Drax­ler drib­belt sich zum Stamm­platz

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON RO­BERT PETERS

Der Wolfs­bur­ger trat beim 3:0 ge­gen die Slo­wa­kei im Ach­tel­fi­na­le aus sei­nem ei­ge­nen Schat­ten. Nur noch sel­ten ist der al­te, mit­un­ter des­in­ter­es­sier­te Drax­ler zu se­hen, der sei­ne Trai­ner schon ein­mal zur Weiß­glut brin­gen konn­te.

EVI­AN-LES-BAINS Manch­mal ver­gisst man, dass Ju­li­an Drax­ler erst 22 ist. Denn er ist doch schon so lan­ge da­bei. Er ist Welt­meis­ter, ob­wohl er in Bra­si­li­en nur ein Vier­tel­stünd­chen mit­wir­ken durf­te, al­ler­dings im Jahr­hun­dert­spiel im Halb­fi­na­le ge­gen die Gast­ge­ber (7:1). Er hat bei sei­nem Wech­sel zum VfL Wolfs­burg da­für ge­sorgt, dass sein ehe­ma­li­ger Ver­ein Schal­ke 04 die größ­te wirt­schaft­li­che Ein­nah­me durch ei­nen Trans­fer fei­ern durf­te. Für min­des­tens 35 Mil­lio­nen Eu­ro und ein paar ein­ge­bau­te Son­der­zah­lun­gen bis zu sie­ben Mil­lio­nen oben­drauf wech­sel­te er vor ei­nem Jahr das Tri­kot.

Und es scheint Ewig­kei­ten her, dass sein da­ma­li­ger Trai­ner dem ge­ra­de 17-Jäh­ri­gen emp­fahl, die Schule für den Fuß­ball sau­sen zu las­sen. Drax­ler hat sich von Fe­lix Ma­gath nicht drän­gen las­sen. Trotz der Dop­pel­be­las­tung zwi­schen Schul­bank und Trai­nings­platz mach­te er sein Fach­ab­itur, und er schaff­te es schnell nach oben im Fuß­ball. So schnell, dass er in­zwi­schen ein paar be­deu­ten­de Rück­schlä­ge in sei­ner jun­gen und doch so lan­gen Lauf­bahn hin­neh­men muss­te. Die ers- ten gro­ßen Zweif­ler fin­gen be­reits an, die blö­de Ge­schich­te vom ewi­gen Ta­lent zu er­zäh­len.

Drax­ler ist bei der Na­tio­nal­mann­schaft aus dem ei­ge­nen Schat­ten ge­tre­ten. Nach eher zag­haf­ten Auf­trit­ten in den Grup­pen­spie­len, die ihn zu Recht auf die Bank zu­rück­brach­ten, kam im Ach­tel­fi­na­le ge­gen die Slo­wa­kei der Durch­bruch. Er spiel­te sehr be­weg­lich, sehr auf­fäl­lig, schoss ein Tor, be­rei­te­te ei­nes vor und mach­te die Ab­wehr mit sei­nen Dribb­lings ziem­lich ver­rückt. „Es war der Auf­trag des Bun­des­trai­ners, die 1:1-Si­tua­tio­nen zu su­chen“, er­klär­te er.

Auf­trag er­füllt. Mehr Re­gung gönn­te er sich nicht. Und auch sei­ne Freu­de über die­ses Spiel war eher in­ner­lich. Er sprach ar­ti­ge Sät­ze, wie sie in der An­stands­fi­bel des Ver­bands auf­be­wahrt sein könn­ten. Er sag­te: „Ich bin froh, gut ge­spielt zu ha­ben. Ich woll­te dem Team hel­fen, es war ei­ne neue Mög­lich­keit für mich.“Er sag­te: „Ich freue mich, dass es ein gu­tes Spiel war, ob es mein bes­tes für die Na­tio­nal­mann­schaft war, müs­sen an­de­re be­ur­tei­len.“Und er sag­te: „Wir ha­ben ei­ne gut ver­an­lag­te Mann­schaft, da macht es nichts, mal nicht zu spie- len.“Sein Spiel ist viel spek­ta­ku­lä­rer. Er kann wie we­ni­ge an­de­re auf dem Kon­ti­nent in ho­hem Tem­po den Ball kon­trol­lie­ren, und er stellt dann manch­mal Sa­chen mit ihm an, die selbst er­fah­re­ne Kol­le­gen in Stau­nen ver­set­zen. „Er hat ein ganz fei­nes Füß­chen“, er­klär­te Ma­rio Go­mez, der in sei­nem lan­gen Fuß­bal­ler­le­ben schon an der Sei­te von Zau­ber­künst­lern wie Franck Ri­bé­ry und Ar­jen Rob­ben ge­spielt hat. Drax­ler ist auf dem Weg, ein ganz ei­ge­ner, un­ver­wech­sel­ba­rer Typ zu wer­den. Das liegt an sei­ner Be­weg­lich­keit. Manch­mal win­det er sich wie ein Tän­zer um sei­ne Geg­ner, und in sei­nen bes­ten Mo­men­ten lässt er Ab­wehr­spie­ler reich­lich tap­sig aus­se­hen. Ob­wohl sie in der glä­ser­nen Fuß­ball­welt sei­nen Lieb­lings­trick si­cher aus­gie­big stu­diert ha­ben, fal­len sie im­mer wie­der dar­auf her­ein.

