ball­mo­dell Deutsch­land hoch ge­schätzt.“Ita­lie­ner, er­klärt der deut­sche Ma­na­ger, „ha­ben ei­ne Freu­de an den schö­nen Din­gen“. Des­halb fin­den sie den deut­schen Fuß­ball so gut. Der ita­lie­ni­sche Fuß­ball. Die deut­sche Mann­schafts­füh­rung preist Ita­li­ens Mann­schaft mit Hin­ga­be. Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw glaubt, sie sei bes­ser als die Welt­meis­ter­mann­schaft von 2006 oder der EMFi­na­list von 2012. Die Deut­schen sind be­ein­druckt von der Ru­he im Spiel des Vier­tel­fi­nal­geg­ners und von sei­ner Fä­hig­keit, sich auf je­den Kon­tra­hen­ten ein­zu­stel­len. „Es hat mich schon ein biss­chen über­rascht, wie sie ge­gen Spa­ni­en auf­ge­tre­ten sind. Die Spa­nier wa­ren ja für vie­le ein Top­fa­vo­rit“, sagt Mit­tel­feld­spie­ler To­ni Kroos. Ma­na­ger Bier­hoff sieht auch im of­fen­si­ver ori­en­tier­ten Auf­tre­ten der „Squa­dra“die al­te Lie­be zum Ver­tei­di­gen ver­bor­gen. „Der Ita­lie­ner“, er­klärt Bier­hoff, „ist vom Er­geb­nis her mi­ni­ma­lis­tisch ein­ge­stellt. Er freut sich über ein 1:0 und kann es lei­den­schaft­lich dis­ku­tie­ren.“ Wie müs­sen die Deut­schen spie­len? Die DFB-Aus­wahl braucht die schnel­le Ver­la­ge­rung des Spiels auf die Flü­gel, da­mit sie den ita­lie­ni­schen Block in der Mit­te aus­ein­an­der­zie­hen und sich selbst Räu­me ver­schaf­fen kann. Aber Löw warnt: „Das kann schon auch zäh wer­den.“Bei al­ler Ri­si­ko­be­reit­schaft be­nö­tigt sei­ne Mann­schaft die viel­zi­tier­te Kom­pakt­heit im ei­ge­nen Mit­tel­feld, da­mit sie nicht in Kon­ter läuft. Viel Ar­beit für die Zen­tra­le mit Kroos und Sa­mi Khe­di­ra. Sie muss mit den In­nen­ver­tei­di­gern Je­ro­me Boateng und Mats Hum­mels das Spiel auf­bau­en. „Wich­tig ist, un­ser Spiel durch­zu­drü­cken“, be­tont Boateng. Gibt es Än­de­run­gen? Das lässt Löw wie im­mer of­fen. „Es kann sein“, sagt er, „viel­leicht müs­sen wir im Trai­ner­team noch et­was tüf­teln.“Auf­fal­lend häu­fig lo­ben Löw, sei­ne As­sis­ten­ten und auch Trai­nings­gast Bier­hoff den Ka­pi­tän. „Bastian Schwein­stei­ger ist in ei­nem sehr gu­ten Zu­stand“, sa­gen sie, und es hört sich an, als wür­den sie über ei­nen ge­pfleg­ten Old­ti­mer re­den. Zu viel Lauf­zeit wol­len sie ihm aber wohl nicht zu­mu­ten. Bis­lang wa­ren es im­mer nur Kurz­ein­sät­ze. Und ob­wohl Schwein­stei­ger nach der Vier­tel­stun­de ge­gen die Slo­wa­kei fest­stell­te, „es hät­ten auch ein paar Mi­nu­ten mehr sein kön­nen“, drängt er nicht so mäch­tig in die Stamm­elf, wie die Kom­pli­men­te na­he­le­gen mö­gen. Drax­ler oder Göt­ze. Der Wolfs­bur­ger Ju­li­an Drax­ler hat nach sei­nem gu­ten Auf­tritt im Ach­tel­fi­na­le die Na­se deut­lich vorn. Ma­rio Göt­ze hat­te bis­her nicht das Glück, an­nehm­ba­re Vor­stel­lun­gen mit Tor­er­fol­gen zu un­ter­mau­ern. Drax­ler spiel­te auf­fäl­lig, traf und be­rei­te­te ei­nen Tref­fer vor. Es wä­re er­staun­lich, wenn er ge­gen Ita­li­en zu­schau­en müss­te. Drei­er- oder Vie­rer­ket­te. „Wir kön­nen bei­des“, sagt Hum­mels. In der Drei­er­ket­te trat die DFB-Aus­wahl im Früh­jahr bei ih­rem 4:1-Test­spie­l­er­folg über Ita­li­en in Mün­chen an. „Das war si­cher auch kein Zu­fall“, er­klärt der künf­ti­ge Bay­ern-Ver­tei­di­ger. In ei­ner Drei­er­ket­te mit drei In­nen­ver­tei­di­gern wür­de Be­ne­dikt Hö­we­des ins Team rut­schen, Me­sut Özil wie da­mals in Mün­chen viel­leicht ne­ben Kroos in die Zen­tra­le und Khe­di­ra auf die Bank. Ein biss­chen viel Wech­sel­thea­ter vor ei­nem wich­ti­gen Spiel. Fal­sche oder rich­ti­ge Neun. Das ist schon lan­ge kein The­ma mehr. Ma­rio Go­mez spielt fast so be­weg­lich wie Mi­ros­lav Klo­se im Welt­meis­terTeam, er hat zwei Tref­fer er­zielt und da­mit bes­te Wer­bung für wei­te­re Ein­sät­ze ge­macht. Göt­ze könn­te die furcht­er­re­gen­de Ju­ven­tus-Ab­wehr in Ita­li­ens Na­tio­nal­team (Bar­zag­li, Bo­nuc­ci, Chiel­li­ni) mit sei­nen Dribb­lings är­gern, ob er Zwei­kämp­fe mit den har­ten Jungs aus Tu­rin aus­hal­ten wür­de, ist ei­ne ganz an­de­re Fra­ge. Deutsch­lands Per­spek­ti­ve. Löw hält den Ball be­tont flach, er will sich trotz ei­ner stän­di­gen Auf­wärts­ent­wick­lung auf kei­nen Fall in die Fa­vo­ri­ten­rol­le drän­gen las­sen. „Wir brau­chen ein biss­chen De­mut und Be­schei­den­heit“, sagt der Bun­des­trai­ner. Er lobt lie­ber aus­dau­ernd die Ita­lie­ner. Das ist gut, denn es schärft die Sin­ne. Selbst­be­wusst darf sein Team auf je­den Fall in die Be­geg­nung ge­hen. „Ich ma­che mir jetzt nicht Tag und Nacht Ge­dan­ken über Ita­li­en“, be­teu­ert Boateng glaub­haft und fügt hin­zu: „Es gibt Schlim­me­res.“Stimmt. Aber bei die­sem Tur­nier?

FO­TO: IMA­GO

Rie­sen­chan­ce für Mats Hum­mels 2012: Wie Gi­gi Buf­fon, Gior­gio Chiel­li­ni und Ma­rio Go­mez (v. li.) ist er auch heu­te Abend da­bei. Andrea Pir­lo (21) fehlt.

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