„Ge­gen Deutsch­land will kei­ner ger­ne spie­len“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 -

Der ehe­ma­li­ge Bun­des­trai­ner im Ge­spräch über über­ra­schen­de Is­län­der, ent­täu­schen­de En­g­län­der und den „Angst­geg­ner“Ita­li­en.

LE­VER­KU­SEN Rudi Völ­ler kennt wie kein an­de­rer den deut­schen und ita­lie­ni­schen Fuß­ball. 90 Län­der­spie­le hat er ab­sol­viert, war Welt­meis­ter und spiel­te fünf Jah­re lang in Rom. Ein sport­li­cher Miss­er­folg als deut­scher Te­am­chef – das tor­lo­se Re­mis 2003 auf Is­land – war zu­gleich sein größ­ter me­dia­ler Er­folg. Herr Völ­ler, was geht in Ih­nen vor, wenn Sie die Is­län­der spie­len se­hen? VÖL­LER Ich er­tap­pe mich schon da­bei, dass ich dem Au­ßen­sei­ter die Dau­men drü­cke. Wie schon das Du­ell Spa­ni­en ge­gen Ita­li­en ha­be ich das Spiel der Is­län­der ge­gen En­g­land ent­spannt an­ge­schaut. Aber ich muss ge­ste­hen: Als Fuß­ball-Fan freut mich die­ser Sieg. Ha­ben Sie auch an Ih­re le­gen­dä­re Wut­re­de in Reyk­ja­vík ge­dacht? VÖL­LER Das ist lan­ge her, aber nach die­sem EM-Ach­tel­fi­na­le wird man na­tür­lich dar­auf an­ge­spro­chen. Wir ha­ben da­mals schlecht ge­spielt. Aber an­ders als die En­g­län­der, die nun raus aus dem Tur­nier sind, ha­ben wir trotz­dem die Qua­li­fi­ka­ti­on ge­schafft und sind oh­ne Nie­der­la­ge Grup­pen­ers­ter ge­wor­den. Man kann die­se bei­den is­län­di­schen Teams oh­ne­hin nicht mehr ver­glei­chen. Man muss sich nur de­ren Qua­li­fi­ka­ti­on an­schau­en. Die wa­ren in ei­ner Grup­pe mit den Hol­län­dern, der Tür­kei so­wie Tsche­chi­en und ha­ben sich recht deut­lich durch­ge­setzt. Spä­tes­tens seit­dem darf man die Is­län­der nicht auf die leich­te Schul­ter neh­men. Sie hat­ten ja schon da­mals ge­sagt, dass es kei­ne „Klei­nen“mehr im Fuß­ball gibt. VÖL­LER Vor dem Hin­ter­grund, dass nur et­wa 320.000 Men­schen auf der In­sel le­ben und die dann auch noch ei­ne sol­che Na­tio­nal­mann­schaft zu­sam­men­be­kom­men, ist das EMVier­tel­fi­na­le na­tür­lich ein her­aus­ra­gen­der Er­folg für Is­land, aber kein Zu­fall. Die Spie­ler sind gut aus­ge­bil­det und durch ih­ren schwe­di­schen Trai­ner toll ge­schult. Das ist ei­ne Kon­se­quenz der Qua­li­fi­ka­ti­on. Die Mann­schaft tritt als ei­ne Ein­heit auf – und bringt da­zu noch das Herz mit, das es braucht. Um­so bit­te­rer ist das Er­geb­nis für En­g­lands Fuß­ball. VÖL­LER Die En­g­län­der wer­den jetzt zer­ris­sen, aber noch­mal: Man darf nicht ver­ges­sen, dass Is­land bis­her ei­ne star­ke Qua­li­fi­ka­ti­on und ein gu­tes Tur­nier ge­spielt hat. Die To­re wa­ren toll her­aus­ge­spielt, zu­gleich aber ha­ben die En­g­län­der ih­ren Teil da­zu bei­ge­tra­gen. Es zeig­te sich das ewi­ge Pro­blem der En­g­län­der auf der Tor­hü­ter­po­si­ti­on.