Drax­lers Stan­dard­be­we­gung geht so: Er läuft auf den Geg­ner zu, zieht den rech­ten Fuß in ei­nem Bo­gen über den Ball, führt den Ball mit dem an­de­ren Fuß in die Ge­gen­rich­tung, da­zu beugt er den Kör­per da­hin, wo der Ball nun doch nicht hin­rollt. Die Fach­leu­te nen­nen den Stan­dard „Über­stei­ger“. Drax­ler be­herrscht die klei­ne Übung mit bei­den Fü­ßen, das macht sie für die Geg­ner noch ver­hee­ren­der. Ge­gen die Slo­wa­ken gab es ei­ne ein­drucks­vol­le Auf­füh­rung des Kunst­stücks.

Der deut­sche Of­fen­siv­spie­ler dreh­te Ge­gen­spie­ler Ju­raj Ku­cka der­art ein, dass der bei­na­he auf dem Ho­sen­bo­den ge­lan­det wä­re, zog zur Grund­li­nie und leg­te Go­mez den Ball fürs 2:0 vor. Ei­ne per­fek­te Mi­schung aus Kunst und Ef­fek­ti­vi­tät.

Ein paar Mi­nu­ten vor die­sem Glanz­stück war auf der an­de­ren Sei- te des Sta­di­ons von Lil­le noch der an­de­re Drax­ler zu be­sich­ti­gen, je­nes zar­te Kerl­chen, das in den Grup­pen­spie­len häu­fi­ger auf­trat. Da stell­te er sich reich­lich des­in­ter­es­siert dem Flan­ken­ver­such von Ku­cka. Das for­der­te Ma­nu­el Neu­er zu ei­ner Pa­ra­de her­aus, wie sie viel­leicht nur Neu­er be­herrscht. Mit ei­nem eng­li­schen Tor­wart hät­ten die Deut­schen wohl den Aus­gleich hin­ge­nom­men.

Die An­fäl­le von de­fen­si­vem Des­in­ter­es­se ha­ben Drax­lers Trai­ner gern mal zum An­lass klei­ner Wu­t­aus­brü­che ge­nom­men. Be­vor sich Löw in Lil­le da­zu auf­ma­chen konn­te, hat­te der Spie­ler die Ge­schich­te vorn kor­ri­giert. Und er fand sich auch zu en­er­gi­sche­rer Mit­ar­beit am Te­am­pro­dukt Ab­wehr­spiel be­reit. So en­ga­giert, dass Löw fest­stel­len durf­te: „Drax­ler hat sehr gut ge­ar­bei­tet, da­mit bin ich sehr zuf­rie­den.“Es war der Mo­ment, in dem Drax­ler dem Stamm­platz ganz nah kam. Dem Stamm­platz im Vier­tel­fi­na­le heu­te ge­gen Ita­li­en. Das Tak­tik­vi­deo zum Ita­li­en-Spiel bei www.rp-on­line.de/em

FO­TO: IMA­GO

Ju­li­an Drax­ler be­leb­te im Spiel ge­gen die Slo­wa­kei den lin­ken Flü­gel. In sei­nen Dribb­lings nahm er es wie in die­ser Sze­ne oft mit gleich meh­re­ren Ge­gen­spie­lern auf.

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