Was trau­en Sie Is­land noch zu? VÖL­LER Auch die Fran­zo­sen müs­sen sich in Acht neh­men. Sie wer­den si­cher spiel­be­stim­mend sein, aber ein Selbst­läu­fer wird das nicht. Der Druck, als gro­ße Fuß­ball­na­ti­on und Gast­ge­ber des Tur­niers den kras­sen Au­ßen­sei­ter schla­gen zu müs­sen, ist rie­sig. Wie be­wer­ten Sie das Aus­schei­den der Spa­nier? VÖL­LER Ich hät­te ih­nen et­was mehr zu­ge­traut. Im Ver­gleich zu ih­rer Ab­wehr und ih­rem Mit­tel­feld fehl­te ih- nen im An­griff die Qua­li­tät. Es ist ein Un­ter­schied, ob Inies­ta oder Bus­quets mit Ney­mar, Mes­si oder Sua­rez spie­len in ih­rem Ver­ein – oder dem Stürm­chen, das sie jetzt hat­ten. Das fällt am ehes­ten ne­ga­tiv auf. Bar­ce­lo­na hat die drei Zau­ber­jungs, das ha­ben die Spa­nier nicht. Bei al­len Dis­kus­sio­nen über Sys­te­me: Am En­de des Ta­ges ma­chen doch die Spie­ler den Un­ter­schied. Ge­gen die Ita­lie­ner ist es so­wie­so im­mer schwie­rig, To­re zu er­zie­len. Bei Bar­ce­lo­na spie­len die drei Ra­ke­ten, in der spa­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft ist das nicht der Fall. Wa­ren Sie mehr von Ita­li­en über­rascht oder eher von Spa­ni­en ent­täuscht? VÖL­LER Die Ita­lie­ner ha­ben das mit tak­ti­scher Kon­se­quenz und Lei­den­schaft auf ih­re Art gut ge­löst. So sind sie von An­fang an in das Tur­nier ge­gan­gen. Das sieht nicht im­mer so pri­ckelnd und spie­le­risch gut ge­löst aus wie bei Deutsch­land, aber es ist er­folg­reich. Das wird heu­te ei­ne un­be­que­me Auf­ga­be für Deutsch­land. VÖL­LER Na­tür­lich wird das nicht ein­fach. Aber ich glau­be nicht, dass im deut­schen Team des­we­gen je­mand zit­tert. Da­für ist Deutsch­land zu stark und weiß um sei­ne Qua­li­tät. Die Mann­schaft spielt mei­nes Erach­tens über­le­ge­ner als vor zwei Jah­ren bei der WM. Na­tür­lich wa­ren bis­her noch nicht die ganz gro­ßen Geg­ner da­bei. Trotz­dem wa­ren ge­ra­de die bei­den letz­ten Vor­stel­lun­gen über­zeu­gend. Wie kann ein Sieg ge­gen den ewi­gen „Angst­geg­ner“ge­lin­gen? VÖL­LER Deutsch­land wird die Auf­ga­be auch ge­gen die Ita­lie­ner spie­le­risch lö­sen müs­sen – und die Chan­cen, die es be­kommt, nut­zen. Ich glau­be nicht, dass sich Deutsch­land da­von be­ein­dru­cken lässt, dass die Ita­lie­ner ge­gen Spa­ni­en ge­won­nen ha­ben. Deutsch­land ist Welt­meis­ter. Ge­gen uns will kei­ner ger­ne spie­len – auch die Ita­lie­ner nicht. Die fürch­ten eher Deutsch­land als um­ge­kehrt. Wie be­wer­ten Sie das bis­he­ri­ge Auf­tre­ten der deut­schen Mann­schaft? VÖL­LER Da gibt es nichts zu me­ckern. Klar fehl­te das ei­ne oder an­de­re Tor, aber fuß­bal­le­risch ist das her­aus­ra­gend. Das Du­ell ge­gen Ita­li­en wird ein schö­nes Spiel, das wird die Leu­te be­geis­tern. Was trau­en Sie der DFB-Elf zu? VÖL­LER So wie Deutsch­land bis­her auf­ge­tre­ten ist, ist man ab­so­lu­ter Fa­vo­rit. Wenn man sich am En­de in die­sem Mo­dus durch­setzt, hat man es auch ver­dient. STE­FA­NIE SANDMEIER FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH

FO­TO: IMA­GO

Es gibt nur ei­nen Rudi Völ­ler: Der ehe­ma­li­ge Te­am­chef war bei der EM 2004 ein be­son­ders be­lieb­tes Mo­tiv.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.